Würmerfressende Kommunisten

Als Pfadfinder werden wir immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert. Wie können wir damit umgehen?

von Kison
 

Sie essen Würmer und wohnen im Wald. Sie sind Nazis und Kommunisten und glauben alle felsenfest an Gott. Sie laufen ihr Leben lang nur in ihrer Uniform rum und trainieren für die Bundeswehr. Sie können alle Knoten und mit einem Streichholz bei stürmendem Regen ein großes Lagerfeuer machen. Sie würden nie in ihrem Leben auch nur daran denken, an einer Zigarette zu ziehen oder einen Schluck Alkohol zu trinken. Sie sind immer ordentlich, strebsam, diszipliniert, aber nicht sauber, sondern stinken, weil sie sich nicht waschen und ihre Uniform nie ausziehen. Sie reden gerne und viel, sind gute Schüler und vorbildliche Jugendliche. Sie sind alle männlich, denn sie tun nur Dinge wie Holz hacken. Sie wandern, wohnen im Wald, singen, sind den ganzen Tag fröhlich und mit der Welt voll und ganz zufrieden. Sie sind jung, dynamisch und werden nicht erwachsen. Und natürlich tragen sie den ganzen Tag alte Damen über Straßen, denn ihr Motto lautet: „Jeden Tag eine gute Tat!“

So etwas haben wir alle schon gehört. Und sicher hat auch jeder schon einmal eine Antwort darauf gesucht: „Nein, ich esse gerade ein Brot mit Käse, das siehst du doch!“ – „Nein, wir sind politisch unabhängig!“ – „Nein, ich habe heute morgen wie jeden Tag geduscht!“ – oder etwas ironisch: „Ja, stimmt, du hast total Recht, ich muss jetzt auch wieder weiter, da vorne steht eine alte Dame!“
Wie man persönlich damit umgeht, muss jedenfalls jede/r Pfadfinder/in selbst wissen. Was aber kann der BdP, der LV Niedersachsen oder jeder Stamm gegen solche Vorurteile tun?

Bevor man jetzt mit Feuereifer daran geht und versucht, alle Vorurteile zu zerstören und der Öffentlichkeit die Realität zu zeigen, ist es geboten, kurz inne zu halten und sich mit den Stereotypen an sich zu beschäftigen. Was sind das für Vorurteile? Woher kommen sie? Und ganz wichtig: Sind es negative oder positive Zuschreibungen? Vor allem, aber nicht nur aus der letzten Frage ergibt sich, dass wir nicht mit jedem Vorurteil gleich umgehen können!

Der widersprüchliche Pfadfinder

Man kann die Vorurteile in Kategorien einteilen, wie etwa politisch-religiös-weltanschauliche (z.B. „Nazis“) oder solche, die sich auf unsere Aktivitäten beziehen („wohnen im Wald“). Wenn man all diese Vorurteile zusammen nimmt, stellen wir fest, dass sie oft ein völlig falsches, verdrehtes und zum Teil widersprüchliches Bild von Pfadfindern vermitteln, denn im Wald, in dem wir wohnen, sind keine Straßen über die man alte Damen tragen kann. Schon allein deshalb ist es unwahrscheinlich, die gesamten Vorurteile in einer Person repräsentiert zu finden. Es ist eher so, dass sich bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Vorurteile finden – wer in der DDR mit der FDJ aufgewachsen ist, sieht in Pfadfinder/innen eher schon mal die SED-Jugend und nicht die politisch unabhängige Bewegung, die wir sind.

Ein Fünkchen Wahrheit?

