Der schnelle Ruf nach falschen Lösungen

Führungszeugnisse für Ehrenamtliche? Wie Jugendverbände zur Prävention vor sexualisierter Gewalt beitragen können – und was sie dafür brauchen.

von Pino

Spätestens seit den Vorfällen während einer Ferienfreizeit des Stadtsportbundes Osnabrück im Sommer 2010 auf der Insel Ameland, sind auch die Jugendverbände beim Thema „sexualisierte Gewalt“ massiv in den Fokus der medialen Öffentlichkeit gerückt. Als Konsequenz hat unter anderem Bundesfamilienministerin Schröder ein verpflichtendes, erweitertes Führungszeugnis für alle haupt- und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen in Jugendeinrichtungen und –verbänden gefordert. Die Jugendverbände stehen der Forderung nach Führungszeugnissen für Ehrenamtliche jedoch ablehnend gegenüber: die Aussagekraft ist insbesondere bei Jugendlichen fragwürdig. Jugendverbandsarbeit ist deutlich weniger von Abhängigkeitsverhältnissen geprägt, durch die sexuelle Übergriffe begünstigt werden, als andere Arbeitsfelder der Jugendhilfe, zwischen Ehrenamtlichen und Teilnehmenden bestehen teilweise fließende Übergänge, nichtformalisierte Zugänge zu ehrenamtlichem Engagement werden geschwächt bzw. verhindert (insbesondere spontanes Engagement), der notwendige Verwaltungsaufwand wäre nicht leistbar und eine angemessene datenschutzrechtliche Handhabung wäre nicht sicherzustellen. Im Ergebnis kommen die Jugendverbände zu dem Schluss, dass hinsichtlich Zweck und Wirkung kein angemessenes Verhältnis besteht und lediglich ein falsches Sicherheitsgefühl vermittelt wird. Vor allem aber: zur Prävention vor sexualisierter Gewalt in Jugendverbänden existieren mildere und gleichzeitig erfolgversprechendere Instrumente!

Schweigen schützt nur die Täter!

Es gab auch bei uns im BdP vereinzelt sexuelle Übergriffe, und sicherlich werden wir uns auch zukünftig mit solchen Fällen beschäftigen müssen. Beim Verfassen dieses Artikels stellte sich mir allerdings die Frage, ob ich das schreiben kann, oder ob ich damit nicht unsere Mitglieder und ihre Eltern verunsichere und schließlich all denen einen Gefallen tue, die ein erweitertes Führungszeugnis für Ehrenamtliche fordern? Doch halte ich jedwedes Schweigen zu sexualisierter Gewalt, außer im Interesse der Opfer, für einen Fehler, der lediglich den Tätern zugutekommt und keinesfalls dazu beiträgt, sexuelle Übergriffe zu verhindern – im Gegenteil: Schweigen leistet weiteren Taten Vorschub!

Wer sich mit sexualisierter Gewalt beschäftigt erkennt, dass Jugendverbände sich mit der Thematik auseinandersetzen müssen! Schließlich ist sexualisierte Gewalt ein gesellschaftliches Problem: Aus sozialwissenschaftlichen Studien geht hervor, dass zwei Drittel aller befragten Mädchen und jeder vierte befragte Junge im Alter von 16 bis 17 Jahren mindestens einmal unfreiwillige sexuelle Erfahrungen gemacht haben. Jährlich werden ca. 16.000 Strafanzeigen wegen sexuellen Missbrauchs erstattet. Bei einer angenommenen Dunkelziffer von 1 zu 20 würden sich 320.000 Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs pro Jahr ergeben. Sowohl Täter (zu 80 – 90% männlich) als auch Opfer (zu 2/3 weiblich) stammen aus allen sozialen Schichten. Nur wenige der Täter sind im medizinischen Sinne psychisch gestört, oft werden sie für besonders nett, charmant, engagiert, sozial, liebevoll gehalten. Das Vorgehen erwachsener Täter ist meist zielgerichtet und geplant. 30 bis 60% der Täter sowie etwa 75% der Täterinnen wurden als Kind selbst „missbraucht“, 70 – 80% der TäterInnen kommen aus dem sozialen Nahraum: Verwandte, Bekannte, Vertrauenspersonen.

