bunterleben

Ein Gilwell-Projekt für die Vielfalt.

Von kison
(c) Enten_Daniela Hartmann

(c) Enten_Daniela Hartmann

Es macht im BdP „keinen Unterschied, welcher Nationalität, Hautfarbe, Religion oder sozialer Herkunft“ seine Mitglieder sind. Das steht auf der ersten Seite unserer Pädagogischen Konzeption geschrieben. Blättert man weiter, ist zu lesen, dass wir die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in unserem Bund darin unterstützen wollen, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, sich selbst zu finden. Dabei sollen insbesondere gegenseitiges Verständnis und Respekt, Freundschaft, „Bewusstsein für den eigenen Körper und für die eigene Sexualität“ und vieles mehr gefördert werden.
Nimmt man alles zusammen, heißt das: Wir im BdP wollen jeden Menschen so nehmen, wie er ist, und ihn in der Entwicklung einer eigenen Identität unterstützen, unabhängig von Unterschieden jeglicher Art. Wichtig ist dabei, dass wir jegliches Persönlichkeitsmerkmal nicht bloß tolerieren, sondern akzeptieren wollen; wir sagen: „Es ist gut, wie du bist“, und nicht: „Es ist egal“.


Es stellt sich jedoch die Frage, ob wir dieses Ideal auch in unserer Arbeit umsetzen. Dass der übergroße Teil von uns diese Prinzipien für richtig befindet, daran besteht meines Erachtens kein Zweifel. Doch schauen wir mal ein paar Beispiele an:

Migrationshintergrund / Interkulturalität

(c) Lukas Kison

(c) Lukas Kison

Im letzten Jahr erschien in der Ergänzungsreihe zum JuLeiCa-Handbuch des Landesjugendrings (ljr) das Praxisbuch I: Interkulturelle Arbeit, das bei uns wie die bisherigen Praxisbücher leider noch wenig Aufmerksamkeit erfahren hat.
Es entstand im Projekt neXTkultur, dessen Ziel es gewesen ist, die Zusammenarbeit zwischen „einheimischen“ Jugendverbänden und so genannten Migrant*innenjugendselbstorganisationen (MJSO) zu fördern. Man hatte festgestellt, dass in den Mitgliedsverbänden des ljr Menschen mit Migrationshintergrund stark unterrepräsentiert sind und diese sich in eigenen Verbänden wie den MJSO organisieren. Diese Tendenz spiegelt sich auch bei uns wider: Ein Blick auf eine Teilnahmeliste zeigt vor allem deutsch klingende Namen. Schaut man sich auf Veranstaltungen um, sieht man vor allem „Weiße“, hört meist akzentfreies Deutsch.

Geschlecht / sex und gender

Am weitesten fortgeschritten ist im gesamten BdP die Arbeit mit beiden Geschlechtern (Koedukation). Auch wenn einige Stämme geschlechtergetrennte Sippen haben, so ist diese Entscheidung zumeist bewusst gefällt und man ist sich über die Nachteile dessen genauso im Klaren, wie koedukative Stämme wissen, was an gemischten Sippen schwierig ist.
Dennoch könnte man kritisieren, dass bei uns Geschlechterrollen (gender) zementiert werden, indem wir auf Geschlechterparität bei der Teamsuche, auf Gender Mainstreaming und Koedukation achten, statt andere Merkmale wie Migrationshintergrund, sozialen Status oder sexuelle Orientierung ebenfalls einzubeziehen. Zwei Dinge sprechen gegen diese Alternative:

  1. Wie lässt sich nachprüfen, ob z.B. ein Kursteam entsprechend der Verteilung all dieser Merkmale unter unseren Mitgliedern zusammengesetzt ist?
  2. Würde man, indem man andere Merkmale miteinbezieht, nicht analog die damit verbundenen Unterschiede zementieren?

Dennoch bleibt das Argument der Zementierung von konstruierten Unterschieden stichhaltig und es fragt sich, wie man mit verschiedenen Identitäten und Interessen umgehen will.

