„Wie, du warst früher gar kein Pfadfinder?“

Gemessen an der Mitgliederzahl sind sie Exoten, doch praktisch jeder Stamm kennt sie. Obwohl nie Wölfling oder Sippling gewesen, engagieren sich Erwachsene bei den Pfadfindern. Der Lebenslauf eines Quereinsteigers.

Von Mika

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„Pfadfinder? Tragen die nicht Uniformen und gibt’s die nicht hauptsächlich in den USA und hier nur bei ein paar Kirchengemeinden?“ Das hätte ich vor 10 Jahren auf die Frage geantwortet, was ich über Pfadfinder wüsste. „Was die wohl so tun? Keine Ahnung…“ Mein Bild von dieser Menschengruppe war praktisch schwarz.

Lebendige Pfadfinder – ein erster Kontakt

In meiner Heimat südlich von Bremen hat es meines Wissens nie aktive Pfadfinder gegeben und so hatte ich noch nie bewusst ein „lebendiges Exemplar“ von ihnen gesehen, bis ich im Studium meine heutige Ehefrau Birgit kennen gelernt habe. Sie war damals eine engagierte Meutenführerin und nach ihren Erzählungen über Meutenstunden, Wochenend- und Großfahrten, und vor allen Dingen wegen ihres seltsamen blauen Hemds und des gelben Halstuchs wurde ich schon ein wenig neugierig, was denn Pfadfinder so treiben. Kurzerhand kam ich zu der ein oder anderen Meutenstunde mit, half bei einer Wochenendfahrt und mein vorläufiges Fazit über das Programm war: „Viel Toben, meist draußen, lustige, auch körperbetonte Spiele, Feuerholz ‚organisieren‘, Feuer anzünden, Feuer wieder ausmachen und alle Spuren beseitigen. Kurzum, die Kinder hatten viel Spaß.“ Etwas befremdlich kam mir als Erwachsener allerdings der auf den ersten Blick fahrlässige Umgang mit diesen „spitzen, scharfen Messern“ vor: „Dürfen die Kinder das überhaupt?“

Ein neuer Meutenführer wird gesucht!

Von „größeren“ Dingen wie Stammesräten, Versprechensfeiern, Bünden usw. hätte ich auch wohl auch nie etwas mitbekommen, hätte Birgit nicht irgendwann vor dem bekannten Problem gestanden: Wegen ihrer Ausbildung musste sie zwei Jahre in Meppen arbeiten, die Meute in Ganderkesse bei Oldenburg konnte sie nicht mehr weiter leiten. „Wer folgt mir nach und wird neuer Meutenführer?“ Wohl eher mehr im Spaß als im Ernst hat sich mich gefragt, ob ich nicht aushelfen könne. Weil ich als angehender Lehrer noch Erfahrungen im Bereich Jugendarbeit sammeln wollte, habe ich dann spontan zugesagt und so wurde ich im Mai 2007 Meutenführer. Aber ohne je einen Kurs besucht zu haben, ohne jemals Sippling oder Wölfling gewesen zu sein, hatte ich keinen echten Plan vom Leben als Pfadfinder.

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Crashkurs Pfadfinden – Geht das?

Ganz allein war ich zum Glück nicht, denn nach mehrjähriger Abwesenheit wollte Maxi wieder bei den Pfadfindern aktiv werden und es sollte sich zeigen, dass wir uns gut bei der Meutenführung ergänzen konnten. Auf den ersten Meutenstunden musste ich natürlich selbst einiges lernen: Kohten aufbauen, Feuermachen nach Pfadfinderart und dann noch die ganzen seltsamen Riten: unverständliches Gebrüll, sprich Schlachtrufe, Begrüßungs- und Abschiedslieder, später dann noch im Stamm Versprechensfeiern und das spezielle Probensystem des Stamm Parzival.

Das alles half mir persönlich bei folgendem Problem: „Wie soll ich meinen Wölflingen das Pfadfinden beibringen, wenn ich selber keine praktischen Erfahrungen habe?“ Auf dem so genannten Probenlauf für die Jungpfadfinderprobe durfte ich schließlich unter Beweis stellen, was ich gelernt hatte. Das war eine besondere Erfahrung für mich, denn als 25-jähriger fiel ich unter den 12 bis 14-jährigen anderen Prüflingen als „alter Sack“ natürlich auf. Aber bei den gestellten Aufgaben verwischten die Altersgrenzen, und das ein oder andere konnte ich hier von Jüngeren lernen. Dieser Tag, von 9 bis 18 Uhr permanent auf den Beinen, Bäume und Steine quer durch den Wald geschleppt, mit Karte und Kompass gewandert, im moosigen Waldboden mit herausrutschenden Holzheringen gekämpft, war einer der schönsten Tage meines Lebens.

Man wird Teil des großen Ganzen.