Auch Kinder und Jugendliche können Täter sein

In unseren Gruppenstunden, auf Fahrt, im Lager oder auf Kursen und Seminaren haben wir es mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die während der Pubertät mit verschiedenen „Baustellen“ zu kämpfen haben (Körper, Gehirn, Psyche, Hormone). In der Jugendphase entwickelt sich die eigene Geschlechterrolle und es kommt zum Aufbau sozialer Bindungen und partnerschaftlicher Beziehungen. Es entwickeln sich intellektuelle und soziale Kompetenzen sowie eigene Handlungsmuster und Lebensstile und schließlich ein eigenes Werte- und Normsystem. „Große Gefühle“, „Anders sein“ um jeden Preis, Suche nach der eigenen Sexualität, Kampf mit dem eigenen Körper, Wunsch nach Nähe und gleichzeitig Wunsch nach Alleinsein, Autonomiebestrebungen oder mitunter hohes Risikoverhalten etwa sind Merkmale, die jeder von uns aus seiner eigenen Jugend kennt. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (viele Optionen und wenig Sicherheiten, fehlende Abgrenzungsmöglichkeiten zu Erwachsenen etc.) sowie medial beförderte Erwartungen an Geschlechterrollen und Körper erschweren es den Heranwachsenden zusätzlich, ihren Entwicklungsaufgaben gerecht zu werden. Hinzu kommen unterschiedliche kulturelle Hintergründe mit ihren jeweils eigenen Wert- und Normsystemen. Auch ist nicht jeder gleich weit entwickelt und so fällt es mitunter schwer, die eigenen Bedürfnisse angemessen zu kommunizieren und zu befriedigen – Missverständnisse sind keine Seltenheit und nicht jeder sexuelle Übergriff unter Jugendlichen ist gewollt. Zwar hält sich die Mehrheit der Jugendlichen für ausreichend aufgeklärt, was die körperlichen Vorgänge angeht. Fragen zu sexuellen Praktiken oder „Liebe und Zärtlichkeit“ können bzw. werden im Kontext von Elternhaus und Schule, als wesentliche Aufklärungsinstanzen, aber selten behandelt oder befriedigend beantwortet. Hier spielt die Gruppe der Gleichaltrigen die wichtigste Rolle.

Unsere Verantwortung als Jugendverband

Die Thematik sexualisierter Gewalt betrifft uns nicht nur, weil wir als Jugendverband mitten in der Gesellschaft agieren und unsere Mitglieder in einer Gesellschaft leben, in der viele bereits Erfahrungen von verbalen sexuellen Belästigungen bis hin zu Vergewaltigungen gemacht haben. Besonders unsere jungen Mitglieder sind aufgrund ihres Alters, ihrer Unerfahrenheit und Verletzlichkeit sowie ihrer Unvoreingenommenheit „leichte Beute“, vor allem für erwachsene Täter. Dass Kinder und Jugendliche nicht nur Opfer sexueller Übergriffe von Erwachsenen werden, sondern dass etwa 25% der sexuellen Übergriffe durch Jugendliche selbst verübt werden, wurde lange Zeit kaum thematisiert. Der Vorfall auf Ameland zeigt aber, dass wir uns als Jugendverband (und als Gesellschaft) auch dieser Tatsache annehmen müssen und uns nicht nur auf erwachsene Täter fokussieren dürfen. Unsere Verantwortung als Jugendverband ist es, Kindern und Jugendlichen einen geschützten Rahmen zu bieten, in dem ihre individuellen Grenzen gewahrt bleiben, und mittels dessen wir unserem gesetzlichen Auftrag (vgl. Kinder- und Jugendhilfegesetz bzw. SGB VIII) nachkommen: jungen Menschen die zur Förderung ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote zur Verfügung zu stellen, die an ihren Interessen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden, sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung sowie zu sozialem Engagement anregen und hinführen. Unsere Verantwortung und unser pädagogischer Auftrag erstreckt sich jedoch gleichfalls auf die jugendlichen Täter in unseren Reihen – auch wenn unsere Solidarität und unser Hauptaugenmerk in erster Linie den Opfern gelten muss und einer Beschäftigung mit den Tätern Grenzen gesetzt sind – vor allem, wenn es darum geht, unsere Mitglieder zu schützen! Allerdings: indem wir hinschauen und die jugendlichen Täter, die meist keine Mehrfachtäter sind, nicht bloß verteufeln, sondern uns in dem uns möglichen Rahmen auch mit ihnen und ihren Motiven beschäftigen, helfen wir nicht nur weitere Taten zu verhindern, sondern helfen auch denjenigen unter ihnen, die über ihr Handeln selbst erschrocken sind.

