Fundstück des Jahres

Achtung, Premiere: In diesem laru veröffentlichen wir einen Artikel zum zweiten Mal. Das hat einen besonderen Grund: Der Artikel erschien in der laru-Ausgabe 1–1994 und trägt den Titel: „2013– Pfadfinden der Zukunft“. Vor 20 Jahren machte sich Fränzi darüber Gedanken, wie Pfadfinderarbeit heute aussehen könnte. Aus der heutigen Perspektive ist der Text auf zwei Arten sehr lesenswert. Zum einen ist der hier und da sicher nicht ganz ernst gemeinte Artikel sehr unterhaltsam, weil vieles auch heute noch utopisch ist. Die Umweltverschmutzung ist noch nicht soweit fortgeschritten, dass man nicht mehr draußen zelten könne und wir essen auch noch richtiges Essen mit Messer und Gabel. Von einer Weltregierung sind wir ebenso weit entfernt.


Aber, und das ist die andere Lesensart, sind viele Zukunftsvisionen, vor allem die technischen, bereits eingetroffen, wenn nicht sogar übertroffen. Bildtelefonie – dank Skype längst möglich, mittlerweile sogar schon auf dem Smartphone und Fernseher. Einen Namen sagen, mit dem man automatisch verbunden wird? Auch das kann jedes moderne Handy. Und Online-Reservierungen und Anmeldungen sind längst Alltag, so dass tatsächlich niemand mehr eine Postkarte schicken muss, um sich für eine Aktion anzumelden. Was ist doch alles passiert in den letzten 20 Jahren. Der technische Fortschritt hat uns in nicht mal zwei Jahrzehnten zu einer Weltgemeinschaft gemacht, in der sich vor allem die Kommunikationsmöglichkeiten drastisch geändert haben. Auch wenn das die Gesellschaft nachhaltig verändert hat, weil erwartet wird, dass jeder immer erreichbar ist und alles sofort gehen muss, ist es doch erleichternd, dass sich vor allem Dinge, die auch eine besonders starke soziale Komponente haben, weniger schnell ändern. Essen ist so eine Sache. Es geht nicht nur um pure Nahrungsaufnahme, auch wenn Hunger und Rohstoffknappheit in vielen Teilen der Welt zunehmen und dieses Problem langfristig wirklich gelöst werden muss.

So ein Unterwasserlager wäre allerdings wirklich mal eine spannende Sache. Technisch sicher machbar, wenn wohl auch etwas kostenintensiv. Aber alles Neue wird ja bekanntlich irgendwann billiger. Vielleicht ja zum Bundeslager 2033?

Wie stellst du dir Pfadfinden in 20 Jahren vor? Schreib uns Deine Vision als Kommentar unter diesen Artikel.

zukunft pfadfinder Ryan Belbin

2013 – Pfadfinden der Zukunft

So, meint Fränzi, könnte die Pfadfinderei in 20 Jahren sein.

„Denkt bitte daran, Euch für die Großaktion nächste Woche in der Bundeszentrale anzumelden! Wir treffen uns dann am Donnerstag am Shuttle-Bahnhof mit dem üblichen Gepäck,“ – Pimkie überlegt noch kurz, bevor sie die Bildleitung mit ihrer Sippe beendet. „Ach ja – und zusätzlichen Regenschutz, Teller, Becher und Besteck. Fragt mal Eure Eltern, ob die sowas noch im Keller rumfahren haben. – So was brauchen wir ja sonst nicht“ grinst sie und mit einem herzlichen Gut Pfad, begleitet vom Piepsen, das das Ende der Bildleitung anzeigt, erlöschen die Bildschirme. Jetzt noch schnell die Bundeszentrale angebeamt, schon ist ihre Anmeldung registriert, ihr Platz in der Shuttlefähre reserviert.
Was war das damals, vor 20 Jahren, als ihre Eltern noch aktiv dabei waren und noch nicht im überbündischen Seniorenheim wohnten, doch für ein großer Aufwand gewesen, sich für eine Aktion anzumelden! überlegt sie. Womöglich von Hand eine Postkarte ausfüllen, diese zu einer bestimmten Zeit in einen bestimmten gelben Kasten werfen, um dann wochenlang in Ungewissheit auf eine Antwort zu warten. Heute geht das ja viel einfacher: Man muss nur den Namen des Gesprächspartners in den Stimmenvermittler sagen und schon ist man mit ihm verbunden.

Ja, früher, da muss die Pfadfinderei schon sehr anders gewesen sein. Mit Zelt und Rucksack seien sie immer losgezogen, am Wochenende, sich irgendwo im Wald einen schönen Platz gesucht, abgekocht, und am nächsten Morgen wieder zurück, erzählen die Eltern mit glänzenden Augen. Tja, denkt Pimkie, damals gab es eben noch Wald.

Den kennt sie leider nur aus der Cyberspace-Simulation und von den Riechproben beim Besuch des Kulturerhaltungszentrums, in das sie mit ihrer Sippe die letzte Sippenfahrt gemacht hatte. Dort waren all die alten Künste und Handfertigkeiten noch erhalten geblieben. Dort gab es echte Schafe, die Wolle lieferten, die viel angenehmer war als das Synthetikzeug, das sie jetzt trugen. Andererseits ist dieses eben sehr viel pflegeleichter und ohne die sonst mit dem Waschen verbundene Wasserverschmutzung rein zu halten.

