Ein Aufbruch fast wie jeder andere

Reise-Erfahrungen eines Zurückgekehrten.

Von Jan-Georg
Ein Aufbruch_Foto_Meine Gastmutter Rosa

Ich sitze im Auto und mein Vater biegt von der Auffahrt runter auf die Straße. Meine Mutter sitzt auf dem Rücksitz. „Hast du auch wirklich nichts vergessen?“ In Gedanken gehe ich noch einmal alles durch „Wanderschuhe, Poncho, Halstuch. Alles dabei.“ Wir kommen am Bahnhof an. Der Zug fährt zwar erst in einer Viertelstunde, aber meine Mutter wollte es so. Dann folgt die Verabschiedung: Ich fühle mich total komisch und weiß, dass es meinen Eltern auch so geht. „Pass auf dich auf, mein Großer.“ hört man meine Mutter schluchzen. „Und melde dich, wenn du gut angekommen bist.“ Eine Durchsage kündigt den Zug an. „Vorsicht bei der Einfahrt.“ Ich umarme meine Eltern, greife meine Sachen und steige ein. Da steht schon die Schaffnerin und will gleich mein Ticket sehen. Ich bin ein wenig überfordert. Ein letzter Blick nach draußen. Die Tür geht zu und die Reise los.

Der kleine Unterschied

Was dann folgte, war kein Pfadfinderwochenende. Von Hamburg aus flog ich nach Ecuador, wo ich für ein Jahr einen Freiwilligendienst leistete. Dort lernte ich eine neue Kultur, eine neue Sprache und viele neue Freunde kennen. Es war die schönste Zeit meines Lebens und die härteste Herausforderung zugleich. Ich möchte euch hier aber nicht erzählen, was ich gemacht habe, wo ich gewesen bin und wen ich getroffen habe.

Ich möchte euch hier erzählen, wie ich ein Jahr später wieder nach Deutschland gekommen bin.
Meine Eltern traf ich am Flughafen in Hamburg wieder. Wieder fielen wir uns in die Arme. „Jetzt bist du wieder zu Hause.“ , seufzte meine Mutter und man hörte deutlich wie gut es ihr tat, dies sagen zu können. Alles war gut.

Einmal Kulturschock bitte!

Auf dem Weg nach Hause mussten wir unbedingt bei einem Supermarkt halten. Darauf bestand ich, schließlich wollte ich meinen Kulturschock testen. Mit den anderen Freiwilligen hatten wir vor unserer Rückreise schon viel darüber gesprochen: Das fassungslos euphorische Staunen über technische Kleinigkeiten und die Konfrontation mit den „zivilisatorischen Errungenschaften“. Jedem von uns war ziemlich schnell klar, je größer der Schock, desto besser. Bedeutete es doch, dass man seine deutschen Gewohnheiten abgelegt, sich dafür so richtig in die fremde Kultur eingelebt hatte und nun quasi als Ecuadorianer statt als deutscher Tourist zurückkommt. Nun war es an der Zeit, diese Umstellung vor allen vorzuführen, um damit jedem zu verdeutlichen: „Ich bin kein Tourist!“
Das wollte ich auch! Genau wie ich es von so vielen anderen Rückkehrern erfahren habe, wollte ich ein guter Freiwilliger sein und mich entsetzen über Maßlosigkeit und Wohlstand hierzulande. Aber der Augenblick der Gegenüberstellung war nicht so richtig krass wie erhofft. So ein Mist! War ich etwa kein guter Freiwilliger gewesen? Ich war ziemlich ernüchtert. Das konnte doch einfach nicht sein. Warum finde ich O-Saft in Tetrapacks bitte nicht total spießig? Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wissen konnte war, dass der echte Kulturschock für mich ein ganz anderer sein sollte und ich lernen musste, dass dieser eben nicht dann kommt, wenn ich es für einen geeigneten Zeitpunkt halte.

