Den Blick für die Welt öffnen – Weltwärts in Argentinien

Über einen Freiwilligendienst, der mehr ist als Müll sortieren und Spanisch lernen.

von Malte

Ich bin Malte, 19, vom Stamm Wikinger Achim und absolviere seit etwa 5 Monaten am Rand der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires einen Freiwilligendienst in dem entwicklungspolitischen Programm „weltwärts“. Ich kümmere mich hier um eine Baumschule mit nativen Pflanzen, sortiere wiederverwertbare Abfälle in einem privaten Recyclingsystem und helfe bei Pflanzaktionen in dem vom Projekt unterhaltenen Naturreservat.

Es ist eine interessante Arbeit mit sehr netten Menschen und eine kulturell hochwertige Erfahrung, die ich lang beschreiben könnte. Es erscheint mir aber ein anderer Aspekt dieses Jahres im Exil deutlich wichtiger und wertvoller. Es ist das „Drumherum“ um diese Tätigkeiten, die den wirklichen Wert meines Vorhabens darstellen.

„Das ist ja schön und gut, aber …“

Bei der dem Dienst vorrausgehenden Spendensuche antwortete man mir einmal auf die Vorstellung meines Projektes: „Das ist ja schön und gut. Aber wo liegt der Wert darin, dass du dort drüben Müll sortierst oder eine Baumschule betreibst? Wäre es nicht sinnvoller, dass du hier etwas für den Naturschutz tust, statt dafür auf die andere Seite des Atlantiks zu fliegen?“ Mir fielen daraufhin nur eigennützige Gründe ein, wie das Erlernen einer anderen Sprache oder der schwammige Standardansporn, dass ich „den Blick für die Welt öffnen“ wolle, auch wenn ich noch nicht wusste in welcher Hinsicht. Natürlich ist eine der Intentionen des Dienstes die persönliche Entwicklung. Ich fühlte aber, dass es sicher auch einen guten gemeinnützigen Zweck geben müsse.

Denn letztendlich sind auch die Deutschen keine Heiligen, obwohl wir doch schön den Müll trennen und Vorreiter mit erneuerbare Energien sind.

Im Zuge meines Lebens und meiner Arbeit hier beschäftige ich mich nicht nur physisch sondern vor allem gedanklich mit dem Naturschutz. Die Menschen mit denen ich arbeite sind Naturbegeisterte und engagieren sich hier ebenfalls freiwillig. Man tauscht sich aus und lernt voneinander. Nach und nach baute sich in mir eine Sensibilität für dieses komplexe aber fragile System Natur auf, während ich im alltäglichen Leben immer mehr feststellen musste, dass der Großteil der hiesigen Bevölkerung diese nicht ansatzweise besitzt. Naturschutz wird hier dringend benötigt. Es ist normal, dass man seinen Müll einfach auf die Straße wirft, beim Einkaufen seine Einkäufe in unzähligen Plastiktüten nach Hause trägt oder den Wasserhahn unsinnig laufen lässt. Es gibt kein öffentliches Recycling- oder Pfandsystem und teilweise keine Kläranlagen. Der Fluss der durch unser Reservat fließt sowie auch alle anderen Flüsse, die die Hauptstadt touchieren, sind teilweise nicht mehr als Fluss sondern eher „Abfallgruben“ zu bezeichnen, die erwiesenermaßen die Erkrankungswahrscheinlichkeit der Ansässigen an den Ufern steigern. Das Ergebnis der nimmersatten Konsumgesellschaft, wie sie heute die Welt bestimmt. Diskussionen mit meinen Kollegen, Videos und Literatur haben mir hier die Augen geöffnet, um dieses System als Ganzes zu sehen und darüber hinaus die Krise in der es steckt. Klimaerwärmung, Hunger in Afrika, Abholzung der Regenwälder, Umweltschäden durch exzessiven Bergbau und Ölpesten waren für mich lange Zeit einzelne tragische Probleme dieser Welt. Letztendlich kann man aber alles auf den stetig wachsenden Konsum zurückführen. Dieser erreicht langsam aber sicher Größenordnungen, die die Ressourcen der Erde überstrapazieren. Welch eine Absurdität, dass man stetig nach Wachstum strebt, hier, auf einem Planeten mit einer begrenzten Menge an Ressourcen. Viele der Fabriken, die hier ihre Abwässer in die Flüsse leiten produzieren ausschließlich für den Export – in die USA und Europa. Denn letztendlich sind auch die Deutschen keine Heiligen, obwohl wir doch schön den Müll trennen und Vorreiter mit erneuerbare Energien sind. Trotzdem kaufen wir Handys, deren Produktion die Extraktion von Metallen aus Minen erfordert, die ganze Landstriche zerstören.

„Das ist der Wert meiner Arbeit hier!“

Für das bessere Verständnis dessen war es nötig, den Ozean zu überqueren und mit eigenen Augen die Verschmutzung der Flüsse zu sehen oder selbst die Kreativität und das Engagement zu erleben, mit der Menschen hier versuchen gegen die Probleme der Armut vorzugehen, die hier auf eine groteske Art und Weise mit dem Reichtum koexistiert. Das ist der Wert meiner Arbeit hier! Erkannt zu haben und die Möglichkeit zu haben etwas davon weiterzugeben, um solchen ein Bewusstsein für diese Zusammenhänge zu schaffen und mit ein wenig Kreativität kleine Veränderungen zu bewirken. Denn noch haben wir die Möglichkeiten etwas zu verändern und uns oder die nachfolgenden Generationen davor zu bewahren, einen Planeten ohne Bäume und Trinkwasser vorzufinden. Da ist es schön zu sehen, dass wir als Pfadis in dieser Hinsicht aktiv sind und der Gesellschaft ein Vorbild sein können. Weiter so und ein herzliches Gut Pfad aus Argentinien!

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