Keine Zeit?

Abitur nach 12 Jahren, verschulte Studiengänge, Druck von zusätzlichen Qualifikationen – der Stress scheint uns zu erdrücken und lässt die freie Zeit, in der wir uns bei den Pfadfindern engagieren können schwinden – dabei müssen wir müssen uns einfach nur mal frei machen.

Von Kison

Eigentlich habe ich ja gar keine Zeit… eigentlich müsste ich noch diese drei Bücher für die Klausur in 2 Wochen lesen… eigentlich müsste ich noch die Vorlesung von letzter Woche nachbereiten und den Text für das Seminar nächste Woche lesen… eigentlich müsste ich auch mal wieder das Bad putzen und mein Zimmer saugen… eigentlich habe ich ja gar keine Zeit…

Aber wer hat das heute überhaupt noch, in Zeiten von Bologna und G8? Ich definitiv nicht, deswegen hat dieser Artikel auch mindere Qualität, denn ich habe für ihn nur 12 Minuten und 34 Sekunden eingeplant. Genaue Zeitpläne sind ganz wichtig, sonst schafft man das alles sowieso nicht mehr.

Irgendwie ist das doch alles Quatsch, oder nicht? Haben wir alle so wenig Zeit, wenn wir nach 12 Jahren Schule Abitur machen und dabei mehr Stoff lernen sollen als unsere großen Geschwister in 13 Jahren gelernt haben? Wenn wir in sechs Semestern unseren Bachelor haben sollen, damit wir möglichst schnell arbeiten gehen können und wenn wir dann mit 23 einen tollen Job haben, mit dem wir um die Welt reisen können und viel Geld verdienen, das wir nicht ausgeben können, weil wir nie Zeit haben?

Druck von Eltern, Lehrern, Arbeitsmarkt?

Ganz so schlimm ist es natürlich nicht! Denn wer in 13 Schuljahren immer die Hausaufgaben gemacht und ordentlich gelernt hat, der hatte auch wenig Zeit. Und wer nicht das Klischee vom faulen Studenten erfüllt und seinen Magister bzw. sein Diplom in 10 Semestern durchgezogen hat, der hatte auch wenig Zeit. War denn früher wirklich alles besser?

Sicherlich nicht. Deutschland gilt schon lange als Land mit eher autoritärem Bildungsstil (im Gegensatz zu zum Beispiel Schweden), was auch mit einem gewissen Druck auf die Schülerin verbunden ist – die Studentin hatte tendenziell weniger Druck, aber das hat sie auch heute noch im Vergleich zur Schülerin. Es ist doch nicht wirklich die Fülle an Stoff, die uns davon abhält, uns ehrenamtlich zu engagieren, sondern der Druck, der auf uns lastet: Die Eltern, die Lehrer, der Arbeitsmarkt. Jeder Gruppenleiter kennt es sicher, dass die Mutter von Sippling Petra anruft und sagt: „Petra kann heute nicht kommen, sie muss noch Hausaufgaben machen. Nächste Woche schreibt Petra übrigens drei Klassenarbeiten, da weiß ich auch nicht, ob sie kommen kann.“ Vielleicht kommt dann noch der Satz hinzu: „Die Sommerfahrt geht übrigens auch nicht, Petra macht da einen Ferienkurs in Mathe.“ Und ein halbes Jahr später heißt es dann: „Hiermit möchte ich mein Kind Petra von den Pfadfindern abmelden. Sie hat immer so viel für die Schule zu tun und keine Lust mehr, dann noch zu den Gruppenstunden zu gehen.“

Es ist nicht die Schule, die Petra diesen Druck macht, sondern Petras Mutter selbst. Sind jetzt die Eltern an allem schuld? Nein! Auf keinen Fall sind sie das! Denn sie wollen natürlich nur das Beste für ihre Kinder, nämlich eine gute Schulnote, damit dem Kind alle Möglichkeiten offen stehen und es Medizin studieren kann.

Früher war alles besser?

