Menschliche Späne

Ein Plädoyer für einen unaufgeregten Umgang mit Vielfalt und Inklusion

Von Laura
EP-Seminar_(c) Jonas Mehmke
Es gibt doch tatsächlich Einrichtungen in der sozialen Arbeit, die damit werben besonders vielschichtig und individuell zu arbeiten und zu betreuen. Im Ansatz sehr lobenswert, in der Realität jedoch leichter behauptet, als in die Tat umgesetzt. So sind Mitmenschen mit Behinderungen besonders gern gesehen, wenn sie „gut mitmachen“, mindestens aber ruhig schlafen und sich unauffällig verhalten. Auf persönliche Bedürfnisse wird nur eingegangen, wenn gerade Zeit und Geld übrig ist. Das Glück der Betroffenen kann nur realisiert werden, wenn ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Oft genügt das Geld aber noch nicht einmal, um die Masse an benötigten Windeln abzudecken. Diese werden auf der Basis eines Durchschnittswertes zugewiesen. Wer darüber hinaus abführt hat selbst Schuld?

 Tausche Leben gegen Vielfalt

Dieses verantwortungslose Verhalten der Gesellschaft dem Individuum gegenüber lässt sich leider auch auf andere Bereiche der sozialen Arbeit übertragen. Vielfalt ist überall erklärtes Ziel, auch in den Freizeitangeboten für Jugendliche. Allerdings nur, solange sie sich mit den Sparplänen vereinbaren lassen. Ich erinnere mich noch gut an damals, als ich die zehnte Klasse eines ortsansässigen Gymnasiums besuchte und wir einen Ausflug nach Hannover zum Landtag machten. „Wo gehobelt wird fallen nun mal Späne!“, hieß es da von einem Politiker, als wir unserem Ärger über das Abi nach 12 Jahren Luft machten. Durch die gewollt „reiche“ Vielfalt an verpflichtendem Nachmittagsunterricht litt leider die ursprünglich tatsächlich reiche Vielfalt an wahrnehmbaren Freizeitaktivitäten, so auch die Pfadfinderei. Stattdessen wurde kurzzeitig darüber diskutiert Pfadfinderei als AG anzubieten, was wohl weder dem Kern der Pfadfinderei, noch den Wünschen der betreffenden Schülerinnen und Schüler gerecht geworden wäre.

 Voneinander lernen… EP-Seminar_(c) Jonas Mehmke

 Nun gibt es ein neues Schulprojekt: Die „inklusive Schule“, bei der Schülerinnen und Schüler mit und ohne Behinderungen gemeinsam unterrichtet werden sollen. Die Idee finde ich super. Warum nicht Akzeptanz in der Gesellschaft dadurch schaffen, dass aktiv konfrontiert wird? Mit Sicherheit können hier beide Seiten profitieren. Der Mensch, der vorgibt nicht behindert zu sein von demjenigen, welcher behindert ist und andersrum. Das Problem an diesem „Konzept“ ist aber, dass es bisher kein Konzept gibt. Die Vorgaben und Adressaten ändern sich laufen und niemand weiß, wie eine gemeinsame Beschulung aussehen soll, die nicht nur Gleichheit propagiert, sondern auch allen Kindern mit ihren Bedürfnissen gerecht wird. Wie soll in einer Schule, wo sich in einer Klasse bis zu 30 Schülerinnen und Schüler befinden dürfen, jedes Kind so individuell gefördert werden wie es nötig und in einer Schule mit Klassen bis zu 10 Kindern möglich ist?

 … mit Bedacht und Zeit!

Vielfalt bedeutet für mich, nicht auf bisher Bekanntem zu beruhen, sondern ein großes Angebot an Möglichkeiten, aber auch an Kontakten zu Menschen, mit denen ich diese Möglichkeiten wahrnehmen kann. Ich möchte, dass nicht damit geworben wird Vielfalt zu leben, sondern dass dies selbstverständlich ist. Insgesamt ist es ein guter Ansatz, jeden akzeptieren, tolerieren und respektieren zu wollen. Dennoch sollte dies mit Bedacht und Zeit geschehen, um alle Seiten gerecht zu werden und Niemanden zu benachteiligen. Ich finde, die weltgrößte Jugendorganisation bietet dafür mit ihren Werten und Regeln sowie dem Streben danach, jedem Individuum gerecht zu werden, gute Voraussetzungen. Miteinander Pfadfinden und Barrierefreiheit auch auf Fahrt sollten unsere Ziele sein. Und doch sollten wir uns bewusst sein, dass dies Zeit braucht, um möglich zu werden. Damit diesmal alle mitkommen, wenn „gehobelt“ wird. Auch wer kleine Schritte macht, kann an ein großes Ziel kommen!

 

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