Wie deutsch bist du?

Über die Bedeutung von kultureller Prägung und die Frage, was interkulturelle Kompetenz mit Vorurteilen zu tun hat.

Von Lisa
Eisbergdiagramm

Was ist an mir typisch deutsch?“

Liebe zur Struktur * Regelbewusstsein * Alles erst mal hinterfragen  *  Selbstständigkeit * Schlappen * Bedürfnis nach Ordnung *  Kartoffeln * einen Tag am Strand nur mit Lesen verbringen können * Pünktlichkeit * Am liebsten auf der Sach-
ebene diskutieren * Optimierungsbedürfnis bei impulsiv also unbedacht gestalteten Abläufen im Alltag * Erschrockenes Zusammenzucken und sofort einsetzendes Schamgefühl beim Anblick nationaler Symbole * Vollkornstulle mit Gürkchen zum Abendbrot * Erst mal aufregen und Widerspruch einlegen * Direkt sein * Nörgeln * Betonen, dass ich gar nicht typisch deutsch bin

Quelle: Antworten auf die Frage „Was ist an dir typisch deutsch?“ meiner facebook-Freunde

Natürlich treffen nicht alle diese Punkte auf jeden von uns zu. Aber ein Fünkchen Wahrheit erkennen wahrscheinlich die meisten. Und das, obwohl wir aus sehr verschiedenen Familien kommen, in unterschiedlichen Städten aufgewachsen sind und unter den Antwortenden keine Pfadfinder waren, scheint es doch etwas zu geben, das die Basis für gewisse Gemeinsamkeiten ist. Ich behaupte, dass dies unsere Kultur ist. Unser „Deutsch-Sein“.

Gartenzwerg_Andreas Nikelski_pixelio.de

Der Begriff Kultur oder die indische Hochzeit Teil I

Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Kultur sprechen? Schiller, unsere Sprache, den letzten Museumsbesuch, die Pizza beim Italiener oder Schuhplattler? Der Kulturbegriff ist sehr komplex, vielschichtig und umstritten. Allgemein gesprochen kann Kultur verstanden werden als alles Menschengeschaffene, als Gegenpol zum Begriff der Natur. Darüber hinaus wird oftmals unterschieden zwischen einem engen Kulturverständnis (Kunst, allgemein Geisteskultur) und einem erweiterten Kulturverständnis, das alle lebensweltlichen Zusammenhänge (Religion, Bildung, Ethik etc.) einschließt. Und natürlich können auch Nationalkulturen (deutsch, französisch etc.) damit gemeint sein, die dem, was ich an dieser Stelle mit Kultur meine noch am nächsten kommen. Wobei ich betonen möchte, dass es mir weniger um exakte geographische Grenzen geht, als um die gemeinsamen Lebensumstände bestimmter Menschen auf der Basis ihrer gewachsenen Tradition sowie ihrer aktuellen Umgebung. Kultur soll hier verstanden werden als eine Art Orientierungssystem. Als eine Strategie, die uns hilft, Entscheidungen zu treffen. So müssen wir uns weder jeden Morgen überlegen, ob wir pünktlich zur Arbeit gehen oder ein paar Stunden später kommen, noch ob wir unsere Lehrerin mit Küsschen oder ohne begrüßen.

Dass uns diese Entscheidungen so selbstverständlich vorkommen zeigt, wie sehr unsere Ansichten in uns verankert sind. Mir fällt dabei unser indischer Gaststudent ein, der mir von seiner bevorstehenden Heirat erzählte. Auf die Frage, wie lange er mit seiner Verlobten denn schon zusammen sei, antwortete er, er habe sie schon einmal gesehen. Es sei eine arrangierte Ehe. Er tat mir leid.

Ein Eisberg oder die indische Hochzeit Teil II

Kultur bezieht sich nicht nur auf unser Essen, unsere Sprache und unsere Feiertage. Vielmehr meint sie auch die Werte, Bedürfnisse und Erwartungen, die unserer Wahrnehmung und unserem Verhalten zu Grunde liegen. Nur dummerweise sieht man das alles nicht. Wir können uns das Ganze vorstellen wie einen Eisberg, bei dem nur die Spitze zu sehen ist.

Menschen betrachten die Welt stets durch ihre eigene „kulturelle Brille“, die die Grundlage für unsere Wahrnehmung, unser Verhalten und unsere Bewertung von Situationen ist. Soweit so gut. Schwierig wird das erst dann, wenn wir Menschen treffen, deren verborgene Eisschollen anders zusammengesetzt sind als unsere. Denn wir neigen dazu anzunehmen, unser Gegenüber denke, handle und urteile auf derselben Basis wie wir.

So war es auch in meinem Fall mit der indischen Hochzeit. Für mich ist die Vorstellung, verheiratet zu werden schlimm. Sehr schlimm. Bei dem Gedanken, andere derart über mein Leben entscheiden zu lassen, wir mir schlecht und in meinem Bauch gärt Rebellion. Irritiert wurde ich erst, als der Ehemann in spe mir erzählte, wie glücklich er sei, unser elendes Hin- und Her aus Flirten, Warten, Kennenlernen, Irren, Trennen, Leiden und wieder Flirten nicht mitmachen zu müssen. Seine Familie habe für ihn entschieden und die kenne ihn schließlich am besten. Und wenn es nicht passe, hätten sowohl er, als auch seine Frau ein Veto-Recht. Ich möchte mir meinen Partner zwar immer noch selbst aussuchen, aber seine Sicht hat mir deutlich gemacht, wie sehr ich in meinem Urteil von mir auf andere geschlossen habe.

deutscher Reisepass

Alles eine Frage der Perspektive

Dies ist genau der Punkt, an dem interkulturelles Lernen ansetzt. Dabei soll es nicht darum gehen, kulturelle Gewohnheiten auswendig zu lernen wie „Niederländer kommunizieren sehr direkt und sagen gerade heraus ihre Meinung“ und „Thailänder kommunizieren indirekt, das heißt, sie erzählen eine Metapher, um darauf hinzuweisen, wenn sie etwas stört“. Auch wenn solche Unterscheidungen oftmals genutzt werden, um überhaupt über kulturelle Differenzen und Gemeinsamkeiten sprechen zu können, so beschreiben sie selbstverständlich nicht die ganze Wahrheit. Vielmehr sind Ausprägungen immer individuell und selbstverständlich gibt es Deutsche, die immer und immer zu spät kommen oder Polen, die keinen besonders engen Draht zu ihrer Familie haben. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, sich bewusst zu werden, dass wir Menschen/Situationen nicht auf eine bestimmte Art sehen, weil sie so sind, sondern weil wir gelernt haben, sie so zu beurteilen. Ziel ist also die Reflexion der eigenen Werte/Weltanschauung sowie ein Perspektivwechsel, der es uns ermöglicht, andere Sichtweisen neben unserer eigenen zu beobachten, bevor wir vorschnell urteilen.

Dieser Perspektivwechsel ist keine einfache Sache, da unsere Weltanschauungen, Werte und Normen in der Regel sehr tief in uns verankert sind und nicht nach Belieben willentlich verändert werden können. Wir können dies aber üben. Eine gute Gelegenheit dafür sind internationale Begegnungen, beispielsweise auf dem kommenden BuLa. Die Begegnung und der Austausch mit Menschen unterschiedlicher Herkunft macht es möglich, sich und andere einmal genauer zu beobachten. In der interkulturellen Pädagogik gibt es außerdem verschiedene Übungen, die die Wahrnehmung schulen und Perspektivwechsel erleichtern sollen. Wenn ihr daran Interesse habt, meldet euch gern bei mir in der LGS.

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