Mit den Leistungen als Jungpfadfinder hatte ich mir den Respekt sowohl vor meinen Wölflingen als auch im Rest des Stammes verschafft. Nach einem weiteren Jahr hatte ich das Gefühl, ich gehöre hier hin. Viele Details musste ich natürlich noch kennen lernen, aber nach zwei Jahren waren die Spuren so weit verwischt, dass viele Stammesmitglieder (beim Stamm Parzival sind es bekanntlich ein paar mehr) bei meiner Geschichte etwas überrascht waren: „Wie, du warst früher gar kein Pfadfinder?“ Nur beim Singeabend wundern sich damals wie heute einige darüber, warum ich denn dieses und jenes Wölflingslied nicht kennen würde…

Die Arbeit mit den Kindern in der Meute machte mir viel Spaß, und auch die typischen Fahrten-probleme wie quengelige und uneinsichtige Kinder, Heimweh usw. lernte ich kennen. Aber das allein machte den Reiz des Pfadfindens für mich nicht aus. Im Akelakreis der Meutenführer konnte ich auf Gruppenleiterfahrten auch das Pfadfinderleben in „Freiheit“ genießen, ohne die Sorge um meine Wölflinge haben zu müssen. Sowohl das Leben in unmittelbarer Nähe zur Natur als auch die mich faszinierende Technik von Schwarzzelt und Co. trafen genau meine Interessen. Und so ein netter Singeabend in geselliger Runde schloss jeden Fahrtentag in bester Erinnerung ab. Es war, als würde ich einen Teil einer versäumten Jugend nachholen.

Als Quereinsteiger wird man überall gebraucht. Auch im eigenen Leben.

Bei Tageslicht zeigte sich natürlich, dass ich als Endzwanziger eine Sonderrolle spielte. Und so kam es, dass ich nach nur acht Monaten Mitgliedschaft plötzlich in der Stammesführung saß. Als Schriftführer habe ich gemerkt, dass ich hier die engagierten jungen Gruppenleiter entlasten konnte, indem ich ihnen die formalen Aufgaben abnehme bzw. vereinfache. Nach einiger Zeit konnte ich mich dann auch als Meutenführer langsam zurückziehen, weil jüngere und meines Erachtens damit authentischere Nachfolger gefunden waren.

Innerhalb der letzten 5 Jahre zogen somit die Abschnitte eines „normalen“ Pfadfinders für mich in Zeitraffer vorbei: vom (Ober-) Wölfling bis hin zum stellvertretenen Stammesführer. Und je weiter ich mich von der Basisarbeit entfernte, je mehr ich in die zweite, aber meines Erachtens nicht unwichtigere Reihe gesellte, desto häufiger stellte die Frage: Warum und wie lange tue ich mir das eigentlich noch an? Dies lag nicht daran, das Pfadfinden plötzlich langweilig wurde, aber der Ernst des Lebens klopfte bei mir immer strenger an, mein Beruf bzw. meine weitere Qualifikation als Doktorand mussten während des Pfadfindens sicherlich Abstriche machen und nun galt es für mich, langsam aber sicher Abschied zu nehmen. Ganz trennen konnte bzw. wollte ich mich dann nicht, so war in noch einige Zeit bei den Materialwärten aktiv und heute helfe ich noch in der laru-Redaktion aus, wenn es um das Korrigieren und online-Stellen von Artikeln geht.

Schreibstisch_Mika

Die Bilanz als Quereinsteiger? Man investiert, und bekommt mehr zurück.

Auch wenn mein intensives Leben als Pfadfinder auf den ersten Blick aus beruflicher Sicht nicht ganz optimal gewesen ist, bereue ich meine damalig etwas spontane Entscheidung des Quereinstiegs nicht. Im Gegenteil, mit all der investierten Zeit und Arbeit habe ich viele Erfahrungen sammeln können, die meine Persönlichkeit wie ein Mosaikbild ergänzt haben.

Heute greife ich auf diese gemachten Lektionen zurück. Dies gilt nicht nur für meinen Beruf als Lehrer, sondern auch als Bürger einer Gesellschaft, die ich aus einem anderen Blickwinkel erleben durfte: Die große Gastfreundschaft, wenn bei einer verregneten Fahrt der Bürgermeister eines kleines Ortes kurzerhand sein Gartenhaus freiräumt und sich die Meute beim Geburtstagsschmaus seiner Ehefrau wieder aufwärmen darf. Unerfreuliche Bekanntschaften mit Mitmenschen, die mich in Kluft mit „Verpisst euch, ihr Hitlerjugend!“ oder einem „Sieg heil!“ ansprachen, zeigten mir, dass in unserer Gesellschaft an vielen Stellen große Unwissenheit und Intoleranz wohl nicht nur Pfadfindern gegenüber herrschen und man schnell selbst zur Zielscheibe solcher Gesellen werden kann. Man lernt also ein Leben lang…

Das AB-Päckchen ist immer noch gefüllt und griffbereit.

Meine Halstücher hängen direkt über meinem Schreibtisch. Nicht, weil ich das Pfadfinden an „den Nagel gehängt“ habe, sondern weil sie mich an diese schöne Zeit meines Lebens erinnern und weil ich im tief im Inneren mit dieser Lebensphilosophie verbunden fühle. Egal wie offen oder versteckt sich dies zeigt, irgendwie werde ich immer ein Pfadfinder bleiben, trotz des verspäteten Einstiegs.

Immer noch wechseln sich Bilder von meinen Pfadfinderleben auf dem Desktop ab, meine Meute mitten in einem Wald an einem See, eine Kohte und eine Lok, natürlich schwarz.

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