Wie man sich zum Affen macht und sich einen Bären aufbindet

Eine Polemik zum bündischen Rucksack von einer Frau vom Fach: Chrissi.

Von Chrissi
Untypischer Affe_(c) Jens Grolla

Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern. Und wenn der Frühling kommt, ist es bekanntlich Zeit, sich in die ledernen Hosen zu stopfen, (was aber kaum noch einer tut, seit die Zimmermannshosen in der Szene in Mode sind) und den Affen aus dem Schrank zu kramen (für die Uneingeweihten: das ist ein i.d.R.  fellbespannter Armeetornister, der sich in der bündischen Szene immer noch einiger Beliebtheit erfreut). Aber ganz ehrlich: Den Affen aus dem Schrank zu graben? Ist das klug?

Wie man sich zum Affen macht, oder: Schmerz ist unsere Ästhetik

Aus der Sicht der Trekking-Fachverkäuferin lautet die klare Antwort: Nö. In puncto Ergonomie und Tragekomfort spricht wirklich nichts für den Affen, und wer das Gegenteil behauptet, hat noch nie einen ordentlichen Trekkingrucksack von einem Profi auf seinen Rücken angepasst bekommen. Affen belasten beim Tragen ausschließlich die Schultern, und können damit bei Heranwachsenden sogar Haltungsschäden verursachen, genau so wie zu schwere Schulranzen. Für den Affen gilt klar: „Schmerz ist unsere Ästhetik!“

Auch das Material des Affen lässt aus funktioneller Sicht einiges zu wünschen übrig: Fell, Lederriemen und Holzgestell sorgen für ein hohes Eigengewicht des Tornisters. Ein gut erhaltenes Fell ist zwar stark wasserabweisend, aber es wird immer schwieriger, einen Affen zu finden, bei dem Fell und Leder noch in Ordnung sind. Kein Wunder, kamen die Dinger doch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Mode und wurden nur noch in der Schweiz ein paar Jahre länger produziert. Doch auch die letzten Schweizer Affen haben jetzt ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel – und Leder und Fell haben eben nur eine gewisse Halbwertszeit. Die Zeit der Affen neigt sich ihrem Ende zu. Trotzdem gibt es immer noch Menschen, die stur an ihm festhalten. Warum bloß?

Die meisten Bündischen, selbst eingefleischte Affenfans, bestreiten gar nicht, dass ein gut sitzender Trekkingrucksack aufgrund seiner genialen Lastübertragung auf den Hüftknochen viel bequemer ist als ein Affe, vor allem bei Gewichten ab 12 kg. Im Wesentlichen sprechen daher nur zwei Argumente für den Affen:

1. die Tatsache, dass man mit Affen lernt, sich auf das Notwendige zu beschränken

2. der Stil

Zu Punkt eins kann ich hier nur sagen: Das stimmt. Vielen Trekkingrucksackträgern würde es echt mal ganz gut tun, sich einmal mit dem Platzangebot eines Affen zurecht finden zu müssen. Damit könnten sie lernen, dass man auch ohne Titan-Espressomaschine und mit nur zwei T-Shirts leben kann. Also: ein echtes Argument für den Affen (und seinen nächsten Verwandten, den Fahrtenbären, aber dazu später mehr).

Im Übrigen: Wenn man sich tatsächlich auf das Notwendigste beschränkt und in einer Gegend unterwegs ist, die regelmäßiges Nahrungseinkaufen und Wasserholen erlaubt, kriegt der Affe auch niemals ein Gewicht, bei dem er gefährlich unbequem werden könnte. Allerdings schränkt man sich dann bei der Auswahl der Fahrtengebiete auf die zivilisierten Teile der Welt ein, oder aber man schleppt dann irgendwann doch mehr Gewicht, als noch bequem ist, im Affen herum. Da habe ich auch nichts dagegen, so lange der Träger die Alternativen zum Affen kennt und sich gut informiert für’s Affenschleppen entschieden hat. So richtig sauer werde ich aber, wenn ich mitkriege, dass ahnungslose Pimpfe mit 20-kg-Affen auf Großfahrt geprügelt werden.
Das passiert leider in der Affenfraktion immer noch viel zu oft, und nicht selten sind dann irgendwelche selbsternannten bündischen Hortenführer da auch noch stolz drauf. Deshalb habe ich auch oft Bauchweh, wenn ich das Argument höre, der Affe lehre, sich auf das Notwendige zu beschränken. rucksack_(c) dorothee schmidt

