Pfadfinden als Zuschussbetrieb. Vom sanften Zwang der öffentlichen Hand

BuLa 2009_1 Jens Grolla 194Fördermittel durch Kommunen gelten als selbstverständlich, die Einnahmen werden von den Stämmen fest einkalkuliert, und eigentlich sind alle Beteiligten zufrieden. Oder versteckt sich dahinter nicht doch eine unfreiwillige Abhängigkeit?

Von Moritz

Sie sind ein altbekannter Begleiter auf jedem Stammeslager, auf jeder Bezirks- oder Landesaktion. Kein Lager kommt ohne sie aus, und das schon solange ich in meine früheste Wölflingszeit zurückdenken kann: Die Listen für die Förderung von Stadt und Land. Ungezählte haben wir alle schon unterschrieben. Sie sind uns so natürlich geworden, dass wir uns gar nicht mehr bewusst machen, was diese konstante öffentliche Förderung eigentlich bedeutet. Und, so mag man denken, was ist denn dabei, dass uns die öffentliche Hand ein wenig vom großen Pott der Steuergelder zurückgibt? Gerecht ist das doch! Ein verdienter Lohn für unsere Arbeit! Schließlich schaffen es manche Stämme so tatsächlich, je nach Förderfreudigkeit der Kommunen und Landkreise, beträchtliche Summen einzustreichen.

Kein Geld ohne Gegenleistung: das „Kleingedruckte“ der Förderrichtlinien

Bei all der Euphorie über den warmen öffentlichen Geldsegen vergessen wir, dass all dieses Geld an Bedingungen geknüpft ist; dass uns der Staat, mit vollem Recht, in gewisser Weise seine Vorstellungen von Jugendarbeit aufoktroyiert. In den „Richtlinien zur Förderung der Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit“ des Landkreises Hameln-Pyrmont heißt es zum Beispiel, dass Gruppenfreizeiten positive Wirkung auf die soziale Entwicklung der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben sollen. Durch gruppendynamische Prozesse sollen u. a. das Wir-Gefühl, die gegenseitige Akzeptanz in der Gruppe, die Konfliktfähigkeit und das Übernehmen bestimmter Rollen in der Gruppe gefördert werden. Um dies zu erreichen, ist es erforderlich, dass ein Großteil der Freizeitaktivitäten in der Gruppe stattfindet und die Gestaltung der Freizeit nicht jedem einzelnen selbst überlassen wird. Dem Antrag ist daher ein detailliertes Programm über die geplanten Aktivitäten beizufügen.

Das klingt gut. Ist es mit Sicherheit auch. Schließlich wollen wir alle nicht, dass der Staat Gelder an jeden Idioten verteilt, der durchs Land rennt und behauptet Jugendarbeit zu machen. Grundlage für alle Regelungen auf kommunaler Ebene ist das „Kinder- und Jugendhilfegesetz“ (Teil des Sozialgesetzbuches). Einige Städte, wie z.B. Göttingen, verzichten fast vollständig darauf, eigene Grundsätze zur Förderung zu etablieren und beschränken sich darauf, die entsprechenden Artikel des KJHG zu nennen.

Nachvollziehbare Richtlinien mit Interpretationsspielräumen

Auch hier finden sich kaum Forderungen, die unseren Grundsätzen widersprechen, zumal man den Vereinen die „Wahrung ihres satzungsgemäßen Eigenlebens“ (§ 12) zugesteht. Nur einige wenige Male wird der Gesetzgeber wirklich konkret und überlässt im Allgemeinen viel Entscheidungsspielraum an die maßgeblichen Ämter, so auch bei der Verteilung des Budgets: Die Städte können relativ frei entscheiden, wer bei begrenzten Mitteln Geld bekommt und wer nicht (§ 74). Und auch die Entscheidung über die fachliche Eignung der Jugendverbände liegt in der Hand der jeweiligen Kommune (§ § 74,79). Das gibt viel Freiraum aber auch potentiell Raum für Konflikte und eine gewisse Willkür.

Wo es konkret wird, fordert das Gesetz nicht nur die fachliche Qualifizierung der Gruppenleiter, eine sorgfältig durchgeführte Qualitätsentwicklung und Evaluation der Aktivitäten, sondern auch die Einhaltung gewisser Werte und Normen, die der Gesetzgeber für wichtig erachtet.

Unser Verband steht hiermit natürlich nicht grundsätzlich im Widerspruch. Wir haben ein ausgeklügeltes Ausbildungssystem und Strukturen, die unsere Arbeit immer wieder überwachen und verbessern. Auch liegen uns Werte wie Koedukation (§9) nicht gerade fern. Doch bei alledem stellt sich die Frage, ob dieses Verhältnis der konstanten finanziellen Förderung nicht auf die Dauer auch in ein Abhängigkeitsverhältnis abrutschen kann, dass uns unserer Freiheit beraubt. Im Regelfall haben wir es mit verständnisvollen Ämtern zu tun. Im Regelfall fühlen wir uns in unserer Arbeit von den Ämtern nicht beschnitten, zumindest habe ich noch keinen solchen Fall gehört. Aber das ist keine Selbstverständlichkeit. Was, wenn den Behörden unser Konzept der Fahrt oder des Hajks, mit zum Teil noch sehr jungen Gruppenleitern, doch etwas übel aufstößt? Was, wenn der 15-jährige Meutenführer, der regelmäßig die Gruppenstunden durchführt, dann doch die Förderwürdigkeit des Stammes beim Amt sinken lässt? Und selbst wenn diese Art der Kontrolle nicht explizit ausgeübt wird, so kann allein die Präsenz der Bestimmungen zu einer „Anpassung“ führen – einem sanften Zwang zur Veränderung, die sich am Ende so anfühlt, als sei sie eigentlich unsere eigene Idee gewesen.

Fazit: Finanzielle Förderung bewusst wahrnehmen

Dennoch: Das Ganze soll natürlich nicht in eine Staatskontroll-Paranoia ausarten, die heutzutage schon viel zu sehr um sich gegriffen hat. Natürlich sollen wir uns freuen, dass wir gefördert werden und nicht mit horrenden Preisen für unsere Aktivitäten aufwarten müssen! Viele würden sich mit Sicherheit dreimal überlegen, ob sie sich die Pfadfinderei noch leisten könnten, wenn wir jedes Mal die von Fördermitteln „bereinigten“ Preise anböten. Trotzdem sollen wir uns nicht verbiegen, zumindest nicht um jeden Preis. Dafür ist nicht nur eine intensive Reflexion unserer eigenen Strukturen notwendig, sondern auch ein Dialog mit den jeweiligen Jugendhilfen, ein Erklären und Abwägen; ein Nachdenken darüber, was wir sind und können und was wir übernehmen wollen. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir jede Förderung annehmen, ist jedenfalls nicht gerechtfertigt und der nötige Stolz auf Eigenes mindestens ebenso nötig wie Dankbarkeit.

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