Die Hände in Bewegung kriegen

Wunsch-Ausbildung statt Pflicht-Studium.

Von Jascha
(c) Laura Harder

(c) Laura Harder

„Warum denn eine Ausbildung! Du hast doch Abitur gemacht. Dir stehen alle Wege offen. Du könntest doch studieren!“.
Ich stehe auf meiner Abi-Entlassung. Gerade frisch gebackener Teil der „Elite von Morgen“. In einem schlecht sitzenden geliehenen Anzug, der an einigen unpassenden Stellen ziemlich eng sitzt. Aber mit einer schicken Fliege um den Hals. Neben mir steht ein anderer Abiturient aus meinem Jahrgang. Sein Anzug ist maßgeschneidert oder zumindest extra für ihn gekauft und seine Mutter will mir gerade erzählen, wie ich mein Leben leben soll. Ich nehme viele Gratulationen entgegen zu diesem großen Schritt in Richtung Erwachsensein, auch wenn ich mich nicht sonderlich erwachsen fühle. Und ich ernte viel Kritik. Wie ich meine allgemeine Hochschulreife wegwerfen und eine handwerkliche Ausbildung als Beginn meiner weiteren Laufbahn wählen kann.
Denn daraus habe ich das letzte halbe Jahr keinen Hehl gemacht. „Nein, ich will Tischler werden, es ist das, was mir Spaß macht.“ „ Aber kann man davon leben?“

Es geht hier nicht um Geld

Tja, kann man davon leben? Heute bin ich noch nicht in der Position diese Frage zu beantworten. Ich muss aber sagen, dass mich das bei meiner Entscheidung auch nicht interessiert hat. Ich habe in die Tischlerei reingeschnuppert und gemerkt, dass ich richtig Bock auf diese Arbeit habe. Es war mir egal, ob man damit reich wird oder nicht. Mir war es nach den letzten Schuljahren wichtig, etwas zu machen, das mich glücklich macht. Ich wollte mich nicht jeden Morgen zur Uni, Arbeit oder Schule schleppen müssen. Ich wollte gerne aufstehen. Und studieren kann ich später immer noch.

Erstmal rauskommen

Kettensägen_LV Niedersachsen (3)

Ich schaue in mein Sektglas, es ist fast leer. Klar, Erwachsene trinken Sekt, wenn es was zu feiern gibt. Das weiß man schon im Kindergarten. Schmeckt aber irgendwie seltsam. „Was machst du denn jetzt nach dem Abi?“, frage ich den Jungen im gut sitzenden Anzug. „Er macht ein Auslandsjahr in Neuseeland. Sich erstmal die Welt anschauen und entscheiden, was er will.“ Seine Mutter antwortet für ihn. „Ich muss erstmal raus aus der Schule“, sagt er.
Das Gefühl kenne ich. Bloß nicht mehr im Klassenraum hocken. Dieses Getue: „Könnten Sie an die Tafel kommen und das vorrechnen? Sie wollen ja Teil der Elite werden, oder nicht?“

„Jaja, das verstehe ich“, beende ich das Gespräch und gehe hinüber zu meiner Mutter, auch ihr Sektglas ist fast leer.
Den Ausbildungsplatz zum Tischler habe ich schon in der Tasche. Meine Gedanken kreisen um die nächste Woche: Stammeslager, und ich habe meine erste Lagerleitung an der Hacke. Aber ich freue mich drauf. Dann noch vier Wochen frei und dann beginnt die Ausbildung. Mein weiterer Weg ist erstmal klar.

Die Hände in Bewegung kriegen. Das ist meine Antwort, wenn man mich fragt, warum ich eine Ausbildung machen will. Das ist die kurze Antwort. Tischler ist das richtige für mich, da war ich mir sicher und heute kann ich sagen, es war die richtige Entscheidung. Dass weiteres Schulbankdrücken mich wahnsinnig machen würde, war für mich klar. Das war auch der einzige Dämpfer, der mich an der Ausbildung zweifeln ließ. Denn in Stade beginnt die Tischlerausbildung mit einem Jahr Berufsschule. Wieder Schule. Aber aus Stade weggehen, in eine andere Innung? Nein, der Praktikumsbetrieb hat mir so gut gefallen und den Stamm zu verlassen war keine Alternative. Also doch in den sauren Apfel beißen und noch ein Jahr in die Schule schleppen.

Aber etwas ist hier anders.

Schnell habe ich einen anderen Umgang bemerkt. Wird man am Gymnasium noch als kleiner Erwachsener behandelt, der sich auch als solcher zu benehmen hat, ist man hier ein Lehrling. Ein Junge, oder Mädchen, dessen Job es ist, etwas zu lernen. Man ist freiwillig dort. Wer ein gesteigertes Problem damit hat, kann aufhören. Niemand ist verpflichtet das Ganze durchzuziehen. Und die Meister kommunizieren das deutlich: „Wenn ihr keine Lust habt was zu lernen, dann geht.“ Ein Satz, den ich vorher noch nicht in der Schule gehört habe. Aber er prägt. Und schnell werden einige Kandidaten aussortiert. Und wichtiger noch, es gibt drei Praxistage. Ich bekomme also doch meine Hände in Bewegung. Außerdem und das ist nur ein Bonus, kann ich weitere drei Jahre im Stamm aktiv sein. Das Stammeslager soll nicht mein letztes sein.

Einfach mal machen

Welche Rolle spielen die Pfadfinder in dieser Geschichte? Eine recht große, denke ich. Viele der Eigenschaften, die ich meiner Mitgliedschaft bei den Pfadfindern zuschreibe, haben mir in der Ausbildung sehr geholfen. All jene Eigenschaften, die wir alle aufgrund unserer Pfadfinderei entwickelt haben und die uns befähigen, unsere Aufgaben im Hobby aber auch im Privatleben zu erfüllen. Jene Eigenschaften, die wir auch gerne in eine Bewerbung schreiben. Zu Recht, wie ich finde. Selbstständigkeit, Teamfähigkeit, Motivationsbereitschaft.
Auf der anderen Seite wirkt sich auch die Ausbildung positiv auf die Pfadfinderei aus. Diese Beobachtung machen wir bei uns im Stamm schon seit längerer Zeit. In der Ausbildung lernt man, schwierige Situationen zu lösen. Nicht lange herumzudenken, sondern im Vertrauen auf seine Fähigkeiten, Probleme aktiv anzugehen. Die lähmenden Gedanken und stundenlangen Diskussionen darüber, wie wir es allen recht machen, einfach vergessen und stattdessen selbstbewusst handeln. Ich denke also, dass ein aktiver Pfadfinder die besten Voraussetzungen für einen guten Lehrling und auch Gesellen mitbringt. Und andersrum.

Drum schmeißt euer Abi weg!

Ich möchte euch an dieser Stelle einladen: „Schmeißt euer Abitur weg!“ Nötigenfalls. Sucht euch eine Berufung, die euch Spaß macht, euch ausfüllt. Auch wenn das vielleicht nicht für Reichtum reicht. Was nützt euch ein Haufen Geld, wenn ihr unglücklich seid?

Kettensägen_LV Niedersachsen

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