Ein Interview zum Schweigen

von Fredi

„Schweigen ist ein dynamischer innerer Zustand und nicht die Abwesenheit von Aktivität. Schweigen ist genau wie die reine Achtsamkeit eine passive Reinigung des Geistes, weil das Denken unterbrochen ist, die messbare Zeitbewegung sich dadurch von allein beruhigt und in die Empfindung von Zeitlosigkeit übergeht. Das ist die Schwelle eines fließenden Übergangs von der Bindung an Endliches zum Sein in der Unendlichkeit.

CC0Das Schweigen wird in den meisten mystischen Traditionen als Unterstützung für den Geist empfohlen, damit Unruhe und konditioniertes Denken überwunden und losgelassen werden können. Gleichzeitig ist das Schweigen eine Selbstoffenbarung der ersten Wirklichkeit.“

(Simon-Wagenbach, Helga (2007): Vollende, was du bist – Der integrale Weg. Ohne Ort: Theseus. S. 108 & 109)

„Man braucht zwei Jahre, um sprechen zu lernen und fünfzig, um schweigen zu lernen.“  

~Ernest Hemingway~

laru: Stell dich doch bitte einmal kurz vor.

Johanna: Ich bin Johanna, fast 66 Jahre alt, verheiratet, Mutter von drei Kindern, Großmutter von vier Enkelkindern und ich habe im späten Alter noch eine Yogalehrausbildung gemacht.

Wie bist du zum Schweigeseminar gekommen?

Zum ersten Schweigen bin ich durch meine Yogalehrausbildung gekommen, denn zum letzten Lehrabschnitt gehörte ein 3-tägiges Schweigeseminar.
Für dieses kurze Seminar musste ich achtsam Schritt für Schritt an das Schweigen herangeführt werden. In der Ausbildung haben wir vor allem durch die Meditation gelernt, die Sinne nach und nach zurück zu ziehen und so die Zeit des Schweigens immer mehr zu steigern.

„…Sinne nach und nach zurück ziehen…“

So wurden wir für die letzte Phase sehr gut vorbereitet. Und das war enorm wichtig, denn ohne einen Lehrer an deiner Seite und unvorbereitet ist es sehr schwierig mit den Dingen, die dort passieren umzugehen.

„…unvorbereitet ist es sehr schwierig…“

Den Wunsch so etwas zu machen, hatte ich allerdings schon länger, denn ich bin ein Mensch, der großen Lärm und große Menschenmassen eher scheut. Ich bin schon immer gerne spazieren gegangen, um die Ruhe zu genießen.

Wie bist du zum Schweigeseminar gekommen?

So wurden wir für die letzte Phase sehr gut vorbereitet. Und das war enorm wichtig, denn ohne einen Lehrer an deiner Seite und unvorbereitet ist es sehr schwierig mit den Dingen, die dort passieren umzugehen.

„…unvorbereitet ist es sehr schwierig…“

Den Wunsch so etwas zu machen, hatte ich allerdings schon länger, denn ich bin ein Mensch, der großen Lärm und große Menschenmassen eher scheut. Ich bin schon immer gerne spazieren gegangen, um die Ruhe zu genießen.

Wann und wo hast du dann ein längeres Schweigeseminar gemacht?

Das war vor ungefähr vor sechs Jahren mit ca. zwölf anderen Teilnehmern und einer Lehrerin im buddhistischen Zentrum in Schneverdingen bei Bad Fallingbostel. Das Seminar ging eine Woche.

Hattest du bestimmte Erwartungen an das Seminar?

Absolut keine. Ich war einfach nur gespannt was passiert – vor allem mit mir selbst.

Wie kann man sich das ganze vorstellen? Wie war der Ablauf? Habt ihr einfach nichts mehr gesagt?

Natürlich haben wir bei der Ankunft noch gesprochen und das Wichtigste über das Seminar von unserer Lehrerin, die uns dort begleitet hat, erfahren. Denn mit einem selbst passieren beim Schweigen die unterschiedlichsten Prozesse, die natürlich auch jeder unterschiedlich verarbeitet. Hier war es so, dass sie verschiedene Gesprächszeiten anbot, bei der man ca. 5 Minuten Zeit hatte, sich mit ihr auszutauschen und sich von ihr Rat zu holen. Ich selbst habe dieses Angebot einmal wahrgenommen, es gab aber natürlich auch welche, die öfter oder auch gar nicht bei ihr waren – dies war dann eine absolute Ausnahme zum Sprechen.
Ansonsten mussten wir auch beim Tischdecken helfen, hatten Küchen-, Bad und Toilettendienst und waren daran angehalten, unsere Zimmer in Ordnung zu halten. Was wir nicht sollten, war natürlich miteinander reden, lesen, schreiben, Musik hören oder Fernsehen gucken. Unsere Kommunikation verlief nur noch über die Gestik der Hände und Blicke.