Stellen wir uns nun die Frage, warum diese Stereotypen existieren und woher sie kommen. Allgemein hört man oft: In jedem Vorurteil steckt auch immer ein Fünkchen Wahrheit. Und das stimmt meistens: Es gibt Engländer, die gerne Tee trinken; es gibt Frauen, die gerne Schuhe kaufen; es gibt Pfadfinder, die auch mitten in der Nacht noch alle möglichen Knoten können. Aber wir wissen alle ganz genau, dass es genug Engländer gibt, die Tee hassen; dass es viele Frauen gibt, die sich über ihre schuhfanatischen Männer aufregen; dass es langjährige Pfadfinder gibt, die zwar den Kreuzknoten können, aber am Palstek scheitern.

Bei Knoten, „Jeden Tag eine gute Tat!“ und Ähnlichem ist es noch relativ deutlich. Manche Vorurteile erschließen sich aber nicht mal auf den zweiten Blick. Ich hatte schon angedeutet, dass es in der DDR statt Pfadfinderbünden die Freie Deutsche Jugend (FDJ) gab, die ähnliche Aktivitäten betrieben hat – nur eben politisch geprägt, und wenn man dann noch Kommunismus und Sozialismus verwechselt, sind Pfadfinder eben Kommunisten, weil man es so kennen gelernt hat. Doch nicht nur in der DDR gab es eine Staatsjugend; eine solche findet man in fast allen modernen Diktaturen, wie z.B. in China, Kuba, der Sowjetunion, und natürlich  dem bekanntestem Beispiel: in Nazi-Deutschland. Wer sich mit Pfadfindergeschichte beschäftigt, weiß, dass die NSDAP die Pfadfinderbünde relativ früh verboten hat, um ein Monopol auf die Ausbildung ihrer Jugendlichen zu haben. In der HJ wurden dann unter nationalsozialistischen Vorzeichen viele Aktivitäten und Arbeitsweisen der Bündischen Jugend und der Pfadfinderbewegung übernommen. Wer also nur die HJ bzw. FDJ kennt, der denkt bei Zeltlagern, Fackelläufen und Jugendlichen in Halstuch und „Uniform“ schnell an eben diese. Ähnlich historisch belegbar sind Sachen wie der Vorwurf des Militarismus (Training für Wehrdienst) und tiefe Religiosität. Freilich finden sich noch immer politische Jugendverbände, die die Pfadfinderidee und –methoden für ihre Zwecke missbrauchen; z.B. die kürzlich verbotene Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ).

Wir behalten lieber unser positives Bild

Es besteht kein Zweifel, dass diese politisch-religiös-weltanschaulichen Stereotypen uns schaden, weil wir genau in diesen Punkten Unabhängigkeit beanspruchen. Bei anderen muss man aber feststellen: Vielleicht ist es besser, wenn die Öffentlichkeit nicht die Realität zu Gesicht bekommt – das gilt z.B. für den Umgang mit Alkohol. Jeder ältere Pfadfinder weiß, dass auf einer großen Zahl von Lagern und Fahrten Alkohol getrunken wird.
Ganz egal, wie man jetzt dazu steht: Es ist nicht das, was man der Arbeitgeberin oder der Bürgermeisterin sagt, wenn sie fragt, was man bei den Pfadfindern so macht. Hier ist es also nicht sinnvoll, den Menschen die Realität vor die Nase zu setzen, wenn sie nicht mal fragen – zu erzählen, wir tränken nie Alkohol, wäre allerdings eine Lüge und deshalb schlecht, denn: „Ich will aufrichtig und zuverlässig sein“.
Wieder andere Vorurteile sind süß und schaden niemandem: „Sie sind jung, dynamisch und werden nicht erwachsen.“
Es besteht kein Zweifel, dass diese politisch-religiös-weltanschaulichen Stereotypen uns schaden, weil wir genau in diesen Punkten Unabhängigkeit beanspruchen. Bei anderen muss man aber feststellen: Vielleicht ist es besser, wenn die Öffentlichkeit nicht die Realität zu Gesicht bekommt – das gilt z.B. für den Umgang mit Alkohol. Jeder ältere Pfadfinder weiß, dass auf einer großen Zahl von Lagern und Fahrten Alkohol getrunken wird.
Ganz egal, wie man jetzt dazu steht: Es ist nicht das, was man der Arbeitgeberin oder der Bürgermeisterin sagt, wenn sie fragt, was man bei den Pfadfindern so macht. Hier ist es also nicht sinnvoll, den Menschen die Realität vor die Nase zu setzen, wenn sie nicht mal fragen – zu erzählen, wir tränken nie Alkohol, wäre allerdings eine Lüge und deshalb schlecht, denn: „Ich will aufrichtig und zuverlässig sein“.
Wieder andere Vorurteile sind süß und schaden niemandem: „Sie sind jung, dynamisch und werden nicht erwachsen.“