Von Prävention…

Die Grenze zwischen einer als schön erlebten Situation und einem sexuellen Übergriff ist oft fließend, sie ist für Kinder und Jugendliche mitunter schwer zu benennen und von außen teilweise schwer zu erkennen. Für unsere Gruppenarbeit und Ausbildung bedeutet dies, unsere Mitglieder für die Thematik zu sensibilisieren, sie zu ermuntern, über erlittene Misshandlungen oder Bedrohungen zu sprechen, und sowohl unseren Führungskräften (die ja meist selbst noch Jugendliche oder Heranwachsende sind) als auch unseren Gruppenmitgliedern Wissen über Hintergründe von sexuellen Übergriffen zu vermitteln und darüber, wie sie sich verhalten bzw. wehren können. Wir müssen verdeutlichen, dass alle Menschen das Recht auf Respekt, Selbstbestimmung, Gewaltfreiheit, Hilfe und Unterstützung haben – jeder bestimmt selbst, was mit seinem Körper passiert! Hauptziel unserer Präventionsarbeit muss es aber sein, eine Kultur zu schaffen, in der es als selbstverständlich angesehen wird, sexualisierte Gewalt genauso wie andere Gewaltformen wahr zu nehmen, ernst zu nehmen und nicht zu dulden (im BdP und in der Gesellschaft)! Der beste Schutz vor sexualisierter Gewalt und vor anderen Gewaltformen ist die Förderung einer selbstbestimmten Persönlichkeit – diese entspricht nicht zuletzt unserem Selbstverständnis und ist in unserer pädagogischen Konzeption explizit benannt. Die Lebenswelten unserer Mitglieder müssen dabei berücksichtigt und ihre unterschiedlichen Kompetenzen und Ressourcen einbezogen werden. Als Führungskräfte und Teamer müssen wir uns dabei auch mit unserer eigenen Lebenswelt, unseren eigenen Vorstellungen und Haltungen, unseren Vorlieben und Abneigungen oder unseren Fähigkeiten und Schwächen auseinandersetzen. Dazu gehören Themenbereiche wie Umgang mit Gefühlen, Kommunikation, Stärken und Schwächen, Körper- und Selbstwahrnehmung, Liebe, Freundschaft und Sexualität, Grenzen und Gewalt. Bei alledem ist es wichtig, den Kindern und Jugendlichen Mut zu machen und keine Angst, denn Sexualität ist und bleibt trotz allem eine schöne Sache!

…bis zu konkreter Hilfe

Schließlich müssen wir unseren Mitgliedern im Ernstfall konkrete Hilfe- und Unterstützungsangebote machen bzw. aufzeigen. Diesbezüglich gilt es jedoch vor allem Ruhe zu bewahren, denn mit (sicherlich gut gemeintem) hektischem Aktionismus ist niemandem gedient, am wenigsten den Opfern! Zu groß sind Scham- und Schuldgefühle, Angst vor Ausgrenzung und Stigmatisierung, Angst vor Kontrollverlust (deshalb insbesondere keine Konfrontation mit dem Täter!), Angst, nicht ernst genommen zu werden, Angst vor dem Verlust neu erworbener Freiheiten (z. B. endlich alleine ausgehen dürfen) oder einfach Angst vor dem Klischee des „Opfers“. Nehmen wir Tatvorwürfe nicht ernst, weisen wir Opfern gar eine Mitschuld zu, sind wir in unserem Handeln nicht transparent oder versprechen wir Dinge, die wir nicht halten können, tragen wir dazu bei, dass die Opfer sexualisierter Gewalt über das schweigen, was ihnen passiert ist – und das schützt lediglich die Täter. Niemand erwartet von euch, dass ihr einen Verdacht oder einen erfolgten Übergriff alleine aufarbeitet, das sollt ihr gar nicht, denn dafür gibt es ausgebildete Fachleute. Deshalb: holt euch Hilfe, falls es bei euch zu einem sexuellen Übergriff gekommen ist oder ihr einen Verdacht habt!

