Wenn das Halstuch zum Bauchladen wird.

Unser Pfadfinderleben ist geprägt von vielen Traditionen. Doch viele scheinen einzureißen. Ein kritischer Kommentar

von Jascha

„Es ist wieder mal LV“ So sang Olli am Samstagabend vor den versammelten Delegierten des Landesverbandes. Es war ein langer Tag, Diskussionen hatten die Gemüter erhitzt. Und nach den Beiträgen der Gruppen geht es auf zur Harsefelder Eissporthalle.
Nach der Rückkehr geht es auf den Schulhof zur Abendrunde. Verschiedene Mitglieder der LL tragen besinnliche Sprüche vor. Aber Besinnung kann, wie ich finde in dieser Runde nicht aufkommen. Denn das ist es doch was in einer Abendrunde herrschen soll, Besinnung, Ruhe. Man lässt den Tag gemeinsam ausklingen. Das ist zumindest was wir von unseren Wölflingen und Sipplingen fordern.

Dass sie still sind, dass sie zuhören. Und da stehen wir nun und der Großteil von uns tritt diese Tradition mit Füßen. Es wird fleißig palavert, über Gott und die Welt. Immerhin kann Thorsten sich Gehör verschaffen, um die erwähnten Sprüche anzusagen. Während der Sprüche kehrt dann allmählich Ruhe ein. Und so geht der LV früher oder später ins Bett.

Das Halstuch als Andenkensammlung

Am Sonntagmorgen trifft man sich am selben Ort für die Morgenrunde und jetzt sieht man was im Dunkel der Abendrunde unsichtbar war. Einige der Delegierten stehen da, mit einem Tuch, das mehr an einen Bauchladen erinnert, als an das Symbol einer Weltweit verbreiteten Organisation. Dieses moderne Kunstwerk hängt mit Vorliebe über einer offenen Kluft, unter der ein T-Shirt mit irgendeinem tiefgründigen Spruch hervorlugt, auch die „Hard Rock Café-T-Shirt“ Sammlung wird hier gerne zur Schau gestellt.

Tradition vs. Individualisierung

Baden-Powell schuf die Kluft, um die finanziellen Unterschiede, die Standesunterschiede zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern auszumerzen. Jeder wurde so zum gleichwertigen Teil einer Gemeinschaft. Die Kluft erstreckte sich damals auch auf die Hose, die Schuhe, die Socken.
Heute ist das nicht mehr so. Individualisierungen der Kluft sind heute nichts besonderes mehr. Das will ich hier auch gar nicht in Frage stellen. Die Frage, die ich aufwerfen will, ist, wie weit kann man dabei gehen. Wie weit wollen und dürfen wir uns von den Traditionen, wie z.B. der Kluft oder dem Benehmen in den Runden entfernen? Wissen unsere Sipplinge überhaupt um die Herkunft und den Sinn unserer Traditionen?

Traditionen als Symbol unserer Weltgemeinschaft

Die Traditionen der Pfadfinder und des BdPs haben ja einen Ursprung, sie haben einen Hintergrund. Wenn wir uns morgens zur Morgenrunde und abends zur Abendrunde versammeln und uns einen guten Morgen, bzw. Abend wünschen, dann nicht nur weil es eine ausgezeichnete Möglichkeit ist die Wölflinge und Sipplinge daran zu erinnern, dass es jetzt Zeit für das Frühstück, oder das Zähneputzen ist. Es ist gleichzeitig das Zeichen dafür, dass der Tag jetzt beginnt, bzw. endet. Es ist dasselbe Prinzip wie beim An- und Abschreien. Die meisten dieser Traditionen werden noch praktiziert. Doch wir lassen einreißen. Und das finde ich schade.

Dies ist also ein Aufruf, eure Sipplinge dazu anzuhalten ihr Tuch und ihre Kluft als das zu tragen, was es ist. Ein Symbol einer weltumspannenden Gemeinschaft. Das heißt, Andenken haben am Tuch nichts verloren und die Kluft ist stets geschlossen. Und bei euch selbst gilt natürlich dieselbe Devise. Beschäftigt euch mal mit den Traditionen. Warum zum Beispiel ist unser Tuch ausgerechnet dreieckig?

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Ein Kommentar

  1. germ1

     /  4. April 2012

    Finde ich ein klasse Thema und ausgesprochen wichtig. Bei der Einhaltung von Traditionen ist es für mich ein schmaler Grat hin zur Koservativität. Das Leben und die Gesellschaft zeichnen sich durch ständigen Wandel, durchgängige Veränderung aus und wenn man nichts verändert verliert man den Bezug zur Realität. Andererseits gibt es diese verbindenden Symbole und Tätigkeiten, die unsere Identität ausmachen. Aus diesem Grund sollte man seinen kritischen Blick behalten und Gewohnheiten immer wieder auf der Basis seiner (bzw. unserer) Werte auf ihren aktuellen Sinngehalt überprüfen und ggf. für eine Veränderung einstehen bzw. sie verteidigen.

    Antwort

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