Schon wieder ein Zeitungsartikel?!

Wie aber bekämpfen wir die relevanten Vorurteile? Die ganz einfache Antwort lautet: Öffentlichkeitsarbeit! Und zwar auf allen Ebenen, weil es Dinge gibt, die Stämme eher leisten können, als der LV und andersrum. Wie genau soll das aber aussehen? Zeitungsberichte machen wir doch schon oft. Und jetzt?
Es geht nicht um irgendwelche Zeitungsartikel über die Großfahrt nach Rheinland-Pfalz oder das Lager in Sachsen. Die sind auch wichtig, aber dadurch bauen wir nur mittelbar Vorurteile ab, und zwar indem wir indirekt Mitglieder werben und diese dann die Realität sehen, wodurch der Anteil derjenigen mit Stereotypen sinkt. Dass das jedoch keine weitreichende Lösung ist, liegt nahe. Ein weiterer Verdienst des Großfahrtberichtes ist aber, dass der Stamm in den Medien repräsentiert wird: So wird der Öffentlichkeit bewusst, dass es so etwas überhaupt in dieser Stadt gibt.

„Henning, ich hab‘ das erste Mal in meinem Leben Pfadfinder gesehen!“

Pfadfinder – davon haben die meisten Menschen schon gehört, aber getroffen haben sie selten einen. Kommen daher die Vorurteile? Schließlich treffen die ausländerfeindlichen Stereotypen der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP) in den nahezu ausländerfreien Gegenden der Eidgenossenschaft auf offene Ohren. Natürlich gibt es keine wirkliche Anti-Pfadfinder-Bewegung, aber wer noch nie eine Pfadfinderin gesehen hat, der kennt nur Tick, Trick und Track oder eben die FDJ. Ich erinnere mich an ein Rentnerehepaar in Schleswig-Holstein, an dessen Tür wir klingelten, um unsere Wasserflaschen aufzufüllen… „Henning, ich hab das erste Mal in meinem Leben Pfadfinder gesehen“, rief die Frau an der Tür ins Haus, nachdem wir uns zu erkennen gegeben hatten. Henning kam prompt und wollte ein Photo machen.

Hier sind wir! Und das tun wir!

Jedenfalls muss einerseits ein grundsätzliches Bewusstsein da sein, dass Pfadfinder existieren – selbst welche zu kennen, baut eher Vorurteile ab. Also hilft es, zu zeigen, dass es uns gibt. Wie aber konkret Vorurteile über die Medien abbauen? Wenn zum Beispiel bald im März der Landesverband nach Berlin fährt, ist es klug, auf allen Wegen nicht nur zu zeigen: Pfadfinder vom BdP fahren in die Hauptstadt; sondern wir müssen auch zeigen, was wir da tun. „Demokratie und gesellschaftliche Mitverantwortung“ ist das Motto. Wer das und unsere konkrete Ausgestaltung davon liest, der lernt: Aha, Pfadfinder sind demokratisch. Wenn dann noch erzählt wird, dass wir nicht alle die Grünen oder die CDU wählen, dann wird es immer konkreter, präziser und besser, d.h. die Vorurteile verschwinden immer mehr.