Was wir wollen…

Wir wollen hinschauen und unsere Mitglieder schützen. Wir wollen nötigenfalls eingreifen und uns mit sexuellen Übergriffen in unseren Reihen auseinandersetzen. Wir wollen solidarisch mit den Opfern sein, und sollten dabei die Täter nicht aus den Augen verlieren. Wir wollen uns und unsere Arbeit weiterentwickeln, indem wir die Thematik z.B. in unseren Ausbildungskursen behandeln und unsere Anstrengungen reflektieren. Auf Bundes- und Landesebene existieren verschiedene Arbeitskreise und Ansprechpartnerinnen, darüber hinaus gibt es gute Arbeitshilfen und Veranstaltungen, in denen sexualisierte Gewalt thematisiert wird und Hilfestellungen gegeben werden. Der Schwerpunkt unserer Arbeit, nämlich die Förderung von Selbstbestimmtheit und Lebenskompetenz, liegt jedoch – zumindest im Hinblick auf die Breitenwirkung – in den Gruppen vor Ort. Besonders dort, im Gruppenalltag sowie auf Fahrt und Lager, zeigt sich unter dem Begriff „informelle Bildung“ die Stärke der Jugendverbände: dieses Prinzip des eigenverantwortlichen Lernens, das, anders als in der Schule, durch Freiwilligkeit und Selbstbestimmtheit gekennzeichnet ist, und das dazu beiträgt, die Lebenskompetenz von Kindern und Jugendlichen zu fördern, sie somit auch vor sexuellen Übergriffen zu schützen. Denn nur wer selbstbewusst ist, kann sich sicher und klar für seine Rechte und Grenzen einsetzen – und respektiert die Rechte und Grenzen anderer!

…und was wir brauchen!

Anders als in mehreren anderen Bundesländern wurden die Landeszuschüsse für Bildungsveranstaltungen, Personal und Verwaltung für die Jugendverbände in Niedersachsen in den letzten Jahren zwar nicht gekürzt, inflationsbereinigt ergeben sich jedoch auch hier stetig sinkende Zuschüsse – und in den Kommunen wird schon länger in „schöner“ Regelmäßigkeit bei den Zuschüssen für Jugendgruppen und Freizeitmaßnahmen gekürzt. Vom Land oder den Kommunen zur Verfügung gestellte Projektmittel sind zwar schön, können die real sinkenden oder gekürzten Zuschüsse aber nicht ausgleichen oder gar ersetzen. Auch wenn Geld nicht das Heilmittel für die Probleme dieser Gesellschaft ist. Angesichts der Ziele und Inhalte der Jugendverbandsarbeit sowie ihrer Bedeutung für die Kinder und Jugendlichen gilt es, (nicht nur) hinsichtlich der Prävention vor sexualisierter Gewalt, auf jeder Ebene eine ausreichende und verlässliche finanzielle Förderung sicher zu stellen. Denn Jugendarbeit kann und will ihren Teil zur Prävention vor sexualisierter Gewalt beitragen – Zuschusskürzungen und fragwürdige „Schnellschüsse“ wie der Ruf nach einem erweiterten Führungszeugnis für ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter helfen ihr dabei allerdings nicht!

Weitere Informationen zum Ameland-Vorfall

 Hilfe und Unterstützung zum Thema sexualisierte Gewalt

  • AK „Intakt“: http://tinyurl.com/akintakt
  • AK „Dranbleiben“ (BdP LV Nds):dranbleiben @ nds.pfadfinden.de
  • Landesgeschäftsstelle des BdP LV Niedersachsen: 0441 – 882304, lgs @ nds.pfadfinden.de
  • Beratungsstellen, wie z. B. Wildwasser, Pro Familia, Zartbitter findet ihr in eurem örtlichen Telefonbuch oder im Internet.

Ausführlich zur Kritik am erweiterten Führungszeugnis für Ehrenamtliche: http://tinyurl.com/fzeugnis

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