Der Klotz

Sechzehn niedersächsische R/R’s und ein Holzklotz auf Bildungsfahrt in Berlin.

von Julia und Pino

In unserer Landesgeschäftsstelle (LGS) in Oldenburg hängt im Flur schon seit Jahren ein selbstgebauter Setzkasten mit mehreren Holzklötzen. Einige von diesen Klötzen sind von Mitgliedern unseres Landesverbandes individuell gestaltet worden. Als wir uns zu fünft am Vorabend der Berlin-Fahrt in der LGS trafen, entstand die Idee, einen der noch nicht gestalteten Holzklötze mit auf die Fahrt zu nehmen, damit er den Besuchern später von unseren Erlebnissen in Berlin berichten kann. Für alle, denen er noch nicht von der Fahrt berichten konnte, haben wir hier seine Erlebnisse aufgeschrieben.

Was wären sechzehn R/R’s ohne die LB Wölflinge?

Am 23. März 2011 ging es für unsere Gruppe von Hannover aus, wo wir uns trafen, nach Berlin. Dort angekommen mussten wir uns gleich der ersten Herausforderung stellen: U-Bahn fahren! Man sollte glauben, eine Gruppe von 16 R/R´s bekommt das mit Leichtigkeit hin… Zum Glück hatten wir Lea, die als ehemalige LB Wölflinge erfahren genug war, uns sicher zu unserer Unterkunft am Insulaner zu führen. Dieser Abenteuerspielplatz wird vom Pfadfinderbund Weltenbummler betrieben. Gleich um die Ecke, in Steglitz, wurde am 04. November 1901 übrigens der „Wandervogel- Ausschuß für Schülerfahrten e.V.“ gegründet. Wie sich später herausstellte, hatten wir mit Lea einen Glücksgriff getan, was das Lesen von Nahverkehrsplänen angeht.
Nachdem wir uns in einer Holzhütte sowie in zwei Bauwagen eingerichtet und in der schönsten Märzsonne Mittag gegessen hatten, ging es als erstes zur „Story Of Berlin“, einer etwas überladenen Multimedia-Ausstellung zur Geschichte von Berlin, inklusive eines Atombunkers aus dem Kalten Krieg: interessant aber auch anstrengend. Abends kam uns Ulrike besuchen, die derzeit in Berlin lebt. Gemeinsam mit Schrat, der auf seine unnachahmliche Art so manche Geschichte und einige Lieder beitrug, verbrachten wir einen angenehmen Singeabend. Schrat verstarb leider kurze Zeit später und unerwartet während eines Pfadfinderlagers – wir hatten Glück, ihn noch kennenzulernen.

Mit Sicherheit…?

Am nächsten Vormittag machten wir uns auf zum Deutschen Bundestag, wo wir uns mit Karin Dittrich-Brauner von der Stiftung Pfadfinden, die unsere Fahrt bezuschusst hat, sowie mit Maike trafen, die zu der Zeit ein Praktikum in Berlin machte. Nachdem wir die etwas übertriebenen Sicherheitsschleusen passiert hatten, wobei wir meist unhöflich behandelt wurden und teilweise hinter der Hand geflüsterte Lästereien der Bundestagsmitarbeiter mitbekamen – das Überlegenheitsgefühl sei ihnen gegönnt –, wurden wir zunächst in den Plenarsaal begleitet. Unseren Klotz mussten wir, da er als Wurfgeschoss eingestuft wurde, am Eingang abgeben. In der Plenardebatte wurde gerade das Thema Atomkraft behandelt, was insofern „spannend“ war, als kurz zuvor die Atomkatastrophe in Fukushima stattgefunden hatte. Angesichts der bedrückenden Bilder aus Japan und des Atommoratoriums zur Überprüfung der deutschen Atomkraftwerke, bei dem eine Stilllegung der deutschen Atommeiler ja nicht ausgeschlossen wurde, erstaunte es uns umso mehr, dass einige Abgeordnete keine Probleme hatten, eine milliardenschwere Bundes-Bürgschaft für den Bau eines brasilianischen Atomkraftwerkes zu befürworten, welches nicht nur über einen veralteten Technikstandard verfügt, sondern auch in einem unsicheren Gebiet nahe einer Steilküste erbaut werden soll. Im Anschluss an die Plenarsitzung wurden wir von Sven-Christian Kindler zu einem Gespräch abgeholt. Sven, selbst Pfadfinder in unserem Landesverband, sitzt seit Oktober 2010 für das Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag. Wir konnten ihm Fragen stellen, die wir uns vorher überlegt hatten und bekamen bereitwillige und ehrliche Antworten. Es war ein nettes Gespräch, das durchaus noch länger hätte gehen können. Da aber die nächste Besuchergruppe vor dem Raum wartete, machten wir uns mit Sven auf den Weg zur Reichstagskuppel, wo noch Zeit für einen Plausch und ein paar Bilder war. Auf dem Weg aus dem Bundestag zum Mittagessen in die Besucherkantine hat sich das übertriebene Sicherheitssystem des Bundestages für kurze Zeit selbst überlistet: wir waren allein unterwegs! Niemand, der uns begleitete, und von der Polizei in der äußeren Sicherheitszone nur deshalb nicht verhaftet, weil sie uns wegen unseres auffälligen Äußeren aus dem Bundestag hat kommen sehen. Manche von uns hatten nach dem Bundestagsbesuch den Eindruck, dass Besucher nicht erwünscht sind – dabei soll das Besuchsprogramm des Bundestages eigentlich das Demokratieverständnis fördern…
Nach einer kurzen Reflexion zum Bundestagsbesuch (natürlich wieder mit dem Klotz) und einer Kaffeeeinladung von Karin teilten wir uns auf, um die Stadt auf eigene Faust zu entdecken. Unter anderem trieb es uns zum Checkpoint Charly, einem Stück der alten Mauer und zum Currywurst essen nach Kreuzberg. Ein schöner Tag ging zu Ende.