Ein Aufbruch_Nummernschild

Wiedersehen

In meinem Heimatort angekommen traf ich all die altbekannten Gesichter wieder. Freunde, Nachbarn und natürlich die Familie. Das eindrucksvollste und emotionalste Wiedersehen hatte ich mit meinem Großonkel Jupp. Seit ich denken kann teilen wir unser zuhause und er war viele Jahre wie ein Großvater für mich und ich wie ein Sohn für ihn. Als ich ein Jahr zuvor aufbrach, war er 79. Drei Schlaganfälle und der Tot seiner Frau hatten diesem ansonsten so widerstandsfähigen Mann die Vergänglichkeit des Lebens vor Augen geführt. Bei unserem Abschied schwebte die leise Angst über uns, dass wir uns in diesem Leben vielleicht nicht wiedersehen würden. Als ich in seine Stube trat und ihn in seinem Sessel sitzend wiedersah, die Vögel draußen beobachtend wie eh und je, überkam mich eine Welle der Dankbarkeit und ich war sprachlos.

Die eine Frage

Auf den ersten Tag folge eine stressige Woche mit den unterschiedlichsten Eindrücken. Mit jedem musste ich etwas unternehmen und überall mal vorbeischauen. Das war zwar sehr schön, aber an einer gewissen Stelle sehr nervend. Nämlich immer dann, wenn die unvermeidliche Frage gestellt wurde „Und? Wie war’s?!“ Meist kam das gleich nach „Da ist er wieder!“ und kurz vor „Du hast dich aber gar nicht verändert!“ „Gut.“ Habe ich darauf meistens geantwortet und damit gleichzeitig gelogen und doch die Wahrheit gesagt. „Gut“ war vollkommen untertrieben und zugleich maßlose Übertreibung. In diesem Jahr ist alles passiert: Höhen und Tiefen, Hoffnungen und Enttäuschungen, schreiende Abenteuer und gähnende Langeweile. Kurzum, viel zu viel ist passiert, um es in einem Gespräch gebührend wiederzugeben. Aber diese Frage war viel mehr eine Geste, die zum Ausdruck bringen wollte, dass man Interesse hat und wissen wollte, was ich erlebt habe, wobei doch immer klar war, dass dies keiner wirklich verstehen kann.
In dieser Woche fühlte ich mich oft sehr einsam. Dies war endlich der Kulturschock. Umgeben von den liebsten Menschen, aber trotzdem allein mit den eigenen Erfahrungen. Ich konnte sie teilen und davon erzählen, aber nachvollziehen, was die Bilder und Geschichten für mich bedeuten, konnte niemand. Damals bekam ich das erste Mal Heimweh nach Ecuador.

Weiter geht’s

Aber die Zeit lief weiter und wartete nicht auf mich. Ich fühlte mich wie in einem Film, bei dem jemand die Vorspultaste gedrückt hatte. Nur bei mir funktionierte die Fernbedienung nicht. Was kommt als nächstes? Unibewerbung, Wohnungssuche und nebenbei noch ein bisschen Geld verdienen. Weitermachen bitte. Ich hatte den Eindruck, für mein Umfeld war die Etappe Ecuador abgehakt. Deckel drauf und ab in den Schrank damit. Aber das wollte ich nicht und das habe ich auch nicht zugelassen. Dieses Land ist Teil meiner Persönlichkeit geworden, die Menschen mit denen ich gewohnt habe Teil meiner Familie und das kann ich nicht beiseite stellen.

Mein Auslandsjahr hat nicht einfach aufgehört als ich in Hamburg aus dem Flugzeug gestiegen bin. Das ist der Sinn und Nutzen eines Freiwilligendienstes. Welten miteinander zu verbinden. Sich immer wieder zu erinnern. Zu sehen, in was für einem unberechtigten Wohlstand wir leben. Zu spüren, mit welcher tatenlosen Genugtuung wir die Zustände hinnehmen und trotzdem zu wissen, dass die Menschen, die genau deswegen ein schwereres Leben haben, uns zu sich aufnehmen und uns ein Lächeln schenken.

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