Pragmatisch vs. Demokratisch

Demokratie in der Pfadfinderstufe – den Sippenführer wählen?

Laut Bundesordnung werden Sippenführer im BdP von den Sippen aus ihrer Mitte gewählt. In der Realität ist das aber recht selten der Fall – aus gutem Grund, oder machen wir es uns ein bisschen einfach? Zwei ehemalige LB Pfadfinder über die das Für und Wider.

Die Sippen wählen sowieso!

von Annemarie

Eine Parabel

Es war einmal ein Mann, der besaß drei große Firmen. Als er älter wurde, wollte er gerne aufhören zu arbeiten und die drei Firmen seinen drei Kindern übergeben. Die beiden Ältesten wurden jedes in einer Firma als Vorstandsvorsitzende eingesetzt. Das jüngste Kind studierte noch und sollte die dritte Firma bekommen, wenn es das Studium abschließen würde.

Das erste Kind war sehr von sich überzeugt und setzte als Geschäftsführer einen bewährten Mitarbeiter im fortgeschrittenen Alter ein. Dem Geschäftsführer wurden die Geschäfte vollständig übertragen. Innerhalb kürzester Zeit führte er längere Arbeitszeiten ein, stellte haarkleine Regelungen für die Arbeitsschritte auf und noch einiges mehr. Vielen Mitarbeitern gefiel das gar nicht und sie verließen den Betrieb. Schließlich musste die Firma aufgelöst werden, da immer mehr Mitarbeiter den Betrieb verlassen hatten, weil sie unter so einem Geschäftsführer nicht mehr hatten arbeiten wollen.

Das zweite Kind hatte selber wenig Ahnung vom Geschäft und ließ die Mitarbeiter einen Geschäftsführer wählen. Sie wählten den früheren Vorsitzenden des Personalrats. Er setzte sich stark für seine Mitarbeiter ein. Es wurden flexible Arbeitszeiten eingeführt, viele verkürzten sogar ihre Arbeitszeit und manchmal konnten sie ihre Kinder mitbringen. Die Produktivität der Firma aber sank rapide. Das Unternehmen machte zu wenig Gewinne, die Löhne konnten zuletzt nicht mehr gezahlt werden, sodass die Mitarbeiter die Firma verlassen mussten. Der Betrieb wird aufgelöst.

Das jüngste Kind hat nun sein Studium abgeschlossen und übernimmt nun das letzte Geschäft des Vaters. Es versucht aus den Fehlern seiner Geschwister zu lernen. Zuerst wird im Betrieb ein Workshop gemacht, an dem alle Beschäftigten teilnehmen. Gemeinsam wird erläutert, welche Ziele das Unternehmen verfolgt und welche Ziele die Mitarbeiter haben. Anschließend wählen die Beschäftigten einen Geschäftsführer, der ihrer Meinung nach die wirtschaftlichen und persönlichen Ziele am besten verfolgen kann. Jedes Jahr werden gemeinsam die Ziele abgeglichen: Was wurde erreicht? Woran muss noch gearbeitet werden? Der Geschäftsführer wird in jedem Jahr neu gewählt, einmal gab es auch schon einen Wechsel, weil der erste einfach nicht die gewünschten Ziele der Mitarbeiter und des Vorstandes erreicht hat. Das Unternehmen ist sehr erfolgreich.

Die Moral von der Geschichte

Ich glaube, dass eigentlich jede Sippe ihren Sippenführer wählt, wie bei einer unfreien Wahl (z. B. in der DDR), hat jedoch jeder Sippling nur die Wahl zwischen Ja und Nein. Nein bedeutet in diesem Fall allerdings den Austritt, und dieses Mittel der Wahl wird auch in Anspruch genommen! Aber wie die Geschichte des zweiten Kindes verdeutlichen soll, bringt es meines Erachtens auch nichts, eine junge Sippe von 12-jährigen einen Sippenführer aus ihren Reihen wählen zu lassen. Deutlich wird in der letzten Geschichte, dass es entscheidend für eine Wahl ist, dass ich weiß, welche Auswirkungen meine Stimme hat. Nur wer weiß, worum es bei einer Wahl des Sippenführers geht, kann auch eine sinnvolle Stimme abgeben.

Die Ziele erklären

Es geht eben nicht darum den coolsten Typen zu wählen, sondern den, der am besten dazu beiträgt, die Ziele der Sippe umzusetzen. Das ist vielleicht der, der in der Gruppe die meiste Autorität hat, einen guten Draht zum Stam

mesrat, um die Belange der Sippe zu vertreten, einen, der hinter der Pfadfinderidee steht, der andere motivieren kann und vieles mehr. All diese Ziele muss man vorher erklären, noch besser gemeinsam erarbeiten. Um als Sippling wirklich mitbestimmen zu können, muss mir klar werden, welche Erwartungen ich eigentlich an den Sippenführer habe. Letztlich geht es dann gar nicht unbedingt darum, einen aus den eigenen Reihen zu wählen, sondern man merkt vielleicht, dass es besser wäre, einen Älteren zu wählen, der vom Stammesrat vorgeschlagen wird, bis einer aus den eigenen Reihen soweit ist, die Aufgaben eines Sippenführers übernehmen zu können. Was ich mich aber vorstellen könnte: Wenn ich mich bewusst für eine Sippenführung entschieden habe, kann es gut sein, dass ich ihre Entscheidungen im Zweifel eher mittragen würde und hier kein Grund für den Austritt aus dem Stamm liegt. Liebe Sifüs, ich will übrigens nicht sagen, dass die Mitglieder austreten, weil die Sippenführungen ihre Aufgabe schlecht wahrnimmt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass bei solch einer Entscheidung meistens viele andere Aspekte mit reinspielen. Dennoch kann die Chance zur Mitbestimmung bei der eigenen Gruppenleitung ein Meilenstein sein, der mich noch stärker mit meinem Stamm und meiner Gruppe verbindet.

