Entfaltetes Selbst! – Selbst entfaltet?

von kison
(c) Mona Schütze

(c) Mona Schütze

Pfadfinden soll und will jedem jungen Menschen einen Raum zur Entfaltung des eigenen Selbst bieten. Das meine ich seit Jahren. Nun hat die laru-Redaktion mich angesprochen, einen Erfahrungsbericht zu schreiben zum Thema: Pfadfinden als Raum zur Selbstentfaltung. Mein erster Gedanke: „Ui, na mal schauen, was das wird.“ Und jetzt, da ich anfange zu schreiben, weiß ich auch noch nicht, was am Ende raus kommt.

Ich habe 24 Jahre mit mir verbracht. Die Hälfte davon fand zu einem guten Teil im BdP statt. Davor schon war ich Mitglied im DPV-Verband VDP – wie lange? Keine Ahnung. Ich weiß nicht, wie lang ich schon Pfadfinder bin, aber ich habe meine ersten Jahre in einem anderen Verband verbracht und so zweierlei erlebt: dass Pfadfinden nicht gleich Pfadfinden ist, aber auch, dass viele Unterschiede nur Facetten desselben Pfadfindens sind. Die Entscheidung zu wechseln habe ich nie bereut (auch wenn meine Eltern sie getroffen haben). Der Grund des Wechsels lag darin, dass es in dem alten Stamm ein bisschen drunter und drüber ging und schon einige andere vom Gifhorner VDP-Stamm zu Ata Ulf übergetreten waren. Wir jungen Sipplinge haben gemerkt, wie hierarchisch das Selbstverständnis der jugendlichen Gruppenleitungen war, wie wenig Raum wir selbst hatten. Klar haben wir z. B. bei dem großen Lager auf Langeoog so viel Freizeit gehabt, dass wir auf eigene Faust die Insel erkundet haben – aber wir konnten eben nichts wirklich machen.

Ich habe mit dreizehn schon mal ein Liederbuch gemacht!

Bei Ata Ulf gab es eigentlich nur eine Gruppenleiterin, die die Meute, zwei Sippen und den ganzen Stamm gemanagt hat, und die auch deutlich älter war als die Gruppenleitungen beim anderen Stamm – konkret: Sie war die Mutter einiger Stammesmitglieder. Sie wusste, wie sie mit uns jugendlichen Jungs umgehen musste (Mädchen gab’s nicht). Mit meinen zwölf Jahren war ich in der jüngeren Sippe, der Sippe Spica, und habe dort schneller Anschluss zu den anderen Vieren gefunden als in der dreiköpfigen Sippe im alten Stamm. Unzweifelhaft hatte unsere Gruppenleiterin nicht wenig Anteil daran, denn sie hat immer große Acht darauf gegeben, dass wir Freunde wurden: Sie ließ uns große Freiräume in der Gestaltung unserer gemeinsamen Unternehmungen, ging auf unsere Ideen ein und unterstützte uns dabei – ob’s jetzt die Homepage war, auf der vor allem Texte und Akkorde von Bands waren, die wir toll fanden, oder das Sippenliederbuch, das im Prinzip das gleiche enthielt. Wir haben uns einfach ausprobiert und gemerkt, wie viel Arbeit es doch ist, aber ich kann sagen: Ich hab mit dreizehn schon mal ein Liederbuch gemacht! Und einer meiner Mitsipplinge hat damals eine Homepage gebastelt. Er kümmert sich heute übrigens um die LV-Homepage, ich um das Landesliederbuch.
Gleichzeitig wurden Mobbing & Co. nicht geduldet! Ich erinnere mich an das ein oder andere Gespräch dazu, aus dem wir alle fünf mit anderem Bewusstsein hervorgegangen waren. Da hatten wir vorher – pubertierende Jungs sind halt manchmal Arschlöcher – ohne es großartig zu merken gemobbt. Mal den einen, mal den anderen. Meistens hat sie es zugelassen und gewartet, bis wir an irgendeine persönliche Grenze stießen. Und das war auch gut so: Wir haben in jeder möglichen Hinsicht irgendwie Fehler gemacht, die hätten vermieden werden können, wenn uns jemand älteres, erfahrenes gesagt hätte, „nein, macht das nicht“, oder „das und das müsst ihr so und so machen“, aber das hat zum Glück niemand. Und wir haben viel Scheiße gebaut, sind gegen manche Wand gerannt – aber hey! Das ist es eben, was Pfadfinden sein sollte: sich selbst auszuprobieren, eigene und auch fremde Grenzen zu testen und beide manchmal unabsichtlich zu überschreiten. Aber dann war es doch gut, ein Netz zu haben, jemanden, der gesagt hat: „War blöd. Merkt ihr selbst, oder?“ Und da hat unsere Sippenführerin alles richtig gemacht, um uns das zu ermöglichen, was pubertierende und adoleszente Jungs halt brauchen: Freiraum zur Selbstentfaltung.
Wir waren ziemlich schnell eine eingeschworene Gemeinschaft, haben Aufgaben übernommen und waren eigentlich immer ohne Gruppenleitung auf Fahrt, sofern nicht die Leitung einer LV-Veranstaltung eine Sippenführung vorschrieb; dann kamen eben die zwei RRs mit, die wir damals im Stamm hatten. Das war ziemlich witzig, denn die Beiden waren genauso durchgeknallt und lauffaul wie wir. Sonst waren wir aber immer allein unterwegs, hatten natürlich in der Vorbereitung Unterstützung von unserer Sippenführerin erhalten, aber dann mussten wir unseren Einkauf und wie wir von A nach B kommen doch irgendwie selbst meistern. Wir konnten ziemlich viel selbst entscheiden!
Mit 13 oder 14 Jahren habe ich mit einem meiner Mitsipplinge und einem aus der älteren Sippe eine neue Sippe gegründet. Klar waren wir etwas überfordert, als wir plötzlich acht oder neun Sipplinge hatten, die zum Teil erst neu waren, zum Teil zu pubertieren begannen und zum Teil auch so nicht immer einfach im Umgang waren. Aber wir haben auch das irgendwie gelöst. Und mit 14 war ich dann plötzlich stellvertretender Stammesführer und habe zusammen mit dem drei Jahre älteren Stammesführer diesen Stamm irgendwie zusammen geschmissen. Das Verhalten unserer (quasi-ehemaligen) Gruppenleiterin blieb ähnlich: Sie ließ uns (meistens) machen, aber wenn wir Unterstützung brauchten, war sie da. Als wir sagten, dass wir das alleine schaffen und sie nicht mehr benötigen würden, hat sie sich ein Jahr lang zurückgezogen. Wir haben es natürlich nicht allein geschafft und sie gebeten wiederzukommen. Ich kann nicht verschweigen, dass ich massive Konflikte mit ihr hatte, die sich hinzogen, bis ich mit 19 landesunmittelbar wurde.

