Geht es nicht auch ohne?

Laptop und Beamer sind auch auf einem Kurs ganz praktisch. Und Handys sowieso. Wie soll der Sippling in der Natur von dem technischen Alltag Abstand gewinnen, wenn der Teamer oder Sippenführer dank iPhone stets online ist?

von Kison

Was wären wir nur ohne Handy? Ja, immer noch Menschen, natürlich, aber was täten wir ohne Handy, ohne Internet, ohne Computer und Laptops? In der Schule, im Studium, auf der Arbeit, selbst im Fernsehen wird es mittlerweile vorausgesetzt. Auf fast jedem Werbeplakat steht: Follow us on twitter oder like us on facebook. Manchmal hat man das Gefühl, dass sich die Hälfte des Lebens ins Internet oder zumindest an den Computer verlagert…

Immer online auf dem Kurs.

Auch im BdP sieht man immer mehr Medieneinsatz: Fast jeder hatte auf der Landesversammlung eine Powerpoint-Präsentation; mein Grundkurs sah fast ähnlich aus. Zwar sind Flipchart und Pinnwand immer noch im Einsatz und mancher Kurs kommt (fast) völlig ohne Strom aus. Aber der Laptop ist immer mit dabei, weil es ohne scheinbar nicht mehr geht – und natürlich braucht das Küchenteam zwei davon, um die Rezepte nicht ausdrucken zu müssen; außerdem taugt sowas wunderbar als Liederbuch (genauso wie der iPod).
Aber nicht nur für die Pfadfinderarbeit sind die Geräte im Einsatz: Wenn man den Laptop als Kursteamerin dabei hat, geht man auch mal ins Internetcafé – wenn man nicht sowieso den Surf-Stick dabei hat – und checkt seine E-Mails, updatet den Facebook-Account, twittert kurz, dass man gerade mit den Pfadfindern unterwegs ist und chattet mit Freunden, um den neuesten Klatsch und Tratsch aus der Heimat zu erfahren. Natürlich kann man auch gleich das iPhone oder iPad mitnehmen, dann muss man gar nicht erst offline gehen im ICQ.

Wozu treffen, wenn man vernetzt ist?

Doch da stellt sich mir die Frage: Muss das alles sein? Geht das nicht auch anders, das heißt: Geht das nicht auch ohne?
Ich meine, warum soll ich mich noch auf‘s Fahrrad setzen, wenn ich am Stammesrat auch über Skype wunderbar teilnehmen kann. Warum soll ich noch den weiten Weg auf mich nehmen zur LV, wenn man diese auch komplett in ein Forum verlegen könnte? Warum soll ich Geld für eine Wanderkarte ausgeben, wenn ich einfach mein Navi im iPhone nutzen kann? Warum soll ich mir noch eine Sippenstunde ausdenken, wenn meine Sipplinge und ich auch einfach im Internet miteinander spielen können? Warum sollten wir bitte noch wandern, wenn wir auch Google Street View benutzen können?
Das klingt natürlich alles voll übertrieben und ich hoffe nicht, dass es mal so weit kommt!
Diese Fragen sollen – wie dieser ganze Artikel – sowieso nur zum Nachdenken anregen. Natürlich ist alles sehr subjektiv… Und auch ich bin nicht ohne Fehler, deswegen bewerfe ich niemanden mit Steinen. Auch mich wird man mal mit dem Handy in der Hand sehen, um meiner Mitbewohnerin eine SMS zu schreiben, dass sie nicht vergessen darf, die Mülltonne rauszustellen; auch mich wird man mal mit dem Laptop auf dem Schoß sehen, um E-Mails zu beantworten. Von daher kann ich es gut verstehen: Man macht es einfach ohne darüber nachzudenken. Das ist aber genau der Fehler! Warum?

„Wir wollen ohne elektrische Geräte auskommen.“

Das möchte ich jetzt etwas genauer darlegen:
Zum einen ist da die einfache Überlegung, was die Wölflinge und Sipplinge denken. Ihnen wird gesagt, sie sollen keine Handys, MP3-Player und so weiter mitnehmen. Eine Begründung wird oft nicht geliefert. Wenn doch, dann ist es sowas wie: „Es könnte kaputt gehen.“ Oder: „Wir haben eh keinen Strom.“ Oder: „Wir wollen versuchen, als Pfadfinder ohne diese ganzen Geräte auszukommen.“ (dazu später mehr).
Ganz gleich, wie die Begründung aussieht: Was soll denn Sippling Peter denken, wenn Sippenführerin Anna auf Fahrt andauernd ihr Handy aus der Tasche holt und eine SMS schreibt, sich am besten noch mit ihrem Mitsippenführer Tom darüber unterhält, dass ihre beste Freundin jetzt rote Haare hat? Ich weiß, das ist furchtbar spannend! Aber Peter würde auch gerne mal mit seiner Freundin schnacken, durfte sein Handy jedoch nicht mitnehmen. Er fühlt sich total verarscht. Anna hat gesagt, dass sie es „für den Notfall“ mit hat. Wenn aber mal so ein Notfall da ist, ist Annas Handy-Akku längst leer und „wir haben eh keinen Strom“, wie sie vorher schon ihre Sipplinge belehrt hat.
Das ist die eine Überlegung: Was denken die Sipplinge und Wölflinge, wenn ihre Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter sich über die selbst gesetzten Regeln hinwegsetzen, Wasser predigen und Wein trinken?

