Glaubensfrage: Affe oder Tramper?

Minimalausstattung statt Hightech-Ausrüstung? Gründe eines Affenträgers.

Von Jascha
(c) Jascha Paul

Im laru 2/2012 gab es eine kleine Bilderspur. Jeder Teilnehmer wurde gebeten den Inhalt seines Kulturbeutels auf ein viereckiges Halstuch zu legen. Das Ganze wurde mit dem Besitzer fotografiert. Die Bilder zeigten insgesamt wohlgefüllte Tücher. Teilweise passte der Inhalt kaum auf das Tuch. Alles findet sich hier, eine Auswahl an Körperlotionen, Aftershaves und Rasierern. Ein Foto fiel jedoch heraus. Auf dem Halstuch lagen: Eine Zahnbürste, eine Tube Zahnpasta, ein kleines Handtuch und eine kleine Flasche Duschgel. Hier fiel auch das Statement auf, welches jeder der Teilnehmer abgeben durfte. Die Rechtfertigungen der anderen, „Habe sonst nicht so viel dabei, aber ich komme gerade von da und da oder besuche noch XY“, haben wir hier nicht gefunden.

 „Ich bin halt Affenträger, da ist man sparsam und nimmt nicht viel mit.“

 Dieser kleine Satz beschreibt eigentlich schon viel davon, worum es beim Affentragen geht. Auf Fahrt will ich mit meiner Gruppe, einem Anderen oder alleine, die Natur kennenlernen. Ich will mir fremde Lande und Leute ansehen. Ich will aber auch dem Alltag mit seinen Pflichten entkommen und seinem Luxus entsagen. Ich tausche das weiche Bett gegen ein Fell oder eine Isomatte, das saubere Klo gegen ein Loch im Boden. Ich will das Klo im nächsten Raum wieder zu schätzen wissen, ebenso wie die Kaffeemaschine oder die Heizung an der Wand. Aber ich will auch meinen Rasierer und meinen gefüllten Kleiderschrank, aus dem ich mir jeden Tag eine frische Unterhose nehme, wieder als das würdigen, was sie sind: Luxus. Ein Luxus, den ich die letzten drei Wochen oder auch nur das letzte Wochenende nicht hatte.

 Eine Frage der Größe

 Denn ein Affe ist kleiner als ein Tramper, keine Frage. Aber dieser Umstand zwingt einen zu gewissen Rationalisierungen. Brauche ich das vierte T-Shirt wirklich? Die große Shampooflasche geht auch nicht. Die Ersatzhose hab ich damals als erstes rausgeschmissen. Inzwischen geht es sogar ein wenig weiter. Brauche ich überhaupt lange und kurze Hose? Im Sommer tut es die Kurze alleine. Man streicht, ohne groß nachzudenken, schnell seinen Luxus zusammen. Dazu kommt, dass man zeitgleich ein gewisses Talent dafür entwickelt, in demselben Raum immer mehr Kram unterzubringen. Bald nach dem Wechsel vom Tramper zum Affen, fällt einem der Unterschied nicht mehr auf.

Ein weiterer Punkt ist für mich die funktionale Erreichbarkeit der Habseligkeiten in einem Affen, welche mit der Packweise einhergeht. Durch das genaue, platzsparende Packen weiß ein Affenträger immer genau, wo sich welches Teil befindet. Ihm fällt sofort die entstehende Lücke auf, wenn ein Teil fehlt. Es ist dann nämlich mehr Platz. Er löst die beiden Riemen, die den Deckel halten, und der gesamte Inhalt seines Affens eröffnet sich griffbereit. Kein Kramen, kein Wühlen. Schlafsack und einige Wechsel-T-Shirts sind in der Affenrolle. Absolut wasserdicht, solange der Poncho keine Löcher hat. Hier kann man auch die Kothenplane unterbringen.

 Eine Frage der Qualität

 Aber die Frage ist ja, warum? Warum? Warum gibt es heute immer noch Bekloppte, zu denen ich mich durchaus zähle, die den Tramper beiseitelegen und einen Rucksack dafür aufnehmen, welcher vergleichsweise uralt und rudimentär ist?

Genau darin liegt ein weiterer Grund. Die Affen, die heutzutage meistens verwendet werden, sind die Offiziersaffen der Schweizer Armee aus dem ausgehenden 2. Weltkrieg und der Zeit danach. Der Großteil der Affen wurde in der Zeit von 1944 bis 1949 gefertigt. Wenn man den Zustand bedenkt, in dem sich die Affen heute befinden, zeugt das nur zu gut von der hervorragenden Qualität, die damals gefertigt wurde. Auch heute kann ich meinen Affen zum Schuster bringen und mir für kleines Geld einen neuen Riemen ansetzen lassen. Dieser hält dann die nächsten 30 Jahre. Kein heute produzierter Rucksack kommt an diese Qualität heran.

 Eine kleine Geschichtsstunde: Woher kommt der Affe eigentlich?

 Seit den Napoleonischen Kriegen gibt es Militärrucksäcke, welche in der Soldatensprache Affe oder auch Felleisen genannt werden. Auch im 1. Weltkrieg wurden viele Affen für die verschiedenen Heere gefertigt. Nach dem Krieg begann die bündische Jugend dieses Material zu nutzen. Weniger aus ideellen Gründen, als aus der Not heraus. Die Affen waren verfügbar, und sie waren günstig zu haben. Das gleiche Phänomen wiederholte sich nach dem 2. Weltkrieg. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass der Wehrmachtsaffe bei Weitem nicht so hochwertig gefertigt war wie der Schweizer Offiziersaffe. Und seit die Schweizer Armee diese ausgemustert hat, sind sie auch zu bekommen.

 Eine Frage des Stils

 Bei allem Für und Wider bleibt nur zu sagen, dass es letztlich eine Stilfrage ist. Wir Affenträger machen das alles, weil wir den Affen geil finden. Wir mögen ihn. Jeder aus anderen Gründen. Und wenn ihr uns tausend Gründe nennt, die für einen Tramper sprechen. Wir bleiben bei unseren Felleisen. Er ist ein Teil des Fahrtenspruchs: Quäl dich, du Sau!

 

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