Knisterndes Feuer und schnelles WLAN im Zelt

Eindrücke vom Jamboree in Schweden.
Ein Interview mit Nicklas vom Stamm Parzival, der im International Service Team (IST) am diesjährigen World Scout Jamboree in Schweden teilgenommen hat.

laru: „Simply Scouting“ war das Motto dieses Jamborees. Wie war Dein Eindruck, wie hat sich das Motto im Programm gezeigt?

Nicklas: Zunächst war ich überrascht, wie viele Lagerbauten es doch gab. Trotz ihrer modernen Igluzelte haben viele Gruppen auch große Konstruktionen mit Holz aufgebaut. Man sah viele brennende Feuerstellen, die teilweise auch zum Kochen benutzt wurden. Eine Besonderheit war der aus Baumstämmen gebaute „Tivoli- Vergnügungspark“ mit einem Riesenrad, der ca. 20 m hohe Holzturm oder das „Most primitive scouting experience“, kurz MPSE. Das war ein in einem kleinen Waldstück vom restlichen Lager abgeschotteter Bereich, wo sich wirklich nur Holzbauten und Zeltkonstruktionen befanden. Kein Strom, kein Plastik, keine Metallstangen. Das dortige Programm entsprach eher dem, was wir als bündisch geprägte deutsche Pfadfinder unter „Pfadfinden“ verstehen. Bei der Station „Feuer machen“ überraschte mich zum Beispiel, dass einige asiatische Pfadfinder wohl dort zum ersten Mal in ihrem Leben ein Feuer entzündet haben. Für die war das dann ein entsprechend großes Erlebnis.

Kommen wir zum eigentlichen Großlager, welche Rolle haben dort Neue Medien gespielt?

In jedem der vier Unterlager gab es einen Marktplatz mit einem Internetcafé. Dort tauschte man sich nicht nur mit dem Rest der Welt per Email aus, sondern fügte seinem Facebook-Profil gleich die neuen Freunde vom Lager hinzu. Dazu hatten viele Teilnehmer selbst gemachte Visitenkarten mit ihren Kontaktdaten dabei.

Wir stark wurden denn die angebotenen Neuen Medien wie z.B. Computer und Internet auf dem Lager genutzt?

Bei 25 bis 30 Computern pro Unterlager waren die Internetcafés stets gut besucht und es gab oft Warteschlangen. Dort musste man allerdings nicht unbedingt hin, weil es auf dem ganzen Platz WLAN gab. Viele nutzten dieses mit ihrem Smartphone, denn es gab eine eigene Jamboree-App! Diese hatte eine GPS-Funktion, mit der man auf einer Karte sehen konnte, wo man gerade seine Freunde auf dem Lager treffen konnte. Natürlich waren dann dauernd die Handyakkus leer, weshalb es eigene Handyladeposten gab, an denen man sein Handy aufladen konnte. Lustigerweise gab es in Bezug zum Motto „Simply Scouting“ auch die Möglichkeit, sein Handy per Fahrrad und Dynamo aufzuladen, aber das war mehr ein Gag.

Gab es noch weitere Angebote auf dem Lager, die auf normalen Lagern eher unüblich sind?

Zunächst sollte es gar kein Bargeld auf dem Lager geben, alles sollte über Geldkarten bezahlt werden. Die Karte konnte vorher über die Jamboreehomepage oder in der Lagerbank aufgeladen werden, z.B. von den Eltern, die damit das Budget ihres Kindes kontrollieren konnten. Allerdings gab es anfangs ein paar Probleme mit dem System, weshalb es nicht ganz ohne Bargeld ging. Ungewöhnlich war ein richtiges Planetarium, das in einem aufblasbaren Zelt untergebracht war. Außerdem gab es viele Geocaching-Events, bei denen Caches auf dem Lager versteckt waren. Einige Leute konnten bei besonderen Treffen auch ihre Travelbugs austauschen (siehe dazu in diesem laru den Artikel von Timo über das Geocaching). Neben dem Internet gab es auch ein eigenes Lagerradio und das Lagerfernsehen. Um 8 Uhr abends wurden Tagesberichte auf den vielen Leinwänden gezeigt, zusätzlich gab es natürlich die alt bekannte Lagerzeitung.