Mal nicht erreichbar sein…

Die andere Überlegung ergibt sich aus der Aussage „Wir wollen versuchen, als Pfadfinder ohne diese ganzen Geräte auszukommen.“ So wurde es mir immer wieder gesagt und so habe ich es auch weitergetragen; für mich persönlich gehört es zum Pfadfinden dazu, weg zu sein statt telefonisch und über ICQ ständig erreichbar zu sein. Schließlich wollen wir raus in die Natur, alles mal ein bisschen anders erleben, aus dem „normalen“ Leben ausbrechen, ihm ein bisschen „entfliehen“ – wenn man das so sagen will. Natürlich ist man nach drei Wochen skandinavischer Wälder froh, wieder zu Hause in seinem Bett, an seinem Computer, unter seiner Dusche und bei seiner Kaffeemaschine zu sein. Aber wer kennt das Gefühl nicht, dass man dann abends im Bett liegt und eigentlich wieder weg will? Wie aber kann man dieses Gefühl haben, wenn man die ganze Zeit virtuell anwesend ist? Wegen iPhone und co. spürt man den Unterschied zwischen Leben auf Fahrt und „normalem“ Leben gar nicht mehr so stark… Man bleibt zu sehr in der einen Welt.
Doch kommen wir nochmal zur Idee zurück, die hinter diesem Gefühl steht. Was passiert denn mit dieser Idee – hier gemeint als einerseits das Ausbrechen aus dem Alltag und andererseits als die Nähe zur Natur –, wenn man die ganze Zeit bei ICQ und Facebook online ist; wenn man ständig auf dem Handy erreichbar; wenn Filmchen auf der LV die gute alte Fotowand ersetzen; wenn man auf Fahrt lieber zu McDonald‘s geht, als selbst zu kochen.
Werden wir jetzt zu einem Jugendzeltlager der Kirche oder der Stadtjugendförderung? Immer wieder hört man, dass wir uns davon absetzen wollen… Wer mal auf so einem Lager war, kennt die Unterschiede. Behalten wir sie, anstatt sie glatt zu schleifen! Sind wir anders? Ja, und zwar bewusst anders, denn bei uns steckt eine Idee dahinter. Lasst uns die nicht vergessen!

Selber denken

Das klingt jetzt vielleicht alles völlig überzogen und pessimistisch… aber auch Pessimismus ist eine Zukunftsaussicht. Es kann ganz anders kommen, aber es kann auch genauso werden.
Zum Abschluss noch eins, bevor ich völlig falsch verstanden werde: Es liegt mir fern, irgendwem verbieten zu wollen, dass er oder sie das Handy mit auf Fahrt nimmt; dass eine Kursteamerin ihren Laptop mitnimmt; dass Vorträge auf der LV mit Powerpoint-Präsentationen unterstützt werden.
Ich würde mir jedoch wünschen, dass mehr nachgedacht wird über die Frage: „Brauche ich das wirklich? Geht es nicht auch ohne?“ Was dann das Ergebnis ist, kann und will ich nicht bestimmen, doch, wenn man sich diese Frage öfter stellt, leben wir sicherlich alle ein Stück bewusster. Und Denken ist ja nicht schlecht, schließlich gilt immer noch: „Ich will kritisch sein und Verantwortung übernehmen“. Vielleicht erinnert sich jemand an die Aktion zu unseren Regeln aus dem Jahre 2007, als es Postkarten zu jeder Regel gab, auf der diese mit einem trefflichen Begriff umschrieben wurden – für diese Regel waren es die Worte SELBER DENKEN.
Wir versuchen doch im BdP und gerade im LV immer wieder, uns Dinge bewusst zu machen – banales Beispiel ist Nachhaltigkeit – und darüber nachzudenken, wie wir uns verhalten. Das steht mit unseren Zielsetzungen aus Pfadfinderregeln und pädagogischer Konzeption in Einklang. In letzterer steht auch ein Satz zum kritischen Umsatz mit den (neuen) Medien. Ich sehe, diese Zielsetzung noch zu wenig verwirklicht, jedoch ist es nicht der Verband, der hier aktiv werden muss, sondern jede und jeder einzelne von uns. Lasst uns damit anfangen, kritischer über unseren Medienkonsum nachzudenken – und zwar vor allem, wenn wir bei den Pfadfindern sind!

Vorleben, mitleben, erleben!

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