Kommen wir zur Stilfrage: Was ist mit „Stil“ überhaupt gemeint? Die historische Tradition des Affentragens in der bündischen Jugend? Die ist gar nicht mal so alt, wie manch einer denken mag. Die alten Wandervögel gingen entweder mit einem Segeltuchrucksack oder einer umgehangenen Rolle auf Fahrt. Diese ist der Affenrolle nicht unähnlich, war aber wohl eher vom „Charlottenburger“ der wandernden Handwerksgesellen abgeleitet.
Erst zwischen den Kriegen tauchten die ersten Affen neben den Segeltuchrucksäcken auf. Aber erst nach dem zweiten Weltkrieg trat der Affe in der bündischen Szene in Massen auf. Es herrschte Mangelwirtschaft, und da nahm man mit auf Fahrt, was man eben zu Hause hatte – und das war halt der Affe als Kriegsveteran. Stilistische Überlegungen spielten dabei wohl eher eine untergeordnete Rolle. Gleichzeitig aber wurde in Massen fotografiert, und damit bildeten sich „Sehgewohnheiten“ in der bündischen Szene. Man erkannte sich jetzt an der Kohte, der Juja, der Lederhose (auch ein Erbe der 50er Jahre) und eben auch dem Affen. Mit der historischen bündischen Jugend der 20er Jahre hat der Affe jedoch wenig zu tun.

Mag sein, denkt jetzt der Affenfan, das macht aber einen Trekkingrucksack auch nicht ästhetischer. Die Dinger sind meist schreiend bunt und aus Kunstfaserstoffen gewebt. „Ih, Plastik!“ denkt sich da der waschechte Bündische, steigt aus seinem Kunstfaser-Schlafsack, zieht seine Juja mit 20 % Polyamid über den Kopf und bindet sich die Goretex-Wanderschuhe an die Füße, setzt seinen ollen Affen auf den Rücken, und wundert sich dann, dass die glatzköpfigen Jungs in der Regionalbahn ihn begrüßen und sich über seinen „HJ-Rucksack“ freuen. Hm. Naja, Ästhetik ist halt subjektiv, da kann man nicht wirklich dagegen argumentieren.Also lassen wir die Vernunft und damit die Trekkingrucksäcke mal bei Seite und bleiben bei der Affenästhetik.

Lasst euch doch einen Bären aufbinden!

Wer auch nach wochenlangem Suchen bei Ebay und auf den Flohmärkten keinen ordentlichen Affen mehr finden konnte, aber bei der Ästhetik bleiben will, interessiert sich vermutlich nun für einen „Fahrtenbären“. Das ist ein dem Affen nachempfundener Tornister, den der Pfadfinderbund Nord bzw. Mecklenburg-Vorpommern in Zusammenarbeit mit dem Postsackhersteller Gartex aus Sachsen-Anhalt entwickelt hat, um einen Kompromiss zwischen Affenstil und Trekkingrucksackfunktionalität hinzukriegen, und dem absehbaren Tod des letzten Affen durch Materialermüdung vorweg zugreifen.

Das Fahrtenbär-Material ist zwar auch ein Baumwolle-Kunstfasermix, aber wenigstens unifarben schwarz. Außerdem kann man ihn auch in einer Sonderanfertigung mit Fell kriegen. Damit gewinnt er eindeutig Stilpunkte gegenüber einem Trekkingrucksack.