Sippenführer wählen? Klappt nicht!

von Chrise

Welche Sippe wählt denn schon selbst den Sippenführer aus den eigenen Reihen? Also irgendwo hört es auch auf! Das ist so einer von den Punkten in unserer Bundesordnung, der dringend überarbeitet werden sollte, weil er aus einer ganz anderen Zeit stammt. Ein Sippenführer trägt ein hohes Maß an Verantwortung für seine Gruppe. Er muss in der Lage sein, ein Programm vorzubereiten und durchzuführen, das den Zielen unserer Pädagogischen Konzeption entspricht, die Verantwortung auch auf Fahrten und Lagern übernehmen und der Gruppe gegenüber eine gewisse Autorität haben – schließlich kann man nur Verantwortung tragen, wenn man sich auch durchsetzen kann.

Sippenführerwahlen sind Stammesführungen nicht zumutbar

Die Sippenführerwahl folgt dem Gedanken des Gildenprinzips, nachdem es einen älteren und erfahrenen Gildenführer (mit Assistenten) gibt, der in erster Linie Verantwortung trägt, die jüngeren Sippenführungen berät und unterstützt und wenn nötig auch auf Fahrten dabei ist. Nun ist es so, dass es funktionierende Gilden aber überhaupt nur in sehr großen Stämmen gibt. Der stetige Gruppenleitermangel, der schon dazu führt, dass Stammesführungen immer jünger werden und häufig Doppelfunktionen haben, wird es kaum ermöglichen, Gildenführungen einzusetzen, die sich in diesem Maße auf die Aufgabe konzentrieren können. In kleineren Stämmen würde die Sippe so auch einfach dem Rudel bei den Wölflingen gleichgesetzt, wo Gruppenstunden und Fahrten in der Regel in der Meute stattfinden. In der Pfadfinderstufe aber ist die Sippe die wichtigste Bezugsgruppe. Es ist die Gruppe, mit der man zusammenwächst, perfekt auf Fahrt gehen kann, nicht nur, weil man zusammen in eine Kohte passt und heranwächst, bis man schließlich in einem Alter ist, in dem man selbst ein größeres Maß an Verantwortung im Stamm übernehmen kann. Und selbst, wenn es mit den Gruppenstunden alleine klappt: Auf eine Fahrt wird doch wohl immer ein älteres Stammesmitglied mitkommen müssen, schließlich gibt es auch noch Gesetze und Aufsichtspflicht. Aber auch ohne diese werden die Eltern kaum einverstanden sein, dass ein Haufen 13-jähriger ganz alleine loszieht. Vielleicht bin ich da konservativ, aber das wäre einfach fahrlässig. Und keinem Stammesführer kann man zumuten, dafür die Verantwortung zu übernehmen. Stammesführungen sind schon mit den vielen anderen Aufgaben so ausgelastet, dass es ihr gutes Recht sein sollte, gemeinsam mit dem Stammesrat zu entscheiden, wer eine Gruppe führt, und dies von ganz pragmatischen Erwägungen abhängig zu machen. Wer ist entsprechend ausgebildet? Auf wen kann man sich verlassen? Wem ist es zuzutrauen, auch langfristig die Verantwortung für eine Sippe zu übernehmen und dieser Pfadfindertechnik, Musisches und Pfadfinderwerte zu vermitteln? Und ist es nicht viel schöner, wenn die Sippe dann auch alleine mit dieser Person auf Großfahrt ziehen kann und so als Gruppe zusammenwächst?

„Durchlaufende Sippen“

Die Sippenführerwahl scheint ansonsten noch möglich bei sogenannten „durchlaufenden“ Sippen, also Sippen, die es immer gibt, in die einzelne Wölflinge eintreten, wenn sie alt genug sind, und so auch immer Ältere in der Gruppe sind, die die Sippenführung übernehmen können, und, wenn man Befürwortern dieses Prinzips glaubt, wohl auch in der Regel zum Sippenführer gewählt werden. Ich kann mich mit diesem Prinzip nicht so recht anfreunden. In der Tat haben kleine Stämme nicht immer 5 bis 8 Mitglieder, die im gleichen Alter sind, um eine neue Sippe zu bilden. Aber etwas merkwürdig ist die Idee, die den Horten der Wandervögel folgt, schon. Altersgerechtes Programm geht jedenfalls anders, oder wer wird ernsthaft abstreiten, dass ein 12-jähriger andere Interessen und Bedürfnisse hat, als ein 15-jähriger?

Demokratie geht auch anders

Demokratie ist wichtig bei uns und für jede Altersstufe sollten ausreichend Gelegenheiten für Mitbestimmung geboten werden. Das wiederum liegt in der Verantwortung des Sippenführers, der – die entsprechende Reife vorausgesetzt – dazu in der Lage sein wird, einzuschätzen, welche Entscheidungen gemeinsam und demokratisch getroffen werden. Neben der Wahl des Langzeitprogramms oder Fahrtenziels können verschiedene Sippenämter, bis hin zum stellvertretenden Sippenführer, demokratisch gewählt werden. So können sich auch Jungpfadfinder schon darin üben, mehr Verantwortung zu übernehmen. Sollte eine Gruppe Probleme mit ihrem Sippenführer haben, gibt es andere Wege als eine „Abwahl“. Ein Gespräch mit dem Stammesführer oder anderer älterer Stammesmitglieder ist jederzeit möglich. Und ein Stammesführer, der durch verantwortungsvoll besetzte Gruppenleiterposten auch die Zeit dazu hat, sein Amt gewissenhaft auszuüben, wird das Problem sicher lösen können.

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