Im Dorf hatten sie sogar ihr eigenes Brot gebacken, nachdem sie es – in mühevoller Arbeit – selbst gedroschen und vermahlen hatten. Einige von ihnen hatten dort zum ersten Mal in ihrem Leben eine richtige, echte Kuh gesehen.

„Wie es wohl bei der Großaktion wird?“ fragt sich Pimkie. Ein bisschen ein komisches Gefühl ist es schon, an einem Bundeslager teilzunehmen, das seit 20 Jahren das erste seiner Art ist. Das letzte muss 1993 gewesen sein. Davon erzählten ihre Eltern immer, hatten sie sich dort schließlich kennengelernt. Infolge von schwerwiegenden Meinungsverschiedenheiten innerhalb der verschiedenen Strömungen – der Bandbreite, auf die ihre Eltern so stolz gewesen waren – wurde in den folgenden Jahren aus ökologischen Gründen auf eine solche Massenveranstaltung verzichtet. Als man sich dann aber wieder zusammengerauft hatte, war die Umweltzerstörung schon so weit fortgeschritten gewesen, dass es nicht mehr verantwortbar war, unter freiem Himmel ein Zeltlager zu veranstalten. Ohnehin hatten sich bis dahin die vielen Unterwasserzentren als Lagerplätze durchgesetzt, die eine Vielzahl von Aktivitäten ermöglichten, ohne dem schädlichen Ozonloch ausgesetzt sein zu müssen.

Und dann wurde es von der Weltregierung ermöglicht, auf Island doch wieder den Versuch eines Lagers durchzuführen, das dem der Pfadfinderei des letzten Jahrhunderts entsprach. „Back to the roots“, bei diesem Gedanken muss Pimkie schmunzeln. Aber warum denn nicht? Warum nicht einmal ein echtes Lagerfeuer außerhalb der vorgeschriebenen Feuerschutzzone ausprobieren, oder gar auf ihm zu kochen? Aus dem Kulturerhaltungszentrum hatten sich ebenfalls Experten angesagt, die den Pfadfinderinnen und Pfadfindern an ihrem reichen Schatz von Erfahrungen und Tricks teilhaben lassen wollten.

Island war ausgewählt worden, weil es unter unerklärlichen Umständen immer noch über ein intaktes Ökosystem verfügt. Neben Wiesen und Farn Auen gibt es dort Wald und auch zahlreiche Tiere, die die Kinder sonst nur von der Lehrrom „Wald und Flur im 20. Jahrhundert“ kennenlernen.

Neben den Möglichkeiten, die Natur zu erfahren (War da nicht eine Pfadfinderregel „Ich will die Natur kennenlernen und helfen, sie zu erhalten“ gewesen?), würde es natürlich auch zahlreiche Möglichkeiten zu zeitgemäßer Freizeitbeschäftigung geben. Natürlich nicht indem übertriebenen und grenzenlosen Rahmen, in dem die modernen Freizeitgesellschaft sich in ihrer vielen freien Zeit austobt. Nein, anders würde sie sein, so, dass sie eben der Lebenseinstellung der Pfadfinderinnen und Pfadfinder entspricht. Daran hatte sich in den letzten 20 Jahren erstaunlicherweise nicht viel geändert. Spannend verspricht auch das Essen zu werden. Statt der üblichen individuell zusammengestellten Mahlzeiten in Pulverform, die dann jeweils mit appetitanregenden Bildern aus den Monitoren, die in jedem Raum selbstverständlich zu finden sind, untermalt werden, sollte beim Bundeslager gemeinsam gekocht werden. Die Lebensmittel, die dazu frisch verwendet werden, wurden extra in speziell entwickelten Gewächshäusern – nach alten Plänen konstruiert – gezogen. Diese Aktion verdiente die entstandene Aufmerksamkeit in den Medien, waren doch Pflanzungen seit der umfassenden Lösung des Nahrungs- und Energieproblems höchst ungewöhnlich geworden. Nun herrscht auf der ganzen Erde derselbe Lebensstandard, der dank der neuartigen Technologien erst für alle möglich gemacht wurde. Frische Nahrungsmittel haben aus Gründen der Haltbarkeit und damit verbundenen Rentabilität keinen Platz mehr.

„Ich bin ja mal gespannt, wie das so wird“, denkt sich Pimkie, nachdem sie ihre Sachen zusammengesucht hat und nun erschöpft ins Bett sinkt. Zum Klang von Harfen und Gitarren, die sie auf ihrem Oxygenbett leise in den Schlaf wiegen, nimmt ihre Nase noch ganz schwach den Geruch von Tannennadeln wahr, der im Zimmerverdufter verbreitet wird. „Das ist aber lieb von Mami, dass sie mich so auf den Wald einstimmt. Wie sie jetzt wohl wieder an das Waldaroma drangekommen ist? Bestimmt von Oma“, geht ihr noch durch den Kopf, bevor sie endlich einnickt.

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