Sind Neue Medien und die Methode Pfadfinden in Deinen Augen Gegensätze?

Ich habe gesehen, dass Pfadfinderei auf der Welt ganz unterschiedlich ausgelebt werden kann, siehe die Pfadfinder, die zum ersten Mal Feuer machen. Aufgrund der Größe des Lagers mit über 40.000 Teilnehmern hatte das oft ein Festival-Charakter, auf dem man viele unbekannte Leute trifft und mit ihnen feiert. Die neue Technik und die bündisch geprägte einfache Lebensweise prallen auf so einem Lager natürlich schon aufeinander. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich das einfache Lagerleben, wie ich es auch von unseren Stammeslagern kenne, deutlich schöner finde. So war das MPSE ein schöner Ruhepool für mich, um mich mal von der Hektik und dem ganzen Trubel des restlichen Lagers zu erholen. Aber so ein Jamboree hat man ja auch nicht alle Tage. Von daher war dies schon ein sehr schönes Erlebnis.

Gab es für Dich auf dem Jamboree auch Momente, in denen Du Dir gesagt hast, hier geht es mit dem Technikschnickschnack jetzt zu weit?

Das WLAN auf dem ganzen Platz hatte zur Folge, dass oft Leute ihr Smartphone gezückt haben, um dort irgendwelche Informationen nachzuschlagen, anstatt einfach mal mit Anderen ins Gespräch zu kommen. Egal ob mitten auf der Wiese, bei der Arbeit oder im Zelt auf der Isomatte. Das war schon störend. WLAN hätte man meiner Meinung nach auf die Marktplätze beschränken können.

Ein Jamboree ohne Internet, auch in der Planungsphase, würde Dich das reizen?

Ich glaube nicht, dass das noch möglich ist. Nur per Telefon, Brief und Fax ist so ein Lager nicht mehr realisierbar. Gerade per Email habe ich viele Dinge schnell und einfach klären können. Außerdem wurde die Internetseite des Lagers mit vielen Vorabinfos und Beiträgen vom Lager gefüllt. Gerade für die Öffentlichkeitsarbeit war das wichtig, da gab es vor dem eigentlichen Start jeden Tag eine Grußbotschaft eines der teilnehmenden Länder. Leider wurde in Deutschland nur sehr wenig über das Jamboree in den großen Medien berichtet. Das beschränkte sich ja meist auf die Berichte in den Lokalzeitungen über die dortigen Gruppen. Das sieht in anderen Ländern ganz anders aus, in denen Pfadfinder viel bekannter sind. Bear Grylls als Chief Scout der englischen Pfadfinder produziert sogar eine eigene Fernsehdokureihe über das Leben in der Wildnis.

Baden-Powell hat das Pfadfinden immer als ein Mittel der Völkerverständigung gesehen. Sicherlich hast Du ein paar Pfadfinder aus anderen Ländern kennen gelernt. Bleibst Du mit denen auch weiterhin in Kontakt?

Ich habe noch Emailkontakt zu einigen Leuten, aber ich würde nicht sagen, dass das jetzt tiefergehend ist und in der Zukunft viel passieren wird, außer dass man versuchen möchte sich auf dem nächsten Jamboree wiederzutreffen. Facebook würde da den Kontakt sicherlich vereinfachen, wenn ich denn ein Facebook- Konto hätte.

Ich danke Dir für das Gespräch.

 Das Interview mit Nicklas Samuelsson führte Mika am 02. September 2011 mit Papier und Bleistift vor der Jagdhütte Hasbruch bei Ganderkesee.

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