Sexuelle Orientierung

Besondere Aufmerksamkeit in der öffentlichen Debatte um Bildung zur Vielfalt, wie sie jetzt auch in niedersächsischen Schulen umgesetzt werden soll, erfährt derzeit das Thema Sexualität. Unabhängig davon, wie berechtigt Ängste der Gegner sein mögen, besteht ein Problem für einen Teil der Heranwachsenden: Während der Pubertät entdecken Jugendliche ihre Sexualität. Die meisten entpuppen sich als heterosexuell und entsprechen damit den zumeist unbewusst vermittelten Erwartungen ihres Umfelds und auch ihren eigenen; für sie stellt sich kein Problem. Bei denjenigen jedoch, die diese Erwartungen nicht erfüllen können, wachsen Unsicherheit und Unzufriedenheit mit sich selbst. Der Grund für dieses Unglücklich sein gehört nicht zu einem herbeiphantasierten Krankheitsbild von Homosexualität, sondern resultiert daraus, dass das Umfeld wie Schule, Eltern, Clique, Öffentlichkeit – meist ohne es zu wollen, aber auch ohne es zu merken – diskriminiert. Das geschieht auch in unseren Sippen und Runden. Nicht nur, dass wir damit unser Ziel, Jugendliche darin zu fördern, ein gesundes „Bewusstsein für […] die eigene Sexualität“ zu entwickeln, unbewusst und wahrscheinlich ungewollt unterlaufen, wir laufen Gefahr, dass uns Jugendliche in diesem Alter als Mitglieder verloren gehen, sofern sie nicht aus sich selbst heraus stark genug werden, sich vor sich selbst und vor anderen zu outen und mit ihrer Sexualität zu leben.

Inklusion & Vielfalt

Es liegt auf der Hand, dass wir unseren selbstgesetzten Idealen besser entsprechen könnten, indem wir auf Inklusion und Vielfalt setzen. Auf dem Gilwell-Kurs habe ich unter vielem anderem gelernt, dass Inklusion sich nicht auf Behinderung beschränkt, sondern allgemein bedeutet, bewusste wie unbewusste Barrieren abzubauen. Empfehlen kann ich dazu den Kurzfilm „Inklusion – Einfach erklärt“, die Adresse folgt am Artikelende. In meinen Augen können wir Inklusion erreichen, indem wir Vielfalt verstärkt betonen und produktiv in unsere Arbeit einbauen, es also als Chance begreifen.
Deshalb habe ich als Gilwell-Projekt die Gründung eines AKs zum Thema Vielfalt ins Auge gefasst. Hinter dem Namen „bunterleben“ steckt einerseits „bunter leben“, was darauf abzielt, unser Verbandsleben offener für Vielfalt und für nicht-mehrheitliche Lebensformen zu gestalten: Wie können wir Schranken abbauen? Wo diskriminieren wir mit Worten, Taten oder Unterlassungen: Konkret: Gibt es die Möglichkeit, koscher zu kochen? Ist „schwul“ ein Schimpfwort? Suchen wir „ein paar starke Männer“ zum Zelt aufbauen? Man könnte hier an Methoden zum positiven Umgang mit Andersartigkeit in der Ausbildung denken, wie Gruppenleitungen in ihren Gruppen mit Vielfalt umgehen können.
Andererseits richtet sich der Name des AKs auf „bunt erleben“, was in die Richtung geht, die bestehende Vielfalt sichtbarer zu machen bzw. zu erhöhen, zum Beispiel indem man landesweit Ansprechpersonen für homo- und bisexuelle Jugendliche einrichtet oder gezielt Öffentlichkeitsarbeit in Wohnvierteln von Migrant*innen gemacht wird.
Bevor nun mit diesem AK gestartet werden kann, muss natürlich ein Bedarf bzw. ein Interesse bestehen. Deshalb stehe ich sehr gern für Diskussionen, Fragen und Anregungen bereit – für Ermunterung genauso wie für scharfe Kritik. Und auch an der Mitarbeit Interessierte können sich gern melden. Je nachdem, wie nun die Resonanz eurerseits ist, wäre weiter vorzugehen. Geplant ist ein Konzeptionstreffen, auf dem alles konkretisiert werden soll, was bisher nur Ideen meinerseits sind: Was wollen wir behandeln und wie wollen wir das tun?

Bis dahin freue ich mich auf eure Fragen, Anregungen und Kritik!


Link zum Video „Inklusion – Einfach erklärt“: https://www.youtube.com/watch?v=XVhfXLuSydI

Advertisements
Vorheriger Beitrag
Nächster Beitrag
Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: