Vom Sprechen und Sprechen·lassen

Leichte Sprache und Untertitel gegen Ausgrenzung

von Alea
ILY_Deanne Wardin

ILY_Deanne Wardin

Barrierefreiheit ist heutzutage ein weit verbreiteter und viel genutzter Begriff. Wenn wir im Alltag das Wort barrierefrei hören, denken wir oft an bauliche Anlagen, da eine Barriere für uns meist eine sichtbare Hürde ist. So wird ein Eingang in ein Gebäude als barrierefrei bezeichnet, wenn es neben der Treppe auch eine Rampe gibt, die z. B. von Rollstuhlfahrern oder Personen, die einen Kinderwagen schieben, genutzt werden kann.

Mit Barrierefreiheit soll erreicht werden, dass alle Menschen an der Gesellschaft teilhaben können und hierbei spielt auch die Kommunikation eine sehr wichtige Rolle. Daher werden im Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen (BGG) im § 4 auch „barrierefreien visuellen Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen“ aufgeführt. Wir wissen, dass Kommunikation nur dann reibungslos funktionieren kann, wenn alle beteiligten Kommunikationspartner den sprachlich vermittelten Inhalt verstehen. Um dies zu gewährleisten, wird z. B. per Gesetz (§ 6, Abschn. 3., BGG) hör- und sprachbehinderten Menschen das Recht zugesichert, die Deutsche Gebärdensprache oder andere geeignete Kommunikationshilfen zu verwenden. Wie barrierefreie Kommunikation aussehen kann, möchte ich euch anhand einiger Beispiele vorstellen.

Leichte Sprache

Nicht alle Menschen in unserer Gesellschaft haben eine gleichwertige Sprachkompetenz, das bedeutet, nicht jeder versteht jeden Text gleich gut. Die Gründe dafür sind meist so individuell wie die Menschen selbst. Zu der Zielgruppe von Texten in Leichter Sprachen zählen vor allem Menschen mit Lernschwierigkeiten, Hörgeschädigte, funktionale Analphabeten und Migranten. Grundsätzlich kann aber jeder und jede davon profitieren (wer hätte nicht gerne, dass z. B. die Formulare zur Steuererklärung leichter verständlich wären?). Im Prinzip geht es bei Leichter Sprache darum, Texte so zu verfassen, dass sie von allen Menschen verstanden werden können. Jeder soll dazu in der Lage sein sich Informationen zu beschaffen, ohne dabei auf die Hilfe Dritter angewiesen zu sein. Nur so kann eine selbstbestimmte Teilhabe am öffentlichen Leben erreicht werden.

Was genau ist Leichte Sprache denn nun?

Leichte Sprache ist eine Sprachform des Deutschen, die u. a. auf einen einfachen Satzbau setzt, bei dem es nur eine Aussage pro Satz gibt. Nach Möglichkeit sollen kurze, einfache Wörter verwendet werden. Wenn das mal nicht klappt, werden lange Wörter für eine bessere Lesbarkeit durch einen Bindestrich oder Medio·punkt getrennt und schwierige Wörter erklärt. Die Leichte Sprache verzichtet auf den Genitiv, den Konjunktiv, Fach- und Fremdwörter und Metaphern. Das klingt alles vielleicht ein wenig kompliziert und es gibt auch noch einige Regeln mehr, die beachtet werden müssen. Damit ihr euch das besser vorstellen könnt, ist hier ein Beispiel. So könnte ein Satz aus der Pädagogischen Konzeption des BdPs (Punkt Soziales Engagement) in Leichter Sprache klingen:

  • Als ein Teil der Gesellschaft wollen wir diese mitgestalten und selbstbestimmt Verantwortung in ihr übernehmen.
  • Wir gehören zur Gesellschaft.
  • Wir wollen die Gesellschaft mit·gestalten.
  • Wir wollen Verantwortung für die Gesellschaft über·nehmen.

Leichte Sprache wird immer mehr in Deutschland verwendet. So bieten die Internetseiten aller Bundesministerien (und einiger Landesministerien) Informationen in Leichter Sprache. In Bremen wurden sogar die Wahlunterlagen für die Bürgerschaftswahl 2015 in Leichte Sprache übersetzt.

Untertitel für Hörgeschädigte

Untertitel_gemeinfreiMan könnte sagen, dass Texte in Leichter Sprache darauf abzielen, allen Menschen eine selbstständige Informationsbeschaffung zu ermöglichen (wobei es mittlerweile auch Verlage gibt, die Romane in Leichter Sprache herausbringen). Doch zum Leben gehören ja auch viele andere Aspekte, z. B. Kultur und Unterhaltung, die nicht immer barrierefrei gestaltet sind. Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, wie es ist als blinder oder als hörgeschädigter Mensch Fernsehen zu schauen? Man kann ganz schön viel vom Film verpassen, wenn einer (oder gar beide) der Sinne in irgendeiner Art geschädigt sind. Im Falle des Fernsehens, haben sich zwei Lösungsansätze in den letzten Jahren etabliert.