Es lohnt sich auch mal, wenn in einer großen Zeitung ein Artikel mit Bild zu unserem Bundeslager abgedruckt ist, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe zu sehen sind. Eher kontraproduktiv ist dagegen ein Bild von einer Abendrunde um den Fahnenmast mit Deutschlandfahne und Fackeln – so schön das auch immer sein mag: Die Masse der Menschen fühlt sich da nicht an Demokratie, unabhängige Jugendarbeit und all die anderen Ideale erinnert, für die wir stehen; solche Bilder ähneln eher den Werbefilmen der neofaschistischen HDJ.
Wir sehen also: Es hängt oft einfach von Bildsprache ab, von Details – aber auch von Worten: Überlegt euch, was ihr in Interviews sagt! Denkt darüber nach, was ihr vermitteln wollt, was Pfadfinder abgrenzt und sprecht da auch von fehlendem Leistungsdruck (im Gegensatz zum Fußballverein), den ihr gut findet. Versucht immer die Realität darzustellen. Die meisten Zeitungsredakteure haben bisher nicht viel mit Pfadfinder/innen zu tun gehabt, finden das alles furchtbar spannend und saugen begierig auf, was ihr erzählt. Wenn ihr dann im Artikel Jan Müller statt Justus Müller heißt, ist das nicht so schlimm. Hauptsache, eure Worte wurden vorurteilsfrei dargestellt, denn, wenn das der Fall ist, wart ihr erfolgreich und habt den Redakteur seiner Vorurteile beraubt. Allerdings dürfen wir uns nicht der Illusion hingeben, Vorurteile ganz abschaffen zu können. Dafür benötigt es mehr. Bekanntermaßen gibt es ja auch Vorurteile über andere gesellschaftliche Gruppen, es ist oft die Rede von „die Türken, die Amis, die Schwulen, die da oben, die Juden“ und seit einigen Jahren auch immer öfter wieder „wir Deutschen“. Wir alle wissen, dass es den Arbeitslosen, die Deutsche und die Pfadfinderin an sich nicht gibt. Diese Verallgemeinerung ist ein wesentlicher Bestandteil jedes Vorurteils. Es zu lösen, ist also ein grundsätzliches Problem, an dem wir mit anpacken können und müssen.

Unsere Eigenheiten betonen

Wir sind der BdP! Wir müssen darauf achten, dass es Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder heißt und nicht Bund Deutscher Pfadfinder oder wie auch immer es in allen möglichen Medien ständig zu lesen ist! Wir müssen uns wirklich als BdP präsentieren, auch mal unsere Eigenheiten betonen – und wenn es nur das blau/gelbe Halstuch oder (tiefgründiger) unsere Interkonfessionalität ist! Natürlich gehören wir zu den Ringverbänden und damit zum Weltverband, das muss aber nicht immer gezeigt werden. Zwar wäre es für die meisten Menschen einfacher, wenn es nur einen Pfadfinderverband gäbe. Für uns – und da kann man auch mal an sich denken – ist es allerdings wichtig, dass wir uns als BdP zeigen. Die meisten Menschen verwirrt RDP und RdP nur noch mehr, weil sie zu BdP, DPSG, VCP, PSG und all den anderen Bünden noch hinzukommen!

Wie auch immer: Wann immer möglich, ist es wichtig zu zeigen, dass es nicht den Pfadfinder gibt, und dass dieser Pfadfinder nicht unbedingt männlicher Nazikommunist ist, der nur Würmer isst und alte Damen über Straße trägt. Am besten eignen sich dafür Gelegenheiten, die das Gegenteil zeigen. Platten Vorurteilen kann man platt begegnen. „Positive“ Vorurteile lasst lieber stehen, es muss nicht jeder Mensch wissen, wie viel Alkohol auf einem Bundeslager dann doch fließt. Was eine Stammesvollversammlung ist, nämlich gelebte Demokratie, will aber in jeder Regionalzeitung stehen.

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