(M)ein Tag ohne Internet

Das Internet begleitet uns immer mehr auf Schritt und Tritt. Ob es auch ohne geht, zeigt dieser Selbstversuch.

von Kiro

Unsanft reißt mich der Wecker aus dem Schlaf. Es ist sieben Uhr am Montagmorgen. Schwerfällig quäle ich mich aus dem Bett. Wie gewöhnlich bewältige ich die 2 Meter quer durch mein Zimmer in schlaftrunkenem Zustand und lasse mich in meinen Schreibtischstuhl fallen. Ich brauche ein paar Sekunden, um meine Sinne zusammen zu bekommen, und schalte den Computermonitor ein. Routiniert öffne ich den Browser und erwische mich dabei, wie ich Spiegel-Online einen Besuch abstatten will. Erschrocken schrecke ich zurück – schließlich ist heute mein Selbstversuchstag ohne Internet.

Ein Morgen ohne die neuesten Nachrichten

Ich schlurfe unter die Dusche. Während die letzten Schlafreste meinen Körper verlassen, beschleicht mich zugleich ein unangenehmes Gefühl. Ich fühle mich – uninformiert. Ohne meinen allmorgendlichen News-Surf fehlt mir einfach etwas. Was, wenn nun über Nacht etwas Spannendes passiert ist und ich absolut Nichts mitbekommen habe? Was, wenn ich eine weltbewegende Nachricht verpasst habe? Mühsam vertreibe ich den unangenehmen Gedanken und zwinge mich zum Frühstück. Zum Glück hat meine Mutter eine lange Einkaufsliste vorbereitet, mit welcher ich mich von meinem schwerwiegenden Desinformationsproblem ablenken kann. Auf der Fahrt zum örtlichen Discounter trifft mich das ungewohnte Gefühl jedoch erneut mit voller Wucht. Ich fühle mich richtig „abgekapselt“. Ich beginne über Alternativen nachzudenken – na also. iPod aus und Radio an – so bekomme ich meine Neuigkeiten auch ohne Internet. Ganz wie „damals“. Ein Problem gelöst. Ich erledige den Einkauf und fahre ins Sportzentrum.

Ich, allein, ohne meine virtuellen Mitmenschen

Als ich am frühen Nachmittag nach Hause komme, lande ich nach dem Ausladen des Autos wieder in meinem Zimmer. Im Schreibtischstuhl. Vor dem Computer. Unschlüssig fahre ich mit der Maus hin und her. Internet ist nicht. Und nun? E-Mails abrufen! Tja, das zählt wohl als Internetnutzung. Tabu. Dann halt Zocken. Nach kurzer Zeit stelle Ich fest, wie sehr mich (offline) Singleplayer-Spiele langweilen. Offensichtlich wurde ich in den vergangenen Jahren zu sehr von Multiplayer-Actionspielen und Online-Rollenspielen verwöhnt.
Ich schalte den Monitor aus und fühle mich elend. Wie viele wichtige E-Mails warten wohl darauf gelesen zu werden? Wer hat mir bei Facebook geschrieben? Was tun ohne Internet? Fragen über Fragen. Draußen klatscht der Regen gegen die Fensterscheibe. Was nun? Schließlich ende ich mit einem guten Buch in der Hand auf dem Sofa. Die spannende Geschichte lenkt mich für einige Zeit ab und ich versinke in den Fantasywelten.

Eine Party ohne Facebook-Einladung?

Gegen Abend reißt mich mein Handy laut klingelnd wieder in die Realität zurück. Ein Freund: „Sag mal hast du meine Nachricht nicht bekommen? Ich hab dir doch bei Facebook geschrieben!“ – „Nein“, gestehe ich, und erkläre mein selbstauferlegtes Dilemma. Mein Freund zeigt nur eingeschränktes Verständnis für „so einen Quark“.
„Heute Abend Party bei Alex. Alles Weitere steht bei Facebook!“ Ruhig erkläre ich erneut, dass ich kein Facebook habe und „Nein“, ich kann auch nicht „ne kurze Versuchspause machen“. Genervt liest mir mein Freund die Rundnachricht vor. Derart informiert bereite ich mich auf den Abend vor.
Plötzlich schleicht sich ein dunkler Schatten in meine Gedanken, und ich ahne, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Natürlich – irgendwie muss ich ja zu Alex kommen! Ich bin nicht besonders erpicht darauf selber Auto zu fahren. Aber vielleicht fährt ja jemand anders. Blöd nur, dass der übliche Kommunikationsweg (Facebook bzw. Instantmessager) ausfällt. Erschrocken stelle ich fest, dass ich nur Handynummern von einem Bruchteil meiner Freunde habe. Pech.
Gegen halb neun finde ich mich im Nieselregen auf dem Fahrrad wieder. Doppeltes Pech.
Dafür genieße ich den folgenden Abend dreimal so doll – nicht ohne mich im Stillen zu fragen, ob ich mein „Internetverbot“ breche, indem ich die von verschiedenen Partygästen aus den Tiefen des Internets hervor geklickten Musikvideos gucke und höre. Technobase läuft, Youtube, Last.fm – ich bin vom Internet umzingelt. iPötte werden herumgereicht, Menschen die drei Meter entfernt von einander sitzen unterhalten sich über Facebook. Jemand läuft herum und versucht leicht panisch das Wlan-Passwort zu erfragen. Hilfe! Der Tag geht zu Ende – erfolgreich im Sinne der Zielsetzung, auch wenn ich mich nicht besonders erfolgreich fühle.

Es geht auch ohne Internet. Mal ausnahmsweise.

Es war eine interessante Erfahrung, und tatsächlich – es geht auch ohne Internet. Aber es ist und bleibt leider ein klein wenig unkomfortabel. Das Internet erleichtert eben doch vieles. Andererseits war es aber auch interessant, sich zur Abwechslung einmal ohne Computer beschäftigen zu müssen. Für das spannende Buch hätte ich bei meinem normalen Internetkonsum niemals Zeit gefunden.
Trotz wenn und aber: Ich fühle mich richtig befreit, als ich am nächsten Morgen erneut das Netz durchsurfen kann. Selbstverständlich habe ich nichts Weltbewegendes verpasst. Aber ein paar E-Mails müssen doch beantwortet werden. Und auch auf Facebook haben sich viele Posts gesammelt, die eines Kommentars bedürfen. Was wären wir ohne Internet?

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