Die meisten von uns kennen zumindest die Untertitel für Hörgeschädigte, die (hauptsächlich bei den öffentlich-rechtlichen Sendern) per Teletext hinzugeschaltet werden können. Jeder, der schon mal einen Horrorfilm ohne Ton gesehen hat, weiß, wie wichtig die Musik für die Atmosphäre ist. Deshalb werden über die Untertitel neben dem, was gesagt wird auch weitere Informationen (z. B. über die Musik oder Geräusche im Hintergrund) gegeben.

Audiodeskription

Audiodeskription_gemeinfreiEtwas neuer in Deutschland ist die Audiodeskription (manchmal auch als Hörfassung bezeichnet). Sie richtet sich an sehbehinderte Menschen und gibt während der Sprechpausen Informationen zu allen visuellen Elementen des Filmes, z. B. wie die Charaktere und die Umgebung aussehen, was gerade passiert usw. Wer sich mal anhören möchte, wie z. B. der Tatort als Hörfassung klingt, kann in der ARD Mediathek vorbeigucken. Ein weiterer Punkt, an dem noch ein wenig gearbeitet werden muss, ist die Bereitstellung von Untertiteln und Audiodeskription bei Livesendungen.

Auch in vielen Museen gibt es mittlerweile sogenannte Audioguides, die die Besucher durch die Ausstellung führen und die Exponate beschreiben. Das Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim ist noch einen Schritt weiter gegangen und hat letztes Jahr die Dauerausstellung „Museum der Sinne“ eröffnet. Hier gibt es u. a. Audioguides und Bodenleitlinien für sehgeschädigte Menschen, Monitore die Infos in Gebärdensprache anbieten, Informationstafeln mit Texten in Leichter Sprache und Brailleschrift (Blindenschrift, die aus Punktmustern besteht, die von hinten in das Papier gepresst werden) und fast alle ausgestellten Objekte können betastet werden.

Deutsche Gebärdensprache

Als letztes Beispiel für barrierefreie Kommunikation möchte ich kurz was zur Deutschen Gebärdensprache (DGS) sagen. Bei der DGS handelt es sich in der Tat um eine eigenständige Sprache, die über eine vollständige Grammatik verfügt, die in Teilen von der Deutschen Lautsprache abweicht. Ein kurzes Beispiel für die abweichende Grammatik ist der Satzbau in der Gebärdensprache. Die übliche Reihenfolge von Subjekt-Verb-Objekt in der Lautsprache ändert sich zu Subjekt-Objekt-Verb. Der Satz „Die Frau trinkt Kaffee“ wird mit den Gebärden für „Frau – Kaffee – trinken“ gesagt.

Braille_Karola Riegler

Braille_Karola Riegler

Gebärdensprache ist nicht nur in den einzelnen Ländern unterschiedlich, sondern es haben sich ebenso verschiedene Dialekte innerhalb Deutschlands entwickelt. Früher wurde hörgeschädigten Menschen oft noch die Verwendung von Gebärdensprache verboten. Doch wie oben schon erwähnt, haben sie seit dem Erlass des BGGs das Recht Gebärdensprache zu verwenden. Tatsächlich wurde die DGS auch erst mit diesem Gesetz im Jahr 2002 als eigenständige Sprache anerkannt, auch wenn die Empfehlung hierzu bereits 1988 vom EU-Parlament kam.

Über die Jahre gesehen, ist der Bereich Kommunikation schon viel barrierefreier geworden. Ich persönliche konnte im Laufe meines Studiums viele Erfahrungen in diesem Bereich sammeln. Ich habe Texte für das Niedersächsische Justizministerium in Leichte Sprache übersetzt, habe Gebärdensprache gelernt und viele interessante Gespräche mit Personen geführt, die auf barrierefreie Kommunikation angewiesen sind. Dabei habe ich auch gelernt, dass die Gesellschaft noch immer diverse Vorurteile gegenüber diesen Menschen hat und z. B. Texte in Leichter Sprache belächelt oder im schlimmsten Fall als unnötig und falsch angesehen werden. Wenn wir jedoch erreichen wollen, dass alle Menschen die gleichen Chancen und Möglichkeiten haben, ihr Leben selbstbestimmt zu führen, müssen wir diese Vorurteile abbauen und offen für neues sein.

Accessible Stairs_Mathias Liebing

Accessible Stairs_Mathias Liebing

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