„Kommunikation nur über Gestik der Hände und Blicke.“

Die Seminartage waren vom Ablauf her alle sehr gleich. Morgens vorm Frühstück trafen wir uns in der Runde – dann hieß es sitzen und schweigen. Dann gab es Frühstück. Danach hieß es wieder: sitzen und schweigen. In diesen Phasen kam höchstens von unserer Lehrerin mal ein kleiner philosophischer Text – sonst hat wirklich nie jemand etwas gesagt. Das funktioniert.
Dann gab es Mittag. Nach dem Essen hatten wir eine lange Pause von ca. 3 Stunden, in der ich z. B. immer lange Spaziergänge gemacht habe. Es gab sogar einen extra Meditationsweg und dabei ging es immer darum, sich mit nichts zu verbinden, sondern einfach bei sich zu sein und zu schweigen.
Zwischendurch gab es eine kleine Yogaeinheit, dies hängt aber immer von der Lehrkraft ab, die so ein Seminar durchführt. Darauf folgte das Abendbrot und wieder sitzen und schweigen.

„Wieder Sitzen und schweigen…“

Was ich toll fand, war, dass auch das Personal und eine Gruppe von Mönchen und Nonnen, die sich zur gleichen Zeit in dem Zentrum befanden, sich vollkommen auf unsere Situation einstellten und voller Rücksicht selbst sehr schweigsam und ruhig waren.

Und ist es dir schwer gefallen, auf einmal nichts mehr zu sagen?

Nein, überhaupt nicht die allgemeine Ruhe war total schön. Aber das ist natürlich auch nicht für jeden etwas.

Wie ging es dir selbst während des Schweigens?

Am Anfang war es nur Kopfkino, von Lustig bis Todtraurig und Weinen war alles dabei. Man vermutet wirklich nicht, was beim Schweigen alles so zum Vorschein kommen kann.
Es kommen einem Gedanken zu Dingen, die liegen viele Jahre zurück in der Vergangenheit und manche Situationen wiederholen sich dann auch. Mit der Zeit wird das Kopfkino allerdings weniger und man kommt in einen Übergang, bei dem es vor allem ums Fühlen geht und der Frage: Wer bin ich? Alles was sonst durch den Alltag zugedeckt ist, zeigt sich. Das befreit aber total.

„Wer bin ich?!“

Irgendwann hört das Denken von alleine auf, man ist vollkommen bei sich selbst und seiner wahren Erscheinung die Welt sieht viel klarer aus. Ich würde sagen, dass Schweigen ist wie ein Klärungsprozess für sich selbst vom groben Denken und Fühlen ins Feine.

„Hüte die Stille und die Stille wird dich behüten.“
~französisches Sprichwort~

Was hast du von dem Seminar mitgenommen?

Das Stille etwas Wunderschönes ist und einem viele Dinge bewusst werden, die im normalen Alltag leider oft untergehen. Man muss nicht funktionieren, man kann so sein wie man ist, ohne sich zu verstellen.

„Die Stille stellt keine Fragen, aber Sie kann uns auf alle eine Antwort geben.“
~Ernst Ferstl~

Würdest du denn nochmal ein Schweigeseminar besuchen?

Ja immer wieder und ich kann es auch nur jedem weiterempfehlen. Allerdings muss jeder für sich selbst das wirklich wollen, es muss von innen kommen und man sollte sich step by step darauf vorbereiten.

„…es muss von innen kommen…“

Kannst du sagen, was dein schönstes Erlebnis beim Schweigen war?

Eigentlich gibt es kein bestimmtes Erlebnis. Es war das Schweigen und die Stille selbst einfach nur da sein und nichts tun.

„Sei still und erkenne, wer du bist.“
~Ramana Maharshi~

Als du zurückgekommen bist, war das bestimmt erst einmal Umstellung für dich oder?

Es fällt einem wirklich sehr schwer, wieder in den Alltag zu kommen. Es ist wie von einem Extrem ins andere. Daher kann ich nur raten, wieder schrittweise in den Alltag zurück zu kommen. Am besten nimmt man sich noch ein paar Tage frei, stürzt sich nicht gleich wieder in die Arbeit und versucht auch seine sozialen Kontakte erst nach und nach wieder in sein Leben einzubinden. Ein bisschen wie sich erst mal selbst in Watte packen.

Ich danke dir sehr für deine ehrlichen Worte, diesen Einblick zu bekommen war für mich sehr eindrucksvoll und ein tolles Erlebnis. Ich habe sogar selbst total Lust bekommen, das selber mal zu probieren. Vielen Dank!

„Schrittweise in den Alltag zurück kommen…“

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