Wer ist stärker, schneller, besser?

Wie in anderen Jugendverbänden gehören körperliche Wettkämpfe zu unserer Gruppenarbeit. Passt das zu unseren Zielen als Pfadfinder?

von Chrise
 

Mehrere dicke Schlauchstücke liegen aufgereiht auf einem Sportplatz. Fünf hochgewachsene Jugendliche mit blauen Overalls und roten Helmen nehmen eilig zwei Schlauchstücke auf, verkuppeln diese, setzen sie auf der Wiese ab, laufen spinnenartig weiter zum nächsten Stück und wiederholen den Vorgang. Dann wird das ganze Teil hochgenommen, eine Leine mehrmals darumgelegt und alles an eine große Maschine angeschlossen. Es geht noch weiter: Die fünf verlegen jetzt einen dünneren Schlauch, rennen umher und rollen Meter für Meter ab. Auch hier müssen mehrere Stücke miteinander verbunden werden, es gibt sogar Weichen und mehrere Endstücke. Einer der Jugendlichen kriecht dann mit einem weiteren Stück Schlauch durch einen engen roten Plastiktunnel, ein weiteres Stück wird angekuppelt, schließlich wird die Zeit gestoppt. Wasser fließt keines, dafür gibt es Applaus von den Männern in dunkelblauen Feuerwehruniformen, die mit Klemmbrettern und Fotoapparaten an der Seitenlinie des Sportplatzes stehen. Das Ganze kann man auf YouTube sehen, darunter stehen mehrere Kommentare. „Also wir kuppeln ja nur zu 4 und sind wesentlich schneller“, schreibt Dileg00. German MusicKanal kritisiert „Austreten beim kuppeln vergessen… wieso heben sie die A schläuche nicht an ? und außerdem viel zu langsam 😉 kuppeln schaffen wir in 8 sekunden“. „ich hab bestimmt 7fehler beim kuppeln der saugleitung gesehen“ schreibt SimpsonHomerMr und ähnlich äußern sich auch die weiteren Kommentatoren.

Wettkämpfe in anderen Vereinen (c) Freiwillige Feuerwehr Kostheim, flickr.com

Diverse Ziele der Jugendfeuerwehr sind mit unseren fast identisch

Expertenmeinungen, wie es scheint, als Laie bin ich hier aufgeschmissen. Schließlich habe ich noch nie einen Schlauch zusammengekuppelt, ich glaube, ich hatte aber auch noch nie das Bedürfnis dazu. Tausende Jugendliche anscheinend schon: Wettkämpfe und Feuerwehrtechnik sind ein wesentliches Element in der Verbandsarbeit der Jugendfeuerwehren. Aber warum ist das so? Sollen die Wettkämpfe Ansporn sein, zu mehr körperlicher Fitness und Leistungssteigerung, um später in der aktiven Feuerwehr wirkungsvoller Brände bekämpfen zu können? Der Gedanke drängt sich auf, doch im „Bildungsprogramm der Deutschen Jugendfeuerwehr“ ist davon nicht die Rede. Als Ziele der Jugendfeuerwehr zählen hier u.a. „Verwirklichung von Gleichberechtigung“, „Förderung der Hilfsbereitschaft und des sozialen Engagements“, „Prägung des Umweltbewusstseins“, „Förderung der Persönlichkeit durch Einübung von Kritikfähigkeit, Toleranzbereitschaft, Fairness und Verantwortungsbewusstsein“ und einiges mehr, was – anders formuliert – so auch zu den pädagogischen Zielen des BdP gezählt werden kann. Dort steht auch die „Förderung von Leistungsbereitschaft, Ausdauer, Konzentrationsfähigkeit und Reaktionsvermögen“, doch dies ist nur ein Ziel von vielen. Als wesentliche Methoden zählt die Jugendfeuerwehr u.a. „erlebnispädagogische Aktionen“, „Experimente“, „Freizeiten“, „Projektarbeit“, „Spiel und Wettbewerbe“ und „Teamarbeit“ auf. Natürlich muss sich die Jugendfeuerwehr die Frage gefallen lassen, wie gleichberechtigt diese Ziele verfolgt und entsprechende Methoden angewendet werden, doch diese Frage drängt sich auch bei uns auf. Der physische Anteil unserer ganzheitlichen Programmangebote scheint doch deutlich ausgeprägter zu sein, als etwa der spirituelle.

Kräftemessen motiviert

Auch bei den Pfadfindern gehören physische Wettkämpfe zur alltäglichen Gruppenarbeit. Lagerolympiaden, Geländespiele, Körperkontaktspiele oder Ballspiele sind aus dem Lagerprogramm und der Gruppenstunde nicht wegzudenken. Es gibt ganze Bücher über Spielepädagogik, doch wenn man es einfach fassen möchte, scheint offenbar, dass das verbindende Element doch im Kräftemessen, im Wettbewerb mit Sieger und Verlierer besteht. Diese finden sich auch im Postenlauf und Organisationsspiel wieder, beides sind aber schöne Beispiele dafür, wie Kraft, Ausdauer, Geschicklichkeit und Schnelligkeit auch mit geistigen und sozialen Fähigkeiten verbunden werden können – das eine wird hier ohne das andere nicht zum Erfolg führen.
Wettkämpfe motivieren Kinder und Jugendliche, sie machen Spaß und bieten Gelegenheit, die eigenen Kräfte zu erproben. So lange dies nicht auf Kosten anderer passiert, sind sie daher eine wichtige Methode, bei uns, wie bei der Feuerwehr. Sie stehen im BdP nur weniger stark im Vordergrund, sind tatsächlich mehr Methode oder Teil einer Spielgeschichte, als selbst der Inhalt zu sein.

20 Prozent der Kinder in Deutschland sind übergewichtig

Fitness und sportliche Aktivitäten sollten bei uns schon deswegen nicht zu kurz kommen, da viele Kinder zu den Pfadfindern gehen anstatt in einen Sportverein. Inzwischen sind etwa 20 Prozent der Kinder in Deutschland übergewichtig, Tendenz steigend. Seit den 1980er Jahren hat sich der Lebensstil von Kindern mehr und mehr verändert, Kinder und Jugendliche verbringen immer mehr Zeit mit Fernsehen und am Computer und bewegen sich zu wenig. Umso wichtiger ist es, in unseren Aktivitäten viele Möglichkeiten zum körperlichen Ausgleich zu bieten. Fahrten sind da natürlich prima, aber sie finden vielfach zu selten und unregelmäßig statt. Hinzu kommt eine oft sehr fett- und zuckerreiche Ernährung. Auch hier besteht die große Chance, zur gesünderen und bewussteren Ernährung zu erziehen. Es darf auf einem Lager auch mal Hot Dogs geben, aber solche Gerichte sollten nicht jeden Tag auf dem Speiseplan stehen. Es muss auch nicht jeden Nachmittag Kuchen, nicht jeden Abend Süßigkeiten geben. Es wird so ein Bild vermittelt, das Kuchen und Süßigkeiten ganz selbstverständlich zum Tagesablauf gehören. Ein Jurtenabend ohne Kekse? Warum nicht. Es sind ja nicht die Kekse, die den Jurtenabend ausmachen. Wir sollten hier wesentlich sensibler dafür sein, was wir den uns anvertrauten Kindern zu essen geben, und wie wir den Umgang mit Genussmitteln vorleben. Wie freut man sich nach einer Fünf-Tage-Wanderung ohne Süßigkeiten über eine Tafel Schokolade, die man durch 8 teilt? Man wird sich seinen Anteil gut einteilen, eben bewusst genießen.

Kein Sieger ist auch keine Lösung

Wettessen wären erzieherisch also eher kontraproduktiv. Aber Geländespiele und Co? Im Sinne der Gesundheit sollten sie doch noch häufiger stattfinden.
Das ist prinzipiell schon richtig, doch werden einige zu Recht die Frage stellen, was mit denen ist, die körperliche Handicaps haben. Wie barrierefrei ist Pfadfinden, wenn neben Fahrt und Lager auch die Gruppenstunden zu einem Großteil aus Bewegungsspielen bestehen? Hier müssen wir noch stärker sensibilisieren, auch wenn körperliche Aktivitäten einen wesentlichen Bestandteil des Pfadfindens ausmachen. Fahrt und Lager sind für Pfadinder ebenso fundamental wie die Singerunde am Feuer – oder wie Löschübungen bei der Jugendfeuerwehr. Aber wie verhält es sich mit körperlichen Wettkämpfen? Häufig werden Geländespiele oder Postenläufe am Ende so entschieden, dass alle gewonnen haben, ein salomonisches Urteil. Ob das besser ist, für die Entwicklung der Kinder, für unsere Ziele? Fraglich. Besser für die Stimmung der vermeintlichen Verlierer, eventuell. Die Sieger wird das eher demotivieren. Wenn ich mich ein bis zwei Stunden verausgabe, das Letzte aus mir heraushole und eigentlich das mache, von dem ich denke, dass es sich die Spielleitung so gedacht hat, um am Ende zu hören, dass alle gewonnen haben, auch die Gruppe, die eigentlich nur Herumstand und nur das Nötigste gemacht hat, dann kann mich das nicht befriedigen. Also ruhig mal den Mut haben, einen klaren Sieger zu erklären, und zu belohnen. Die Kräfteverhältnisse zwischen den Gruppen sollten natürlich ausgeglichen sein, sonst macht es natürlich keinen Spaß. Wenn es meinem pädagogischen Ziel nutzt, ist auch ein sportlicher Wettkampf mit Sieger und Verlierern die Methode der Wahl. Wenn es Gruppenmitglieder gibt, die zum Beispiel nicht laufen können, lassen sie sich mit speziellen Aufträgen fast in jedes Spiel integrieren. Zum Beispiel mit Fähigkeiten, die anderen Mitspielern nicht offenstehen, wie wäre es etwa mit Einfrieren durch bloßen Augenkontakt?

Keine Angst vor Wettkämpen, es gibt gute Gründe dafür. Wie immer gilt: Nicht aus Gewohnheit, nicht ausschließlich, sondern mit Ziel und Methode. Natürlich auch zum Spaß. Ein bisschen Bewegung hat schließlich noch niemandem geschadet. Der direkte Vergleich kann dabei zu Höchstleistungen anspornen. Auch das sind Erfolgserlebnisse, an denen wir wachsen und die uns Selbstbewusstsein geben. Auf die Plätze, fertig, los.

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