Der Fahrtenbär hat darüber hinaus gepolsterte Schulterriemen, ein verstellbares Tragesystem und einen Hüftgurt. Dafür fehlt ihm der Tornisterrahmen des Affen, aber wer vermisst den schon, der wog nur und hat ohnehin nichts gebracht. Es gibt den Bären zudem löblicherweise in zwei unterschiedlichen Rückenlängen, eine für Personen bis ca. 1,80 m Körpergröße, eine für längere Menschen. Das alles gibt Punkte für Funktionalität.

Tramper_(c) LV Niedersachsen, Bezirk Mitte

Er trägt sich damit zwar eindeutig besser als das unerträgliche Original, aber längst nicht so gut wie ein ordentlicher Trekkingrucksack. Denn man merkt dem Fahrtenbären deutlich an, dass der Hersteller nicht vom Rucksackbau kommt und trotz mehrfacher Nachbesserungen immer noch Lernbedarf besteht. Gartex hat scheinbar versucht, das uralte Lowe Alpine „Paralux“-System zu kopieren, dabei aber leider die Schultergurte falsch herum am Rückenteil befestigt, so dass die Schulterriemen oben vom Rucksack weg in Richtung Rücken des Trägers kippen, weil sie keine obere Befestigung am Tragesystem haben. Auf Dauer schneidet (mir zumindest) das Tragesystem zwischen den Schulterblättern ganz unangenehm ein, weil es nicht am Tragesystem anliegt, wie sich das eigentlich bei einem solchen System gehört. „nana“ aus dem Pfadfinder-Treffpunkt hat sich zu dem Problem mittlerweile einen funktionierenden „Workaround“ ausgedacht. Wenn man die Riemen so (http://www.bilder-upload.eu/show.php?file=65d398-1339328701.jpg) umschlauft, kann man das Einschneiden merklich reduzieren. Die perfekte Lösung ist das natürlich noch nicht, aber es hilft, den Konstruktionsfehler einigermaßen „erträglich“ zu machen. Der Hüftgurt ist allerdings auch nur eine bessere Stabilisation, für eine echte Lastenübertragung auf die Hüfte ist er viel zu weich. Das ist dennoch immer noch besser als gar kein Hüftgurt, aber für Lasten über 15 kg nur sehr eingeschränkt geeignet. Aufgrund der Einschränkungen bei Hüftgurt und Schulterriemen sollte man den Fahrtenbären nicht für Fahrten mit viel Essen (=Gewicht) im Rucksack verwenden, denn der perfekte Kompromiess zwischen Stil und Technik ist er leider (noch?) nicht. Aber für kleinere Touren oder in zivilisierten Gebieten mit guter Lebensmittelinfrastruktur ist er gut verwendbar.

Den Fahrtenbären kann man entweder direkt beim Hersteller beziehen oder zurzeit auch beim Ausrüster Eschwege. Allerdings ist er im Vergleich zu den Flohmarkt- und Ebay-Preisen eines Affen recht teuer: der kleine Fahrtenbär kostet knapp 140 €, der große 150 €. Für das Geld kriegt man jedoch auch einen akzeptablen Trekkingrucksack – ohne Konstruktionsfehler.

