Streit um die Ludwigstein

Die Burg, auf der Menschen in Tracht und Halstuch unerwünscht sind.

Von Matze
by_Achim Lückemeyer_pixelio.de

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Die Jugendburg Ludwigstein. Von vielen liebevoll „die Lu“ genannt, ist sie ein beliebtes Ziel von Pfadfindern, Wandervögeln und anderen Jugendbewegten mitten im nordhessischen Bergland, bekannt geworden auch durch Veranstaltungen wie das „Beräunertreffen“ und die „Burgwoche“. Doch seit November 2013 sind Besucher in Kluft auf der Burg unerwünscht. Wie kam es dazu? Und wie stehen wir als BdP zu dem Konflikt, dessen letzte Konsequenz diese unschöne Entscheidung ist?

Ein Blick in die bewegte Vergangenheit

Dazu ist zunächst ein kleiner Blick auf die Geschichte der Jugendburg Ludwigstein nötig. Im 15. Jahrhundert erbaut, erlebte die Burg im Laufe der Jahrhunderte viele Besitzer und wurde zu verschiedensten Zwecken genutzt, unter anderem als Amtssitz, Schafstall und Brauerei. Um 1900 begann die Burg bereits zu verfallen, als sie von Wandervögeln entdeckt wurde und sich rasch zu einem Geheimtipp entwickelte. Nachdem 1913 das Meißnerlager ganz in der Nähe stattgefunden hatte, entstand die Idee, auf der Burg einen dauerhaften Ort der Begegnung zu schaffen. Im Jahr 1920 wurde die Vereinigung „Jugendburg Ludwigstein“ von den Mitgliedern verschiedenster Bünde gegründet und die Burg gekauft. Nach dem mühevollen Wiederaufbau entstand so ein überregionaler Treffpunkt und die Burg erlebte eine neue Blüte. 1933 fand diese Entwicklung ein jähes Ende, als sich die faschistische Nazi-Diktatur auch auf der Ludwigstein breit machte und dort eine Schule der Hitlerjugend eingerichtet wurde. Nach dem Krieg wurde die Burg 1946 zurückgegeben und in einer gemeinsamen Kraftanstrengung langsam wieder aufgebaut. Viele der wieder gegründeten Bünde bekennen sich zu „ihrer“ Burg und wirken beim Auf- und Ausbau mit. Im Laufe der Zeit entstehen das neue Archiv der Jugendbewegung, eine Jugendbildungsstätte und ein Schwimmbad. Das Eigentum an der Burg wurde zuletzt an eine Stiftung übergeben, um den Bestand langfristig zu sichern.

Zwischen Offenheit und dem Bekenntnis zur Demokratie

Durch ihre Geschichte ist die Burg eine Begegnungsstätte verschiedenster Bünde aus der Jugendbewegung und ganz unterschiedliche Menschen fühlen sich mit der Burg verbunden. Diese Tradition soll auf der Burg auch gelebt werden, und so waren dort stets Mitglieder aller Bünde willkommen. Daher durften dort auch Bünde mit einem problematischen Verhältnis zu Demokratie und Rechtstaat Raumpatenschaften übernehmen, in leitender Funktion an Bauhütten mitwirken oder Veranstaltungen organisieren. So zum Beispiel die „Fahrenden Gesellen“, bei denen nur „unbescholtene Deutsche“ Mitglied werden dürfen. Gemeinsam mit ihrem weiblichen Partner, dem „Deutschen Mädelwanderbund“ sind sie schon immer auf der Burg aktiv und anerkannt. Seit Anfang der 2000er Jahre tauchten auf der Burg auch vermehrt Mitglieder der deutschen Gildenschaft, des Sturmvogels und des Freibunds auf,

by Henning Hraba_pixelio.de

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Verbindungen und Bünde und mit vielfältigen Überschneidungen ins national-konservative Milieu, unter denen sich zum Teil sogar NPD-Mitglieder fanden. Um sich von diesen problematischen Bünden abzugrenzen, entstand das Konzept der „offenen Burg“. Darin wird betont, dass alle am Burgleben beteiligten Bünde sich zum demokratischen Rechtsstaat zu bekennen haben und niemand diskriminiert werden dürfe. Mit dieser relativ weichen Abgrenzung wurden keine Bünde aktiv ausgeschlossen, Sturmvogel und Freibund waren jedoch nicht bereit, diese Grundbedingungen zu akzeptieren und fortan von der Burg ausgeschlossen. In der folgenden Zeit drängten unterschiedlichste Bünde die Burgverantwortlichen, ihre Haltung zu rechten Bünden weiter zu verschärfen und einzelne Bünde aktiv auszuschließen, wie es zum Beispiel beim Hamburger Singewettstreit und zuletzt auch beim Meißner-Jubiläum praktiziert wurde. Die Stiftung der Burg berief sich jedoch stets darauf, dass sich auch diese Bünde zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennen würden. Die Burg stehe für gelebte Vielfalt und es sei wichtig, sich auch mit solchen Bünden auseinanderzusetzen.

