Kleines „who is who“ des Erwachsenwerdens

Eine begriffliche Annäherung an die Frage,
wann man eigentlich „erwachsen“ ist.

Von Matze

Wie lange ist man jugendlich, wann wird man wirklich erwachsen? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten und sicherlich auch individuell unterschiedlich. Dennoch will dieser Artikel die Antworten, die unterschiedliche Bereiche unserer Gesellschaft auf diese Frage geben, ein wenig theoretisch beleuchten und die Begriffe unter die Lupe nehmen, die es für die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsenendasein so gibt.

Vor dem Gesetz: „Heranwachsende“ und „junge Erwachsene“

Das Strafrecht findet auf die Frage nach dem Zeitpunkt des Erwachsenwerdens eine sehr eindeutige Antwort: Mit Vollendung des 21. Lebensjahres gilt für alle das Erwachsenenstrafrecht. Bis zu diesem Zeitpunkt können die Richter auch bei Volljährigen das Jugendstrafrecht anwenden, was in ungefähr 90% aller Verfahren in dieser Altersgruppe auch geschieht. Offiziell heißt diese Altersgruppe „Heranwachsende“. Dieser Begriff entstand, nachdem im Jahre 1975 das Alter, ab dem junge Menschen als volljährig galten, von 21 auf 18 Jahre abgesenkt wurde. In der Folge galten auch viele Regelungen, die zum Schutze von jungen Menschen gemacht waren, nur noch für Menschen unter 18 Jahren. Deshalb entschied sich die Politik, in einigen Bereichen, wie z.B. bei der Unterstützung Heranwachsender durch das Jugendamt, diese Altersgruppe weiterhin unter besonderen Schutz zu stellen.
Bei der Neuordnung der Kinder- und Jugendhilfe im Jahre 1990 wurde darüber hinaus der Begriff der „jungen Erwachsenen“ eingeführt. Er gilt für Volljährige bis zu einem Alter von 27. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz gilt also nun für Menschen bis zu dieser Altersgrenze. Für uns als BdP hat dies beispielsweise den angenehmen Effekt, dass wir auch für diese Altersgruppe problemlos Förderungen erhalten.

Backfische und Halbstarke

Soweit also die Antworten des Gesetzgebers auf die Frage nach dem Zeitpunkt des Erwachsenwerdens. Doch wie sieht es in unserer Sprache damit aus? Alltäglich ist für uns der Begriff des Teenagers, den wir meist verwenden, um Jugendliche in der Phase der Pubertät zu beschreiben. Er entstand ungefähr 1940 in den USA und beschreibt Menschen zwischen dem dreizehnten und dem neunzehnten Lebensjahr, also den Zahlen, die im Englischen auf „teen“ enden. Mit der Besatzung nach dem zweiten Weltkrieg schwappte der Begriff auch nach Westdeutschland und ersetzte uns heute kaum noch geläufige Wörter wie „Backfisch“ oder „Halbstarker“. Verwendet wurde das Wort „Teenager“ häufig auch im Marketing, das junge Menschen zunehmend als eigene Zielgruppe mit eigenen Bedürfnissen wahrnahm.

Jugendlich = kriminell und verwahrlost?!

Das Wort Jugendlicher dagegen entstand schon Anfang des 19. Jahrhunderts und war ursprünglich negativ besetzt. Es bezeichnete junge Menschen aus der Arbeiterschicht, denen man Tendenzen hin zu Verwahrlosung und Kriminalität unterstellte. Die Vorstellung, dass zwischen Kindheit und Erwachsendasein ein eigener Lebensabschnitt existiert, war zudem vielen Menschen fremd. Erst der Jugendbewegung – in der ja auch der BdP zum Teil seine Wurzeln hat – gelang es zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ein positives Bild der Jugend zu etablieren. In der Folge galten Jugendliche immer mehr als Schlüssel zur gesellschaftlichen Entwicklung und wurden so beispielsweise vom Nationalsozialismus besonders umworben.

17, 18, 21, 25, 27?

Heute definieren die Vereinten Nationen einen Jugendlichen als Menschen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren. Ungeachtet dessen gilt die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen für Menschen unter 18 Jahren.
Gerade in der Wissenschaft herrscht natürlich keine Einigkeit über die Frage, wann Menschen endgültig erwachsen werden, zumal sich unterschiedliche Disziplinen mit völlig verschiedenen Bereichen von Jugend und Erwachsenwerden beschäftigen. Die Jugendsoziologie, die sich vor allem mit dem sozialen Verhalten und dem Zusammenleben junger Menschen beschäftigt und Fragen nach deren politische Einstellung oder wichtigsten Werten untersucht, betrachtet in der Regel die Altersgruppe zwischen 12 und 25 Jahren.
In der Entwicklungspsychologie wird mit dem Begriff der „Adoleszenz“ der Abschnitt zwischen 16 und 24 Jahren beschrieben, in dem junge Menschen zwar fast vollständig ausgewachsen, aber emotional und sozial noch nicht vollständig ausgereift sind. Die Entwicklungspsychologie untersucht beispielsweise die eigene Identitätsfindung in diesem Lebensabschnitt.
Die Neurologie betrachtet dagegen vor allem die tiefgreifenden Veränderungsprozesse, die im Gehirn während der Entwicklung zum Erwachsenen stattfinden. Diese beinhalten einen nahezu vollständigen Umbau des menschlichen Gehirns und sind in der Regel im Alter von etwa 17 Jahren abgeschlossen. Neuere Studien zeigen, dass das Gehirn von Kindern vollkommen anders funktioniert als das von Erwachsenen. Während das kindliche Gehirn sehr flexibel ist und so z.B. auch Hirnverletzungen ausgleichen kann, nimmt im Laufe der Entwicklung die Zahl der Querverbindungen zwischen verschiedenen Hirnbereichen stark zu, was das erwachsene Gehirn unter anderem in die Lage versetzt, komplexe Sachverhalte zu verarbeiten. Eine Folge dessen ist aber, dass Erwachsene völlig anders denken als Kinder, was sich nur allzu häufig in der Frage „Was hast du dir nur dabei gedacht?“ äußert.
Oder, wie es die Autorin Cornelia Funke ausdrückt: „Erwachsene erinnern sich nicht daran, wie es war, ein Kind zu sein. Auch wenn sie es behaupten. Sie wissen es nicht mehr. Glaub mir. Sie haben alles vergessen. Auch du wirst es vergessen…“

Advertisements
Vorheriger Beitrag
Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: