Ich will doch nur spiel’n…

Über körperliche Nähe bei den Pfadis

von Anne Wächter

Wenn wir mit den Pfadis unterwegs sind, verbringen wir sehr viel Zeit auf sehr engem Raum miteinander. Besonders auf Lagern oder Fahrten haben wir intensiven Kontakt zueinander. Doch wie eng darf oder sollte dieser Kontakt sein? Wie gehen wir mit körperlicher Nähe um und wann ist es zu viel? Wie eng darf oder sollte die Beziehung zwischen Gruppenleitungen und Wölflingen bzw. Sipplingen sein? – Ihr habt es Euch vielleicht schon gedacht: Eine allgemein gültige Antwort auf diese Fragen gibt es nicht. Aber wir alle sollten uns mit ihnen auseinandersetzen und einen angemessenen Umgang miteinander finden.

Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse nach Nähe oder Distanz

Grundsätzlich stellt körperliche Nähe für die gesunde Entwicklung von Kindern einen wichtigen Faktor dar. Wie viel körperliche Nähe „normal“ ist, wird in jeder Familie unterschiedlich gesehen. So fallen dann auch unsere Bedürfnisse nach körperlicher Nähe oder Distanz ganz unterschiedlich aus. Jeder Mensch hat also ein individuelles Bedürfnis nach körperlicher Nähe. Dies gilt es auch bei den Pfadis zu beachten. Wenn wir Aktionen machen, in denen viel körperliche Nähe entsteht (z. B. eine Kleiderkette, Badeaktionen, das Kuschelspiel,…), sollten wir darauf achten, dass wir dabei keine persönlichen Grenzen überschreiten. Auch wenn es für manche banal klingen mag, beginnt ein gutes Verhältnis zwischen Nähe und Distanz bei solchen Aktivitäten. Denn vieles wird bei uns als normal angesehen, weil es das eben immer schon gab.

Ich will den anderen achten

Ein solch unreflektiertes Verhalten kann aber zu Problemen führen und die persönlichen Grenzen von Mitgliedern verletzen. Deshalb sollte es immer die Möglichkeit geben, an einer Aktion, bei der es körperlich wird, nicht teilzunehmen. Bedenken wegen körperlicher Nähe sollten immer ernst genommen und gehört werden. Schließlich haben wir alle irgendwann mal versprochen „Ich will den anderen achten“. Zu unserem Versprechen gehört es eben auch, aufeinander zu hören und rücksichtsvoll miteinander umzugehen. Bei Aktionen, die viel körperliche Nähe erfordern, ist es auch wichtig darauf zu achten, wie groß die Altersspanne zwischen den Teilnehmern ist. Es sollte vermieden werden, dass ältere Druck auf jüngere ausüben; zum Beispiel wenn es darum geht, wie viele Kleidungsstücke bei einer Kleiderkette ausgezogen werden. Wichtig ist es mir auch noch zu erwähnen, dass nicht nur die aktive Teilnahme an einer Aktion als unangenehm empfunden werden kann, sondern auch das passive Zuschauen. Hierzu könnte es zum Beispiel zählen, wenn auf einem Lager gemeinsam schwimmen gegangen wird und eine Sippe ohne Ankündigung nackt schwimmt.
Aber dürfen wir nun nicht mehr kuscheln oder zusammen baden gehen? Doch, aber bitte mit gegenseitigem Einverständnis und unter der Achtung von individuellen Grenzen. Ein Wölfling möchte vielleicht immer an der Hand der Meutenführung gehen und abends umarmt werden; ein anderer hingegen lehnt beides vielleicht strikt ab. Solche Grenzen müssen geachtet werden, besonders, weil wir in einem engen Vertrauensverhältnis zueinander stehen.

Die Möglichkeit, Nein zu sagen

Auch auf den rechtlichen Aspekt sollte man kurz eingehen. Wenn wir als Gruppenleitung mit Wölflingen oder Sipplingen unterwegs sind, sind sie unsere Schutzbefohlenen. Wir sind also dafür zuständig, dass es ihnen gut ergeht und wir haben für einen bestimmten Zeitraum die Verantwortung für sie übernommen. Eine sexuelle Beziehung zwischen Gruppenleitung und Teilnehmenden ist deshalb ausgeschlossen. Eine solche Beziehung ist unter bestimmten Voraussetzungen sogar strafbar.
Grundsätzlich gibt also es keine festen Regeln zu Nähe und Distanz. Wir sollten uns beim Planen von Aktionen damit auseinandersetzen, wie wir die Möglichkeit schaffen, freiwillig an diesen teilzunehmen oder auch „Nein!“ zu sagen, um niemandem zu nahe zu treten. Jede und jeder sollte üben, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Nähe und Distanz für sich selbst im Umgang mit anderen zu finden. Also idealerweise nicht nur kuscheln und nicht niemals kuscheln. Wenn wir offen sind für die Empfindungen von anderen und diese ernst nehmen, sollte Pfadiarbeit ohne Grenzüberschreitungen möglich sein. 

Zum Weiterlesen: PDF zum Thema Nähe und Distanz in der Jugendarbeit (www.tinyurl.com/naehedistanz).

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