Nach „Neuen Rechten“ werden Fördergelder gestoppt

Doch im letzten Jahr eskalierte dann die Situation. Auf dem „Markt der Jugendbewegung“, der Anfang Oktober 2013 auf der Burg während des Meißner-Jubiläums stattfand, entdeckte der Journalist und BdPler Jesko Wrede den Mitgründer des neurechten „Instituts für Staatspolitik“ Götz Kubitschek. Auch der Chefredakteur der konservativ-nationalistischen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ Dieter Stein und andere Gesinnungsgenossen waren auf der Meißnerfahrt anwesend. Wrede sah darin den Versuch rechtskonservativer Zeitgenossen, die Nähe zur Burg Ludwigstein und damit auch zur Jugendbewegung zu suchen. Bei diesen Leuten handelt es sich nicht um klassische Neonazis, sondern um Mitglieder der Neuen Rechten, die zwar rassistische und nationalistische Meinungen vertreten, sich aber nie Nazis nennen oder sich in der Tradition des Dritten Reiches sehen würden. Wrede nahm das zum Anlass, sowohl die Stiftung Jugendburg Ludwigstein (bit.ly/Jugendburg) als auch das hessische Sozialministerium (bit.ly/Sozialministerium) mit den Vorwürfen der zu geringen Abgrenzung zu völkisch-nationalistischen Bünden zu konfrontieren. Während die Burg keinen Handlungsbedarf erkannte, fror das Sozialministerium Ende Oktober alle Fördergelder bis zur Klärung der Vorwürfe ein.

„Kluftträger sind hier nicht erwünscht“

Auf diese Weise unter Zugzwang gesetzt, traf der Stiftungsvorstand der Burg eine ungewöhnliche Entscheidung. Die Burg werde den Bünden für die kommenden 12 Monate nicht als Begegnungsstätte zur Verfügung stehen, Besucher in Kluft seien während dieser Zeit nicht erwünscht, so entschied man Anfang November. Die Bünde seien aufgerufen, ihren Konflikt um die Burg zu klären und beizulegen. Der Streit darum, wer zur Jugendbewegung gehört und wer nicht, habe der Burg massiven Schaden zugefügt.

Für die Verantwortlichen der Burg Ludwigstein ist die öffentliche Kritik offenbar kein Grund, etwas am eigenen Verhalten zu ändern. Sie glauben, es ginge lediglich darum, einige Gruppen wie jene völkisch-nationalen Bünde aus der Jugendbewegung auszuschließen. Dass, wer nur „unbescholtene Deutsche“ in seinen Bund aufnimmt und ein Deutschland in den Grenzen von 1939 propagiert, niemals Teil der Jugendbewegung sein kann, fällt ihnen nicht ein. Die Verantwortung für die Situation wird stattdessen den Bünden zugeschoben.

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Nach offenen Briefen folgt der offene Dialog

Diese Entscheidung kritisieren der BdP gemeinsam mit dem DPV und dem DPB in einem offenen Brief (bit.ly/AnDieBurg) von Mitte November an die Verantwortlichen der Ludwigstein ausdrücklich. Das Problem sei nicht ein Konflikt der Bünde untereinander, sondern die mangelnde Distanz der Burg zu völkisch-nationalen Gruppen. Die Bünde hätten sich bereits eindeutig positioniert, indem sie während der Vorbereitung des Meißner-Jubiläums oder auch schon beim Hamburger Singewettstreit bestimmte Bünde von eben diesem Jubiläum ausgeschlossen und damit die Frage, wer zur Jugendbewegung gehört und wer nicht, eindeutig beantwortet haben. Die Verantwortlichen der Burg allerdings hätten das ignoriert und ganz nebenbei auch noch gegen ihren Stiftungszweck verstoßen, nämlich „die Burg […] den Bünden der deutschen Jugendbewegung […] zur Verfügung zu stellen“. Doch die Führungen der drei Bünde zeigten sich auch gesprächsbereit und so beginnt nach einem entsprechenden Beschluss der Vollversammlung der Vereinigung der Burg Ludwigstein nun Anfang Februar 2014 der „Dialog der Bünde“, an dem alle auf der Burg Ludwigstein vertretenen Bünde teilnehmen. Ziel ist die Entwicklung eines Konzepts, wie der Zugang der Bünde zur Burg in Zukunft gestaltet werden kann.

Die Fördergelder für die Burg Ludwigstein hat das hessische Sozialministerium übrigens zügig wieder frei gegeben. Trotzdem kam so der Stein ins Rollen, sodass nun offen über die Zukunft dieser geschichtsträchtigen Begegnungsstätte der Jugendbewegung diskutiert wird. Es bleibt mit Spannung zu erwarten, was sich daraus entwickelt. Für alle, die sich mit dem Thema weiter auseinandersetzen wollen, findet vom 25. bis 27. April 2014 ein Seminar von BdP und DPV zur Problematik der völkisch-nationalen Bünde statt.

 

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Ein Kommentar

  1. Habicht

     /  22. Februar 2015

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