Grenzkulturen

Ein Bericht aus Namibia.

Von Maike

Ich wohne und arbeite auf einer Farm in der Nähe von Dordabis in Namibia. Das ist ein Dorf mit 300 bis 400 Einwohnern, 160 km südlich von Windhoek. Die Farm Kiripotib ist ca. 10.000 ha groß und umfasst etwa 900 Schafe, mehrere hundert Rinder sowie einen kleinen Tourismusbereich. Das Leben und Arbeiten in Namibia ist anders, aber man lernt sich einzustellen.

Das Leben und Arbeiten in Namibia ist anders.

Vieles erschien mir im ersten Moment sehr fremd, aber man bildet mit der Zeit einen neuen Sinn für verschiedene Lebensweisen anderer Menschen und lernt, sich auf sie einzustellen und einer von „ihnen“ zu werden.
In meinen ersten Wochen habe ich ein Filz-Projekt betreut, an dem ca. 20 Einheimische teilgenommen haben. Die Verarbeitung von Wolle zu Filz ist in Namibia recht unbekannt, aber viele europäische Touristen lieben Filzarbeiten und bezahlen viel Geld dafür. So haben wir gemeinsam ein kleines Projekt aufgebaut, über das die Teilnehmenden ihre Produkte herstellen und vermarkten können. Wir haben versucht den Menschen hier die Chance zu geben, sich ihr eigenes kleines Unternehmen aufzubauen, ohne abhängig von anderen zu sein. Wie gut das funktionieren wird, lässt sich erst in ein paar Monaten sagen, aber bis jetzt sieht es sehr gut aus. Denn der Einkaufspreis für Wolle ist in Namibia sehr gering, fast überall laufen die Karakulschafe herum, mit der begehrten Karakulwolle. Der Ertrag durch das Handwerk ist somit sehr viel höher als die Ausgaben und die Familien haben eine neue Einnahmequelle.

Der Beruf als Nebensache

Für viele Einheimische ist es unbegreiflich, wieso eine Europäerin freiwillig hierher kommt, um auf einer Farm nur für Kost und Logis zu arbeiten. Auf Kiripotib zu arbeiten heißt für mich, an sieben Tagen die Woche um 6.00 Uhr oder eher aufzustehen. Die zu erledigende Arbeit wird meistens am Abend vorher besprochen. Aber so organisiert und strukturiert, wie ich es aus Deutschland gewohnt war, läuft es hier nicht ab. Die Arbeiten, die am Abend besprochen wurden, müssen nicht unbedingt am nächsten Tag ausgeführt werden. Oft kommt etwas dazwischen. Ebenso sieht es mit der Arbeitsmentalität aus. Heute habe ich Zeit und Lust, morgen vielleicht nicht. Aus diesem Grund wird nur pro Stunde gezahlt. Viele Menschen hier sind nicht so verkrampft und starr in ihrem Beruf, sondern leben ihr Leben. Sie sehen den Beruf nicht als Mittelpunkt ihres Lebens, sondern als Nebentätigkeit. Sie wissen trotz ihrer wenigen Mittel das Leben zu genießen.

Eine Wegwerfgesellschaft wie unsere wäre undenkbar – Lebensmittel sind zu wertvoll.

Unser industrielles Verständnis von Lebensmitteln und ihre Verarbeitung stehen im starken Kontrast zu dem Umgang mit Nahrung und Lebensmitteln hier. Es ist ganz normal, dass ich als erstes gelernt habe, wie man ein Kudu oder Schaf schlachtet. Tiere zu schlachten gehört zum Überleben. Der Fleischkonsum ist hier sehr groß, da in Namibia der Ackerbau aufgrund der klimatischen Verhältnisse nicht so gut funktioniert. Trotzdem wird mit sehr viel Bedacht geschlachtet und es wird nichts vom Tier entsorgt. Alles wir verarbeitet (wirklich alles). Insgesamt wird hier sehr wenig weggeworfen. Sind doch mal Lebensmittel für den Menschen ungenießbar geworden, bekommen sie die Hunde oder Hühner. Um Nahrungsmittel wegzuschmeißen, sind sie viel zu teuer und kostbar; eine „Wegwerfgesellschaft“ wie bei uns ist hier unvorstellbar.
Ein anderer gravierender Unterschied zu unserem Leben ist die Infrastruktur. Wasser hat nur, wer sich Brunnen bzw. Pumpanlagen baut und selber Wasser fördert. Gerade in der Trockenzeit ist Wasser sehr wichtig, denn dann kommt es oftmals vor das es brennt. Eine Feuerwehr gibt es nicht, man fährt selber raus und ist seine eigene Feuerwehr, was teilweise nicht ganz ungefährlich ist. Hinzu kommen die schlecht ausgebauten Straßen. Es gibt kaum Teerstraßen und der Großteil der Straßen sind „Gravel-Roads“ (Straßen aus Sand und Schotter). Deshalb ist das Autofahren hier recht gefährlich, denn gerade bei Dunkelheit kommt es oft vor, dass Wildtiere über die „Straßen“ laufen, die man erst sehr spät sieht. Durch den rutschigen Sand, kann das Auto schnell ins Schleudern geraten.

