Pädagogischer wandern – oder was wir eigentlich die ganze Zeit machen

Brauchen wir für alles eine pädagogische Begründung, ist unsere Arbeit sonst nichts wert?

von Moritz

Die Diskussion kennt man nicht nur in Kursteams und Arbeitskreisen, sondern sie findet sich auch auf Lagern und sogar in einzelnen Sippen. Ja, unser Bund scheint sich in die Hardcore-Bulldog-Spieler-und-50-km-Gewaltmarsch- Liebhaber und die Wir-haben-uns-alle-lieb-und-müssen-uns-jetzt-erst-mal-genau-kennenlernen-wischiwaschi-super-Pädagogen zu teilen. Basteln oder Bulldog ist die fundamentale Grundsatzentscheidung, die unsere Pfadfinderwelt in zwei Lager teilt – scheinbar unvereinbare Gegensätze. So einfach ist das natürlich nicht. Das wissen wir alle, aber es wäre auch zu einfach, zu behaupten, beides zusammengemischt würde irgendwie die perfekte Gruppenstunde, das perfekte Lager, das perfekte Programm ergeben. Nein, ich glaube um eine Entscheidung kommen wir nicht ganz rum, nur diese kreist mit Sicherheit nicht um die Frage, ob wir zwei Stunden Bulldog spielen wollen oder den ganzen Tag basteln, die Frage kreist darum, ob wir uns immer darum Gedanken machen müssen, ob das was wir tun auch sinnvoll ist oder ob wir auch einfach mal unsern Bauch entscheiden lassen können. Und sie kreist darum, was wir überhaupt als „pädagogisch“ empfinden und was nicht.

Was ist „pädagogisch“?!

Pädagogisch ist nämlich mit Sicherheit nicht immer das, was am ungefährlichsten ist und möglichst keinem weh tut. Pädagogisch heißt auch nicht immer kreativ sein zu müssen und Sachen bunt anzumalen. Pädagogisches Programm kann auch äußerst dreckig sein und es kann gerade darin bestehen Sipplinge oder Wölflinge ein bisschen von der Leine zu lassen, auch wenn das vielleicht mit mehr „Risiko“ verbunden ist. Pädagogisch handeln wird häufig damit verwechselt, dass man den Kindern so wenig Freiräume wie möglich lässt. Das ist verbunden mit einer gewissen Angst, einmal, es könne den Kindern etwas passieren und zum anderen, jemand könne sich ausgeschlossen fühlen. Das ist natürlich in gewisser Weise auch berechtigt und eine Gruppe ist bestimmt nicht perfekt, wenn jeder tut was er will – sonst bräuchten wir uns ja auch keine Gedanken mehr um Gruppenleiter zu machen. Aber wir haben als Pfadfinder ja nun eine pädagogische Grundidee, auch wenn wir das häufiger mal vergessen: Wir schenken jeder Person das Vertrauen, dass sie durch ihre eigenen Erfahrungen wachsen und reifen kann. Learning by Doing – Häufig als Phrase benutzt und doch selten in seiner Konsequenz voll und ganz begriffen.

Freiräume schaffen sich nicht von alleine.

Es ist nicht ganz einfach Kindern dieses Vertrauen entgegenzubringen und doch ist der Gedanke sehr wertvoll. Um Erfahrungen zu gewinnen, brauchen wir Freiräume. Und um diese Freiräume zu schaffen, genau dazu sind wir als Pfadfinder da und hier liegt unser Spezialgebiet. Das können wir auch ganz gut. Zumindest üben wir es ja schon ein bisschen mehr als 100 Jahre. Aber Freiräume schaffen sich auch nicht ganz von selbst und hier liegt der Fehler jener Laissez-faire-Athleten, die davon zu überzeugt sind, man solle nur machen, wozu man in seiner Freizeit auch Lust hat und dann würde das Programm schon irgendwie ziemlich gut. Wenn man nicht möchte, dass irgendwann wieder das Recht des Stärkeren oder das der Gewohnheit regiert, dann braucht man gewisse Autorität. Autorität auch, um Gewohnheiten zu brechen und sich auf Neues einzulassen.

Ein Plädoyer für eine unpädagogische Pädagogik

Ich möchte aber jetzt nicht wieder so ein typisches Es-ist-beides-Richtig-Fazit ziehen. Das wäre mir in diesem Fall zu einfach. Ich möchte ein Plädoyer für eine Pädagogik halten, die bewusst von Zeit zu Zeit unpädagogisch ist, die Verrücktheiten zulässt und sich ein bisschen locker macht. Und eben das ist typisch für einen Jugendverband, der wir sind und der auch „Dilettanten“ zutraut, eine Gruppe zu leiten, Programm zu gestalten und Visionen umzusetzen. Daraus gewinnen wir unsere Stärke.
Damit ist pädagogisches Denken nicht überflüssig. Sich darüber Gedanken zu machen, was einen weiterbringt, was einem neue Erfahrungsbereiche öffnet und wie ich dies bei den anderen Mitgliedern meiner Gruppe erreichen kann, ist ebenso Teil dieser typischen Pfadfinderpädagogik. Das Wichtige dabei ist, die Natürlichkeit nicht zu verlieren und sich nicht von dem zu entfernen, was wir sind, nur weil man glaubt, als Pädagoge müsse man dies oder jenes tun. Man kann sich vielmehr von Zeit zu Zeit Gedanken machen, ob das, was wir tun, nicht häufig schon furchtbar pädagogisch ist. Und man wird verwundert sein, wie viel man da findet. Ich finde unsere Pädagogik sehr sympathisch, ohne von jedem Programm, das ich sehe begeistert zu sein (ganz bestimmt nicht). Aber wir gestalten. Und wir haben Ideen. Wir müssen uns nur ab und zu auch vergegenwärtigen, was da passiert. Um also noch einmal die Frage zu beantworten, die eingangs gestellt wurde: Natürlich sollen wir uns Gedanken machen, um unser Programm! Nur hemmen soll uns das nicht, denn der Gedanke, die Reflexion an sich, ist das, was man mit Fug und Recht „Pädagogik“ nennen darf.

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