Vielfalt und Einheit

Zwei Seiten der Pfadfinderei, die gar nicht so widersprüchlich sind

Von kison
(c) Niklas Krüger

(c) Niklas Krüger

Zwei Sätze, die einander zu widersprechen scheinen: Pfadfinden ist Vielfalt. Pfadfinden ist Einheit. Doch ich behaupte, sie widersprechen sich nicht. Sie sind in notwendiges und gutes Paradoxon, das wichtig und richtig für uns ist.

Pfadfinden ist Einheit

Eine Gruppe von Menschen in dunkelblauen Hemden mit blaugelben Halstüchern steht in einem Kreis um einen Mast, an dem ein Band befestigt ist, an dem eine Fahne weht, in denselben Farben wie die Halstücher; ein junger Mann hat seine Gitarre auf den Rücken gebunden, damit er wie alle anderen im Kreis seine Arme überkreuzen kann, um mit seiner rechten Hand die linke Hand seiner Nachbarin anzufassen; bis vor kurzem spielte er ein Lied, das zwar jede und jeder der Menschen im Kreis mitsingen konnte, aber von denen, die nicht zum Kreis gehören, hatte noch niemand dieses Lied je gehört. Auf die Leute, die vorübergehen und den Kreis sehen, wirkt dieses Schauspiel ausschließend: sie gehören nicht dazu. Andersherum haben die Menschen im Kreis mit den dunkelblauen Hemden das starke Gefühl dazu zu gehören.

Rituale und Symbole

Durch Rituale und Symbole wird Gruppenidentität gefördert. Ein Kreis ist immer etwas abgeschlossenes, zu dem nur diejenigen Zutritt haben, die drin stehen; alle sehen sich an, doch das, was außerhalb des Kreises liegt, ist außerhalb des Sichtfeldes. Durch das Anfassen schließen wir den Kreis und rücken dabei zwangsweise näher zusammen. Und es  gibt noch stärkere identitätsstiftende symbolische Rituale: Versprechensfeiern, bei denen jemand in der Mitte eines Kreises steht und mit der rechten Hand den Pfadfindergruß macht, während man ein Versprechen gibt; Fahnen und Feuer dürfen da natürlich nicht fehlen.

Wir sind einheitlich, nicht nicht-unterschiedlich

Doch nicht nur durch Rituale wird uns immer wieder klar, dass wir zusammen gehören, dass wir eine Einheit sind.  Auch im (Lager-)Alltag sehen wir uns gegenseitig an, dass wir alle Pfadfinderinnen und Pfadfinder sind, denn nicht nur weht in der Mitte des Lagerplatzes „unsere“ Fahne mit „unserem“ Zeichen, auch tragen wir alle ein dunkelblaues Hemd, auf dessen linker Brust sich das Zeichen von der Fahne wiederfindet, und ein blau-gelb gestreiftes Halstuch. Wir nennen Hemd und Halstuch Kluft oder Tracht. Wir nennen sie nicht Uniform; stattdessen wehren wir uns gern dagegen, wenn jemand außenstehendes von „Pfadfinderuniform“ spricht. Sie sei dazu da, soziale Unterschiede zu  überdecken, und nicht dazu, dass wir einheitlich aussehen. Doch tatsächlich hat die Kluft nicht nur den negativen Effekt, Unterschiede zu verdecken, sondern auch den positiven, eine Einheit, eine Gruppenidentität zu stiften. Sie symbolisiert nach innen Zugehörigkeit und nach außen Abgrenzung. Sie ist eine Uniform, auch wenn in Deutschland (berechtigterweise) ein gewisses Unbehagen mit diesem Begriff besteht. DiesesUnbehagen ist erwachsen aus den schlechten historischen Erfahrungen mit Militarismus (Kaiserreich, Erster Weltkrieg, Faschismus und Zweiter Weltkrieg) und aus unserer zweiten Wurzel, der (bündischen) Jugendbewegung, die eine deutlich weniger uniforme Tradition hat – zum Teil auch als Reaktion auf historische Erfahrungen.

Pfadfinden ist Vielfalt

Und man könnte meinen, dieses Unbehagen ist schuld an der Zerstörung der Einheitlichkeit unserer Uniform: Hut und Hose gehören längst nicht mehr zur Uniform; manches Hemd wird in die Hose gesteckt, manches nicht; Halstücher werden mittlerweile auch ohne Lederknoten als Affenschaukel getragen, aber längst nicht überall; und mancherorts trägt man nur noch selten das Hemd, sondern eher eine Takelbluse. Diese Unterschiede hängen nicht  unbedingt von Einzelpersonen ab, sondern es lassen sich von LV zu LV, von Bezirk zu Bezirk, von Stamm zu Stamm
unterschiedliche Grade an Einheitlichkeit feststehen. Wer auf den Grundkurs fährt, sieht dort Berliner, die ihre

(c) Roland Sonsalla

(c) Roland Sonsalla

Halstücher mit einem Knoten zusammengebunden haben, auf dem das Stammeszeichen prangt. Im LV Niedersachsen dagegen hat fast jeder Stamm eigene Regeln: So ist bei manchen nur vorgeschrieben, dass man das Halstuch ständig trägt, sonst kann man anziehen, was man will; bei anderen dagegen dürfen nur ganz bestimmte Hemdsknöpfe geöffnet sein. Nun könnte man meinen, dieses Durcheinander würde unsere Tracht, unsere Gruppenidentität, gar unsere  Einheit zerstören; alles wird chaotisch und unübersichtlich und beliebig; wir verlieren das, was uns von anderen  Jugendlichen abgrenzt, die in Vereinen Mitglieder sind, bei denen es keine Uniform gibt. Angemerkt sei hier, dass auch Kleinstadtjugendfußballvereine Uniformen in Form von Trikots haben. Doch nein: Diese Vielfalt ist richtig und  wichtig!