Aber gibt es diesen Druck erst seit Bologna und G8? Nein, natürlich nicht! Die deutsche Jugendbewegung hat auch genau hier einige ideengeschichtliche Wurzeln. Das lässt sich noch heute an unseren Ideen ablesen: Ausbrechen aus dem Alltag ist ein Ziel, das ich im letzten laru angerissen habe. Auch unser Liedgut zeugt noch davon (ich habe nur einige wenige Lieder ausgewählt): Die Autorin von Unter dem Pflaster, Angi Domdey, wollte sich um 1970 freimachen, von den gesellschaftlichen Zwängen und dem Druck, der auf ihr lastete. Auch Axi wollte 1970 mit seinem Lied Fahren ähnliches ausdrücken, aber mit Bezug darauf, dass er keine Lust auf die 68er und auf die Politisierung der Jugendverbände hatte: „In die Sonne, die Ferne hinaus, lasst die Sorgen, den Alltag zu Haus“ drückt genau das aus und stammt aus dem Jahre 1949. Und hier natürlich das Beispiel par excellence:

„An den sechs vergang’nen Tagen mussten wir uns lausig plagen, wenig Freude, Luft und Licht, Dreck an Händen und Gesicht![…] Alle uns’re Müdigkeit steckt zu Haus‘ im Arbeitskleid. Sieben Tage hat die Woche, sechse sind wir rumgekrochen. Doch am siebten lebt sich’s flott […]“

Was muss man zu diesem Text von alf aus dem Jahre 1946 noch sagen, außer, dass er vielleicht unter dem Eindruck der Unterdrückung der bündischen Jugend durch den Faschismus in Deutschland entstanden sein könnte?

Diese vier Beispiele sollen verdeutlichen, dass man auch in früheren Zeiten schon Druck gespürt hat und sich von diesem freimachen wollte.

Stress hat man nicht, Stress macht man sich!

Kommen wir zum Thema zurück. Meine Argumentation ist die folgende: Zwar haben sich die Rahmenbedingungen verändert und der Druck ist durch Bologna und G8 stärker institutionalisiert worden. Das muss einem aber nicht unbedingt die Zeit rauben, sich ehrenamtlich zu engagieren. Warum?

Schon früher hatte man das Gefühl, keine Zeit zu haben und unter Druck zu stehen. Trotzdem haben es immer wieder engagierte Menschen geschafft, Gruppen zu leiten, Fahrten und Lager zu planen und die Kinder zu motivieren.

Druck und Stress sind durchaus subjektive Faktoren. Wie ich versucht habe, darzulegen, wird uns Druck gemacht, und zwar an drei Punkten: Erstens von unseren Eltern: „Weil du nicht mindestens eine zwei schreibst, darfst du vor der nächsten Klassenarbeit nicht mit den Pfadfindern weg“. Zweitens von der Schule: „Wenn du das nicht kannst, nimm doch Nachhilfeunterricht in deiner Freizeit“. Drittens von diesem ominösen Ungetüm namens Arbeitsmarkt: „Du musst immer gute Noten in der Schule und im Studium haben, damit du einen guten Job bekommst und ganz viel Geld verdienst.“ Aber müssen wir uns diesen Druck machen lassen? Ich sage ganz klar: Nein! Denn ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass man sich nur folgendes Motto immer wieder einbläuen muss und schon hat man keinen Stress mehr: Stress hat man nicht, Stress macht man sich! Nimm dir die Zeit, die du brauchst! Wenn du ein Jahr länger in der Schule oder im Studium brauchst, weil du eine Sommerfahrt organisieren wolltest, dann stört das deinen potenziellen Arbeitgeber meist nicht. Außerdem macht Geld nicht glücklich, vor allem dann nicht, wenn du zu beschäftigt, zu gestresst bist, um es auszugeben.

Sich einfach die Zeit nehmen

Gerade weil uns die Zeit zu fehlen scheint und wir uns gestresst und getrieben fühlen, müssen wir uns die Zeit nehmen, aus unserem Alltag raus zu kommen, mal ein Wochenende wirklich auf Fahrt zu gehen, die freie Zeit für uns zu nutzen. Wir dürfen nicht vergessen, dass im Sommer immer noch sechs Wochen schulfrei sind und man davon durchaus zwei bis drei Wochen doch auch mal draußen verbringen kann – ohne Mathebuch. Das tut uns nämlich gut. Wer sich die Zeit nicht nimmt, die er oder sie braucht, der leidet darunter. Immer daran denken:

Stress hat man nicht, Stress macht man sich!

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