..oder mit Zusammenhalt und Respekt!

Der nächste Tag war Kundschaftstag. Vorher stand aber noch ein Besuch in der Erlebnisausstellung „7xjung“ an, die sich als „Trainingsplatz für Zusammenhalt und Respekt“ versteht und in wirklich gelungener Weise die Erfahrungen von Ausgrenzung, Antisemitismus und Diskriminierung behandelt. Wer mit einer Gruppe nach Berlin fährt, sollte die Ausstellung unbedingt besuchen! Da wir uns auf dem Weg zu „7xjung“ schon verspätet hatten und unserem Zeitplan stark hinterher hingen, mussten wir uns beeilen, um noch pünktlich bei unseren Kundschaftsterminen anzukommen: Street Art bzw. Graffitti, Streetwork mit Wohnungslosen (Jesko Wrede mal von einer anderen Seite) inklusive eines Besuchs in der Bahnhofsmission sowie Migration und Umweltschutz. Während die Kundschaft zu StreetArt tatsächlich sehr interessant war, war die andere zwar erlebnisreich und schockierend zugleich (zumal ein Mitarbeiter in der Bahnhofsmission offensichtlich noch nichts von der Verschwiegen gehört hatte) und die dritte leider nicht so mitreißend. Am Abend haben wir uns gegenseitig von unseren Kundschaften berichtet und gemeinsam gesungen – ein stressiger Tag ging angenehm zu Ende.

Steigbügelhalter der Hiltlerjugend?

Unseren letzten Tag begannen wir in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Unter dem Thema „Bündische Jugend und Pfadfinder im Widerstand“ schlug uns der uns zugeteilte Historiker hartnäckig um die Ohren, dass Pfadfinder die „Steigbügelhalter der Hitlerjugend“ gewesen und pfadfinderische Widerstandbestrebungen eine Mär seien – sämtliche unserer diesbezüglichen Kenntnisse in Pfadfindergeschichte waren für kurze Zeit demontiert, die Stimmung einerseits gedrückt, andererseits gereizt.
Im Anschluss daran hat sich die Gruppe noch einmal aufgeteilt. Einige besuchten das Holocaust-Mahnmal und sind zur Groß-Demo gegen Atomkraft gegangen, andere verbrachten die Zeit mit einem Kaffee in der Sonne auf einer Mauer in der Nähe des Bahnhofes. Treffpunkt zum Abschlusskreis war dann wieder der Bahnhof, wo wir unser Abschiedslied sangen, während neben uns die Menschen von der Demo zurückströmten.

Unser Fazit: Berlin bietet unglaublich viele Möglichkeiten für eine Fahrt und ist im Hinblick auf politische Bildung wohl DIE Stadt. Und trotz einiger Widrigkeiten hat die Fahrt riesig Spaß gemacht. Wer noch mehr über unsere Berlinfahrt erfahren möchte, kann sich in der LGS alles haarklein vom Klotz berichten lassen.

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