Vollversammlung und Stammesrat – gelebte Demokratie im Stamm?

Gelebte Demokratie, was bedeutet das, was heißt das für den Stamm, die einzelnen Gruppen, aber vor allem auch für jeden Einzelnen? Drei Stämme berichten wie es bei ihnen läuft.

Von Fredi

Wir leben das Prinzip Demokratie…

Jedes Jahr im Januar findet bei uns die Stammesvollversammlung statt. Hierbei leben wir das Prinzip Demokratie. Jedes Stammesmitglied, ob der kleine Wölfling oder der Stammesführer, hat genau eine Stimme. Entsprechend unserer Satzung kann sich jeder zur Wahl stellen und gewählt werden. Natürlich wird im Stammesrat besprochen, wer den Posten des Stammesführers übernimmt, wer zur Landesdelegiertenversammlung fährt oder den Stamm im Stadtjungendring vertritt. Wenn allerdings jemand aus dem Stamm jemanden vorschlägt, wird dieser über die Aufgaben, die auf ihn zukommen aufgeklärt und wenn er bereit ist, diese zu übernehmen, steht er mit den anderen zur Wahl und kann gewählt werden. Aber nicht nur die offiziellen Wahlen werden bei uns auf der Vollversammlung entschieden, so haben wir dieses Jahr dort auch beschlossen, wo unser nächstes Pfingstlager stattfinden soll.

Außerhalb der Vollversammlung findet man die Demokratie bei uns auch in den Sippen und Gilden: So entscheidet die Sippe gemeinsam, wohin die nächste Sippenfahrt gehen soll oder welcher Ort auf der Sommerfahrt der nächste sein soll. Ja, wir haben die gelebte Demokratie bei uns im Stamm!

Demokratie – ja, aber auch ein bisschen geschummelt…

Bei uns im Stammesrat und der Stammesvollversammlung wird die Meinung jedes Stammesmitglieds gehört und diskutiert, so stehen oftmals auch schon die Wölflinge für bestimmte Positionen zur Wahl. Jeder hat also das Recht zu wählen und gewählt zu werden, auch zum Landesdelegierten. Dennoch wird gerade bei der Stammesvollversammlung schon intern im Stammesrat besprochen, wer welche Aufgabe, vor allem Stammesführung und Kassenwart, übernimmt, da nun mal nicht jeder die Stammesführung übernehmen kann und will.

Der Stammesrat fungiert als eine Art „Kontrollorgan“ und unterstützt die Stammesführung. Zwar hat die Stammesführung am Ende schon irgendwie das letzte Wort. Doch da eine Stammesführung, die nicht den Respekt des Stammes genießt oder den Stamm hinter sich weiß, keine gefestigte Stellung besitzt, muss die Stammesführung gezwungener Maßen auf die Vorschläge und Bedürfnisse des gesamten Stammes Rücksicht nehmen. Wir haben die gelebte Demokratie – ja! Aber auch ein bisschen geschummelt und zum Wahlergebnis hingeführt, denn wer würde schon gegen eine Stammesführung stimmen, wenn sonst niemand zur Verfügung steht.

Ich wünsche mir mehr Bewusstsein…

Bei unserer Vollversammlung waren bis vor einigen Jahren viel mehr Wölflinge anwesend, mittlerweile sind sie jedoch zunehmend weniger vertreten. Vermutlich liegt das daran, dass wir die Bedeutung der Teilnahme und der Versammlung selbst gegenüber den Eltern und Wölflingen nicht deutlich genug machen. Die Berichte werden meist ausführlich gehalten, sodass die Anwesenden einen Überblick erhalten, jedoch kommt wenig von den wirklichen Inhalten an und es werden kaum kritische Fragen gestellt.

Zudem sind die Stammesführerwahlen vorweg abgesprochen und es kam, soweit ich mich entsinnen kann, zu keiner kritischen Diskussion – denn meistens ist man froh, wenn es überhaupt jemand macht. Einzig die Wahl der Landesdelegierten läuft bei uns wirklich demokratisch ab. Hierbei erhält jedes anwesende, ordentliche Stammesmitglied einen Stimmzettel, auf dem die Namen der Kandidaten vermerkt werden und eine Anzahl an Stimmen, die der voraussichtlichen Delegiertenzahl entspricht. Dabei stehen etwa 8–10 Personen zur Wahl, die zumeist ein Amt oder eine Gruppenleitung innehaben und wenn möglich über 16 Jahre alt sind. Hierbei wird von der Stammesführung darauf geachtet, dass „alte LV-Hasen“ dabei sind, die die Abläufe, Beschlüsse und Formalien kennen und erklären können.

Im Stammesrat wird (demokratisch) über zu organisierende Aktionen, Teilnahme an Fahrten/Lagern und deren Planung abgestimmt, welche zunächst von der Stammesführung vorgestellt werden. Doch gelebte Demokratie ist das schon lange nicht mehr. Vielmehr ist es die Vermittlung von Informationen und Besprechung von einigen Problemen. Große Diskussionen kamen die letzten Jahre selten auf, da der Stammesrat eine homogene Masse geworden ist und „Querulanten“ sich relativ schnell aus dem Stammesgeschehen zurückgezogen haben. Gerade neue Stammesratsmitglieder halten sich sehr zurück und erheben selten das Wort oder ergreifen noch weniger die Initiative.

Ich wünsche mir mehr Bewusstsein für die eigenen Interessen und mehr Beteiligung am Stammesleben. Auch, dass mehr (konstruktive) Kritik geäußert wird und gemachte Beschlüsse offen diskutiert werden, sodass jeder seine eigene Identität entwickeln kann, und die Identität des Stammes nicht bloß dem Bild des Stammesführers entspricht.

Nicht immer nur Spiel, Spaß und gute Laune

So unterschiedlich kann sie also sein, die gelebte Demokratie, im Stammesleben, in der Vollversammlung, im Stammesrat, in den einzelnen Gruppen, aber vor allem für jeden Einzelnen. Aber was wirklich zählt ist, dass wie in der Natur, auch in einem Stamm eine Hand in die andere greifen muss, damit die Vorgänge reibungslos ablaufen können und eine volle Funktionsfähigkeit und Stabilität gesichert ist – dazu gehört auch immer eine Lösung zu finden, die möglichst demokratisch und für alle zufriedenstellend ist.

Und wenn dann wieder einmal eine Wahl für die Delegierten der Landesversammlung ansteht, was sollte ein Landesdelegierter mitbringen? – Vor allem sollte er Lust dazu haben, sich einzubringen, mit zu diskutieren und die Meinung seines Stammes zu vertreten. Denn hinter jedem Delegierten stehen 25 Mitglieder, deren Meinungen vertreten werden sollen und die den gewählten Delegierten ihr Vertrauen entgegen bringen. Eine Landesversammlung bedeutet nicht nur viele Süßigkeiten während der Versammlung zu vertilgen und sich abends in gemütlicher Runde nett zu unterhalten, – sondern erfordert auch viel Arbeit und Konzentration bei vielen wichtigen und spannenden Themen, auch wenn es manchmal langwierig und anstrengend ist. Dies sollte jedem bewusst sein, der sich zur Wahl stellt.

Pfadfinderei beinhaltet nicht immer nur Spiel, Spaß und gute Laune, sondern auch kritische Auseinandersetzungen und den Versuch, die demokratischste Lösung für alle zu finden. Schließlich gilt es eine eigene Stellung zu beziehen, Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen sowie Andere und deren Meinung zu akzeptieren.

Und wie sieht es in eurem Stamm mit der demokratischen Praxis aus? Die Redaktion freut sich über eure Rückmeldungen!

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