Erfahrungen aus drei Jahren Stammesführung

In diesen drei Jahren Stammesführung im Alter von 14 bis 17 habe ich viel gelernt, denn ich konnte mich einfach ausprobieren: Lager und Fahrten, ein LDV-Antrag, eine Stammesverfassung und eine Wahlordnung, alte Unterlagen durchforsten, ein Stammes-LZP, den Sippenraum streichen, Materialinventur, Auseinandersetzungen mit der Stadtjugendpflege, ein Fusionsversuch mit dem VDP-Stamm, Werbeaktionen, Ausschreibungen … Wir hatten einen riesigen Spielraum und haben alles gemacht, manchmal mehr schlecht als recht, und vieles würde ich heute anders machen – wobei: nein. Wenn ich heute nochmal 15 wäre, würde ich es eigentlich genauso machen! Denn ohne diese nerven- und kräftezehrenden Konflikte und Probleme wäre ich halt heute nicht der, der ich bin. Glaub ich.
Ich überspringe ein paar Jahre und komme zum Jetzt. Ich habe gerade mein Masterstudium in Jena abgeschlossen und muss nun schauen, wie es weitergeht. Ich könnte hier problemlos in meiner gemütlichen thüringischen Universitätsstadt bleiben und meine Doktorarbeit schreiben. Meine Eltern und Freund*innen hier sagen, ich soll das tun, weil ich es kann. Aber ich denke immer: Ich kann doch noch so viel mehr als historische Forschung! Ich kann Gitarre spielen, Lieder machen, Veranstaltungen organisieren, Teams leiten, werbetexten, methodisch Programm planen und durchführen, Artikel schreiben, Projekte machen, mit Jugendlichen umgehen, … All das habe ich nicht in der Schule oder der Uni theoretisch gelernt. Und auch nicht unsere Kurse waren das Wichtigste, sie haben die (unverzichtbare) Grundlage gelegt fürs learning by doing. Ich habe so unfassbar viel ausprobieren können (und kann es immer noch!), habe dabei immer Fehler gemacht (und mache sie immer noch!) und mit der Zeit gemerkt, was mir Spaß macht. Deshalb ziehe ich jetzt dahin, wo ich glaube, dass ich mich mehr selbst verwirklichen kann und mehr Facetten meines Selbst leben kann.

Pfadfinden hat einen unschätzbar großen Anteil daran, dass ich heute bin, wer ich bin

Ich habe die ganze Zeit davon gesprochen, was ich machen kann. Klar gehört das, was man kann und macht, irgendwie zum eigenen Selbst dazu. Doch man ist noch viel mehr. Ich will nicht damit anfangen, was ich als Teile meiner Identität ansehe – das könnte niemals vollständig sein, auch wenn ich meine, beim Pfadfinden gelernt zu haben, mich selbst mehr zu erkennen, als es andere Menschen können, die ich kenne und die nie Pfadfinder*innen waren. Ich habe das gelernt, indem ich an meine Grenzen gekommen bin in vielerlei Hinsicht, indem ich Freiräume hatte. Und ohne Freiräume und Grenzen auszutesten, kann man nicht herausfinden, was man kann, was einem Spaß macht, wer man eigentlich ist, was das eigene Selbst ausmacht. Freiräume lassen Platz zur Selbstentfaltung. Pfadfinden schafft diese Freiräume. Ich habe sie gehabt und habe sie noch. Pfadfinden hat einen unschätzbar großen Anteil daran, dass ich heute bin, wer ich bin.

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