Vielfalt in Einheit – Einheit in Vielfalt

Denn:

  1.  Der BdP ist ein großer Bund. Als er gegründet wurde, hätte es durchaus die Möglichkeit gegeben, eine andere Struktur zu wählen, denn kurz bevor sich der BdP vom BDP abspaltete, waren schon eine ganze Reihe von Stämmen aus dem BDP ausgetreten, hatten kleine Bünde gegründet und sich zum DPV zusammengeschlossen. Deren Ziel war, wieder mehr Vielfalt zuzulassen, indem jeder Mitgliedsbund seine eigene Uniform, seine eigenen Symbole und seine eigenen Rituale haben konnte. So sind die auf die Uniform bezogenen Unterschiede in einem kleinen DPV-Bund wie den Jomsburg-Pfadfinderinnen und -Pfadfindern bestehend aus 3 Stämmen rund um Kiel wohl ähnlich gering wie die Unterschiede zwischen eng beieinander sitzenden Stämmen in unserem LV. Diejenigen,die den BdP gründeten und nicht in den DPV gingen, haben dies getan, weil sie sich nicht so radikal vom BDP abgrenzen wollten; von der Linkspolitisierung ja, aber nicht von der Demokratisierung und nicht von der Idee eines gesamtdeutschen Bundes mit weitgehend einheitlichen Strukturen und Formen. Ein solch großer Bund muss in einer pluralistischen Gesellschaft zwangsweise auch graduelle Unterschiede akzeptieren.
  1. Neben der scoutistischen, der „Pfadfinder-Tradition“ im engeren Sinne haben wir eine zweite Wurzel: die Bündische Jugend bzw. die (bürgerliche) Jugendbewegung des beginnenden 20. Jahrhunderts, die Selbstverwirklichung, innere Freiheit und freie Persönlichkeitsentwicklung als Ziel hat, folglich notwendig individualistisch sein muss. Die Persönlichkeit eines Menschen kann sich nicht frei entwickeln, wenn ihr zu enge Grenzen durch eine kollektive Einheit gesetzt werden.
  1. Auch unsere pädagogische Konzeptionerkennt in der Präambel diese zwei Quellen an. Pfadfinden wird definiert als „Bewegung von Selbsterziehung und gemeinsamen Werten“, als Unterstützung der Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit; dafür sind „Freiräume“ unbedingt notwendig. Wir sind an der Identitätsbildung unserer Mitglieder nicht nur dadurch beteiligt, dass wir ihnen vermitteln, Teil einer Gruppe, einer Bewegung zu sein, die zu einem Teil ihrer eigenen Identität wird, sondern auch dadurch, dass wir sie grundsätzlich in ihrer Identitätsbildung unterstützen, ohne ihnen eine bestimmte Identität vorzuschreiben. Heterosexuelle und homosexuelle, jüdische und christliche, deutsche und dänische Mitglieder haben dasselbe Recht darauf, dass wir ihre jeweilige Identität nicht nur im Sinne des Ertragens tolerieren, sondern auch akzeptieren, somit annehmen und sogar unterstützen! In einer pluralistischen Gesellschaft sind diese Identitäten notwendig vielfältig,auch wenn es gewisse Übereinstimmungen gibt, die zum Teil daraus resultieren, dass die meisten unserer Mitglieder zur christlichen, deutschen, heterosexuellen, weißen Mehrheitsgesellschaft gehören, aber auch daraus, dass Pfadfinden oft zu einem Teil dieser Identität wird.
(c) Jaqueline Rinke

(c) Jaqueline Rinke

Und der Kreis schließt sich…

Pfadfinden schafft also beides: Einheit und Vielfalt. Wir erziehen durch identitäts- und interessengerechte Jugendarbeit unsere Mitglieder zu individuellen Menschen, die eine eigene Identität besitzen. Zu dieser Identität gehört es auch, Pfadfinderin bzw. Pfadfinder zu sein und bestimmte pfadfinderische Werte zu verinnerlichen. Diesen Identitätsaspekt und diese Werte können wir nur vermitteln, wenn wir einen gewissen Grad an Einheitlichkeit schaffen. Wird die Einheitlichkeit jedoch zu groß, gelingt es uns nicht mehr, der Individualität unserer Mitglieder gerecht zu werden und eine große Vielfalt an Persönlichkeiten zu vereinen. Wird dagegen die Vielfalt zu groß, leidet die gemeinsame Identität, leidet die Wertevermittlung. Zu diesen Werten gehört nicht nur Vielfalt, sondern auch Selbstreflexion, die zur Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit notwendig ist. Wenn wir zu viel Vielfalt zulassen, leidet die Vielfalt selbst. Wir brauchen eine vielfältige Einheit genauso wie eine einheitliche Vielfalt.

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