Ein Traum von einem Lied

„Bei all der Romantik und Sehnsucht in unserem Liedgut kommen Träume häufig vor.“ 

Von kison.
(c) Oliver Tewes

(c) Oliver Tewes

Natürlich fielen mir sofort Helden deiner Träume oder auch Hester Jonas ein. Aber in anderen Liedern wie z. B. Ich möcht mit einem Zirkus ziehen kommt das Wort „Traum“ äußerst selten vor. Häufiger finden wir das Motiv Träumen eher beiläufig wie in Trio di mali („Traumschwere Worte fallen“), Nachts steht Hunger („starr in unserm Traum“) oder Heute hier, morgen dort („Manchmal träume ich schwer“). Sie stehen bei all diesen Liedern nicht im Fokus, sondern erzeugen eine bestimmte Stimmung, dienen als Basis für eine Geschichte (Lillies). Oft stehen sie auch in scharfem Gegensatz zur Realität, wobei die Wirklichkeit der Traumwelt in einigen vorgezogen wird (Wach nun auf).

Sind Helden unserer Träume nicht so cool, wie wir sie uns vorstellen?

Und selbst Hester Jonas und Helden deiner Träume sind traumkritisch. Denn Ersteres erzählt eine Geschichte über die Gefahren, die damit einhergingen, dass Hester Jonas ihre Träume über eine bessere Gesellschaft geäußert hat. Und Helden deiner Träume ruft schon Wölflinge dazu auf, die Helden ihrer Träume zu hinterfragen: „Schau nach, ob es stimmt, dass die Helden deiner Träume auch in Wirklichkeit so sind!“

Haben wir nur traumfeindliche Lieder?

Nein! Denn wenn wir dem Traumbegriff in Hester Jonas folgen, dann schließen Träume auch das Feld der Sehnsucht mit ein; es braucht keine explizite Nennung des Wortes. Damit fallen Lieder wie Ich möcht mit einem Zirkus ziehen unter unseren Traumbegriff. Die Gegenwelt, die Träume zur Gegenwart bieten, muss nämlich nicht schlechter sein als das Hier und Jetzt: In Warpath war der „dream much years ago“ schöner, als es dem Ich nun scheint; hierher gehört auch Jeftschenkov.

Nun kann ich euch verraten, dass auch in der Neuauflage des gauls nicht viele neue Lieder über Träume hinzukommen. Doch eins, das mir persönlich sehr am Herzen liegt und sogar das Wort im Titel trägt, kommt hinzu: Träume.

(c) laru - Träume

(c) laru – Träume

Träume verwehn

Wer sich den Text anschaut, merkt schnell: Ein fröhliches Lied kann das nicht sein und ich kann euch sagen: Ist es auch nicht. „Träume verwehn […] Träume erfriern“ – harmonisch klingt das nicht. Auf den ersten Blick erzählt es von einer Trennung, von Zweifeln an der bestehenden Beziehung zu einem anderen Menschen, von der gegenseitigen Entfremdung, von sich trennenden Wegen.

Wenn wir uns den Kontext der Veröffentlichung anschauen, dann zeigt sich, worauf der Fokus liegt: Sehnsucht.
Rio Reiser (1950–1996) schrieb dieses Lied für den 1995 erschienen Tatort „Im Herzen Eiszeit“, in dem er eine der Hauptrollen spielt. Er verkörpert einen Altlinken namens Reinhard Kammermeier, der längere Zeit für ein gemeinsames Verbrechen mit seinen Freunden im Gefängnis saß. Er hatte sich für die Gruppe völlig aufgeopfert und sucht nun wieder Anschluss an seine alte Clique. Da Kammermeier jedoch als einziger nicht von dem damaligen Verbrechen profitiert hatte, bildet er nun eine Gefahr für seine früheren Freunde. Diese haben mittlerweile ihre politisch linke Haltung gegen gesellschaftliche Stellung und Reichtum eingetauscht, sodass die Hauptfigur im Punker-Look nichts mehr mit ihnen anfangen kann. Er merkt immer mehr, dass die ganzen, gemeinsamen Ideale verschwunden sind – verweht, erfroren, und dass „niemand da ist, der sie träumen will.“ Doch eben diese Träume und Ideale sind es, für die Kammermeier in den Knast gegangen war. Er endet desillusioniert, enttäuscht.

„und doch so viele Träume“

Aber das Lied kann noch mehr! Um 1970 schrieb Rio für seine Band Ton Steine Scherben das Lied Der Traum ist aus (Tipp: Hört euch auf YouTube die Version von Rio Reiser solo am Klavier an, die er 1988 live in der DDR spielte, die ist beeindruckend!). Es handelt von einem Traum von einem Land, in dem alles gut ist, „alle Türen […] offen, die Gefängnisse leer, es gab keine Waffen und keine Kriege mehr – das war das Paradies.“ Doch: „Der Traum ist aus! Aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird.“ Das träumten um und nach 1968 viele Linke – dieselben Leute, die in den 90ern in der SPD, bei den Grünen und in der Wirtschaft Karriere und Geld machten. Für Rio ein Verrat an den Idealen: Niemand träumte mehr die Träume von früher! Vielleicht spielte Rio im Tatort also auch ein bisschen sich selbst?

Bei all der Schwarzmalerei, der Traumverdrossenheit und versteckten Sehnsucht, stellt sich mir zu guter Letzt die Frage, was hat Rios Lied und generell das Thema Träume mit unserer Bewegung zu tun? Die Schriftstellerin Franziska von Reventlow sagte einmal, „Ich habe so selten einmal Zeit zum Träumen und doch so viele Träume.“ Ich sehe das als Aufruf: Kommt, nehmen wir uns die Zeit, die wir brauchen, um unsere Träume zu träumen – und besser noch: alles zu geben, dass sie Wirklichkeit werden, wie auch immer sie aussehen mögen. Auch wenn das bedeuten kann, dass sie, wie Rio Reisers uns mahnt, in Enttäuschung enden können. Am Ende bleibt uns das wohlige Gefühl der Nächte, deren Abenteuer für manch einen längst nur noch sehnsüchtige Erinnerung ist.
Uns daran zu erinnern und uns dafür zu öffnen, ist es, was uns unser Liedgut zeigen möchte.

Links:

Rio Reiser – Der Traum ist aus

Liedtext: Rio Reiser – Träume 

 

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