Partizipation oder: Wie ich meinen Stamm aus der Ferne organisiere

Über die Frage, wie die Stammesführung auch dann gelingen kann, wenn zwischen Wohnort und Stammesheim viele Kilometer liegen und die Idee, alle in einem großen LZP in die Gestaltung des Stammes stärker einzubeziehen.

Von Lars

Die wohl größte Problematik eines jeden Stammesführers ist es, seine Nachfolge zu finden. Doch wie erreiche ich Gruppenleiter, die auf Spaß und Party aus sind, dank G12 immer jünger werden und immer weniger Zeit haben? „Jugend führt Jugend“, wie in der pädagogischen Konzeption gefordert, wird dabei auf eine harte Probe gestellt und sofern die Uni nicht um die Ecke ist, werden Idealbilder des Bundes immer unerfüllbarer.

Seit 6 Jahren bin ich im Stammesrat, seit 3 Jahren in der Stammesführung und seit 5 Monaten 230 km von meinem Stamm entfernt – eine Distanz, die man nicht mal eben für einen Besuch am Heim, einen Stammesrat oder für eine Gruppenstunde hinter sich bringt.

In der Heimat konnte ich mehrere Tage die Woche am Heim arbeiten, diverse Aktionen leiten, den Stammesrat moderieren und jederzeit bestimmte Personen direkt ansprechen. Mittlerweile geht das alles nicht mehr und auf den ersten Blick ist nur die Verantwortung geblieben – doch wer übernimmt den Rest? Wie kann ich etwas verantworten, das ich nicht überprüfen kann?

Ich will kritisch sein und Verantwortung übernehmen

Die Realität traf unsere jüngsten Ranger und Rover hart, denn seit letztem Sommer sind sie die Ältesten, die auf LVs gehen, Vorbilder sind und Verantwortung tragen. Jeder sah es kommen, niemand wollte es wahrhaben. Die Angst vor Verantwortung überwiegt anscheinend dem gegebenen Versprechen und der Liebe zum eigenen Stamm.

Viele würden sich genau hier weiter zurückziehen und sagen „die nächste Generation wird das schon schaffen“. Jahrelang wurde das bei uns so praktiziert und es lief, aber ist das der richtige Weg? Habe nicht auch ich versprochen, Schwierigkeiten nicht auszuweichen?

Ich will Schwierigkeiten nicht ausweichen

Während meines Gilwellkurses habe ich mich versucht dieser Problematik anzunehmen und über Möglichkeiten nachgedacht, die Mitglieder schon früher zur freiwilligen Mitbestimmung zu führen. Dabei bin ich zum Schluss gekommen, dass das Thema Partizipation nicht direkt angesprochen werden darf. Vielmehr müssen „Gruppenleiter alle ermutigen, sich aktiv zu beteiligen und geeignete Gelegenheiten und Lernmöglichkeiten schaffen und mit unserer Arbeit einen Rahmen anbieten, die Mitglieder mitbestimmen, selbstausgestalten und verändern können“ (vgl. pädagogische Konzeption). Dabei besteht der Hintergedanke, einen Anstoß zur Eigendynamik zu geben, sodass weitere Aufgaben wie selbstverständlich übernommen und weitergetragen werden können.

Da akuter Handlungsbedarf herrschte, haben wir auf unserer Stammesvollversammlung 2011 die Stammesführung enorm vergrößert. Jede Stufe sollte mitbestimmen können und einen „Stufenbeauftragen“ für seine eigenen Belange haben. Gerade in einem großen Stamm ist es schwer, jeden zu kennen und alle Probleme zeitlich bearbeiten zu können. Hierbei galt es die Schwelle zur Verantwortung zu vermindern und den Einstieg in eine leitende Aufgabe leichter zu gestalten, indem ein deutlich kleineres Feld von Aufgaben zu bewältigen ist. Zusätzlich wurde es mir als Stammesführer möglich, bestimmte Personen gezielt auf Probleme anzusprechen und Aufgaben an kompetente Personen weiter zu geben, die sich in der Thematik auskennen.

Die unangenehme Seite einer größeren Führungsriege ist, dass die Kommunikation und die Formulierung von Zielen und Möglichkeiten komplexer werden. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen, Bedürfnisse und Termine, die es zu beachten gilt. So kommt es, dass Dinge, die zuvor einfach waren, nicht mehr mit einem einzigen Gespräch geklärt werden können.

Ich will hilfsbereit und rücksichtsvoll sein

Wir versuchen dies mit E-Mails, einer Dropbox und Telefonkonferenzen, die zuvor „ausgedoodelt“ werden müssen, zu bewältigen – nichts, dass ein persönliches Treffen ersetzen kann, aber dennoch erstaunlich produktiv. Damit ist sicherlich keine Dauerlösung entstanden, sondern ein Übergangssystem, das es mir als Stammesführer ermöglicht, einen gewissen Überblick zu behalten und Aufgaben in guten Händen zu wissen.

Doch damit ist es nicht getan. Das Programm der einzelnen Gruppen und Stufen darf nicht außer Acht gelassen werden, denn nicht die Organisation ist das Ziel unserer Arbeit, sondern Jugendarbeit, Freizeit und Spaß. Deshalb steht im Laufe des Jahres für unseren Stamm erstmalig ein Stammes-LZP an, das von allen Stufen bearbeitet werden soll. Das Oberthema wird von den Gruppenleitern zusammen beschlossen und auch Ideen für das Programm werden gemeinsam entwickelt, sodass ein großer Ideenpool entstehen kann. Das Thema soll etwa in jeder zweiten Gruppenstunde behandelt werden und am Ende präsentierbare Ergebnisse erbringen, die wir gemeinsam den Eltern und Förderern auf einem Stammessommerfest vorstellen wollen und die besten Ergebnisse honorieren.

Ein LZP für den ganzen Stamm

Hierbei stehen für mich besonders das Gemeinschaftsgefühl und die Möglichkeit zur Mitgestaltung im Vordergrund. Die „Stufenbeauftragten“ werden in diesem Kontext für die einzelnen Stufen Verantwortung übernehmen und Sorge tragen, dass das LZP vorangetrieben wird, sodass wir gemeinsam ein Auge auf das Programm der Gruppen werfen können und gleichzeitig den Gruppenleitern einen zusätzlichen wettkampflichen Ansporn geben, der ihr Programm positiv beeinflusst. Der größte Erfolg wäre es, die Wölflinge und Sipplinge so sehr zu begeistern, dass sie das Programm selbst voranbringen wollen und somit sich selbst und ihre Gruppenleiter motivieren.

Die Organisation eines Stammes aus der Ferne ist nicht die beste Lösung und sollte nicht zur Normalität werden. Dennoch muss ich Miri, unserer Bundesbeauftragen für Ausbildung, recht geben, die einmal zu mir sagte, dass es immer besser sei, einen Stamm ein Jahr aus der Ferne zu leiten, als es jemandem aufzuzwingen, der es gar nicht machen möchte.

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