Das Beste aus zwei Welten

Es gibt noch einen zweiten Kompromiss zwischen Affe und Trekkingrucksack, der aber genau genommen keiner ist, sondern eine Kombination aus beidem. Man nehme seinen Affen und baue die Trageriemen ab. Dann gehe man in einen Trekkingladen und kaufe eine sogenannte „Lastenkraxe“. Lastenkraxen haben einen sehr stabilen Hüftgurt und ordentlich dick gepolsterte Trageriemen, weil sie für den Transport von schweren und auch unförmigen Lasten wie Expeditionskisten und Wasserfässern ausgelegt sind. Man gurte nun den Affen mit ein paar Packriemen hinten an der Kraxe fest und schon ist die Sache uneingeschränkt fahrtentauglich, echt bündisch in der Optik und dennoch super-funktionell. Unter den Affen passt sogar noch ein wasserdichter Packsack zum Beispiel für Essen oder die Fotoausrüstung, um den Affen rum eine ordentlich fette Affenrolle – damit ist die Konstruktion selbst für Touren geeignet, bei denen man Essen und Wasser für mehrere Tage mitschleppen muss (was allerdings das „Sich einschränken Müssen“ beim Affentragen komplett abschafft). Von hinten sieht es aus wie ein ganz normaler Affe, von vorne wie ein ganz normaler Trekkingrucksack – fertig ist der beste Kompromiss zwischen Affenoptik und modernem Tragesystem, den man sich für Geld kaufen kann. Leider für viel Geld, denn Kraxen sind mit ca. 170 € nicht ganz billig. Das Problem der Materialermüdung bei den Affen wird hiermit natürlich nicht gelöst.

Der alte tusk würde sich freuen: Fahrtenbär für Selbsterringende

Wer keine Kompromisse eingehen will, genau den Rucksack haben möchte, der auf den eigenen Rücken passt, exakt die richtige Schulterriemenform hat und in Preis, Farbe und Material genau das ist, was man gerne haben möchte, der findet von Stefanie „Schirmchen“ Schirmer aus der CPD im Netz eine Anleitung, wie man sich den eigenen Fahrtenbären nähen kann: http://www.jurtenland.de/files/fahrtenbaer_anleitung.pdf. Schirmchen hat hier ihr eigenes Ding gemacht. Heraus gekommen ist der „Fahrtenbär ultralight“, aus technischen Materialien, ergonomisch geformten Gurten (und übrigens richtig herum angenähten Schulterriemen), einem Alu-Innengestell zur Stabilisierung des Rückens und der klassischen Affenform. Dagegen kann die Trekkingfachverkäuferin einfach nichts sagen, denn das Tragesystem entspricht einem normalen Trekkingrucksack, und nichts ist bequemer als auf die eigene Person zugeschnittene Schulterriemen und ein Hüftgurt, den man ganz nach Gusto und gewünschter Stabilität selbst voll stopft. Auch der alte tusk sollte damit zufrieden sein, weil Schirmchen weder der bündischen Mode (oder vielmehr dem Re-Enactment der 50er Jahre) verhaftet ist, noch hat sie ihrer Bequemlichkeit nachgegeben, sondern sich Gedanken gemacht und wahrhaft als „Selbsterringende“ eine ganz eigene Lösung gefunden. Ich finde, der Fahrtenbär im Eigenbau hat alles, was man will: Stil und Funktionalität – noch bündischer geht es kaum. Wer so ein Ding nicht ultralight, sondern lieber in der Original-Affenoptik haben will, kann ja gewachstes Baumwollmischgewebe verwenden. Dies kann man im Trekkingladen bestellen, zum Beispiel den Rucksackstoff der Firma Macpac, der ohnehin einer der besten auf dem Markt ist, und meinetwegen kann man auch ein Fell auf den Deckel nähen.

Wenn ich nicht so faul wäre und besser nähen könnte, hätte ich es Schirmchen schon längst nachgemacht. So aber bleibe ich bei meinem liebgewonnen Trekkingrucksack und wundere mich über die, die sich unbedingt mit ihrem Affen quälen wollen.

Anmerkungen zur Autorin

Chrissi stammt aus dem VCP Gau Tronje und arbeitet hauptberuflich für den BdP Berlin-Brandenburg. Sie hat in ihrem Leben schon lauter komische Jobs gemacht, darunter neun Jahre Trekking-Fachverkäuferin in einem größeren Outdoor-Laden, von wo eine gewisse Ausrüstungsaffinität und -expertise stammt. Sie schreibt die Rubrik „Chrissis Ausrüstungstipps“ auf http://www.schwarzzeltvolk.de, aus der auch dieser Artikel stammt.

 

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