Die Kolonialisierung hat vieles zerstört und die schrecklichen Ereignisse prägen noch heute.

Für mich ist das Leben hier zwischen Menschen aus unterschiedlichen Stämmen mit einer anderen Hautfarbe und vielen verschiedenen Sprachen gar nicht so einfach, wie viele denken. In der Zeit als deutsche Kolonie ist Namibia kulturell, wirtschaftlich und sozial zerstört und ausgeraubt worden. Die schrecklichen Ereignisse dieser Zeit wurden nicht einfach vergessen, sondern über Generationen weitergegeben. Die Menschen hier sind oft sehr hilfsbereit und freundlich, doch ist es sehr schwer ein wirklich wahres, gutes, freundschaftliches Verhältnis aufzubauen. Gerade bei den Menschen, die auf dem Land leben und wenig von der Entwicklung in den Städten mitbekommen. Bis zu einem gewissen Grad wird Vertrauen und Freundschaft zugelassen, aber meistens nur auf Basis der Arbeit. Eine Freundschaft über die Arbeit hinaus ist schwer aufzubauen bzw. braucht viel Zeit und Geduld. Ein großer Fehler, den viele machen, ist die „Freundschaft“ über materielle Dinge erreichen zu wollen. Es bringt nichts, den Menschen hier alles hin zu stellen und zu sagen „hier nimm“, sondern man muss nachhaltig ansetzen und versuchen ihnen Alternativen aufzuzeigen und über einen „normalen“ Weg Freunde zu werden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es am besten funktioniert, wenn man sich in sie hineinversetzt und auch die Arbeit macht, die sie selber machen. So entsteht gar nicht erst der Gedanke eines Unterschiedes. Gerade bei dem sozialen Miteinander waren mir meine Erfahrungen durch die Pfadfinder eine große Hilfe.

Zwischen Tradition und Moderne

Es gibt aber nicht nur das Leben auf dem Land, sondern auch in der Stadt und dort geht es teilweise ganz anders zu. Insgesamt versuchen viele Menschen in den Städten dem „Westen“ nach zu eifern und sehen ihn als Vorbild, viele Menschen träumen davon, einmal nach Deutschland zu kommen (ihr Traumland). So versuchen sie sich neue Smart-Phones zu leisten oder einen Ipod zu kaufen und sparen ein ganzes Jahr darauf. Gewisse Dinge, die wir als normal empfinden, da fast jeder bei uns einen Ipod oder MP3-Player besitzt, gelten hier als besondere Statussymbole Es ist also ganz normal mitten auf dem Land einen Himba anzutreffen, der ein Smartphone dabei hat und nebenbei ein Schaf schlachtet.
Wer hier lebt, lebt zwischen den Kulturen. Zwischen der Tradition der einheimischen Stämme und der Moderne aus dem Westen durch die Kolonialzeit und durch die mittlerweile weltweit stattfindende Vernetzung, die Globalisierung.

Ein paar Daten zu Namibia

  • Gesamtfläche: 824.292 km² (ca. 2,3x Deutschland)
  • Einwohnerzahl: ca. 2,1 Mio. (>Hamburg, aber <Berlin)
  • Bevölkerung: verschiedene Stämme, z.T. weniger als 5000 Menschen, der größte sind die Ovambo (50%)
  • Hauptwirtschaftssektoren: Tourismus, Bergbau und Fischerei
  • Arbeitslosenquote: 36%
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