Vierundzwanzig Stunden am Tag

Was es bedeutet Gruppenleiter zu sein – eine Verantwortung, die Angst machen kann.

von Fredi

Eine letzte Umarmung, die letzten Abschiedsworte, die Bustüren schließen sich, es geht los zum nächsten Lager. Manchmal fahren wir keine Stunde und schon klagt einer unserer Schützlinge über Heimweh. Manchmal auch erst auf dem Lager oder, wenn es gut läuft, gar nicht. Und dann?

Niemand von uns kann das vertraute Zuhause oder sogar die Eltern ersetzen, aber dennoch liegt es dann in unserer Verantwortung, dies zu tun. Die einen versuchen es mit den alt bewährten Heimwehpillen, doch wird der Schwindel oft schnell durchschaut. Genau dann wird einem bewusst, welches Vertrauen uns jene Eltern geben, wenn sie Ihre Kinder in unsere Obhut geben. Eine Verantwortung, die, wenn wir mal darüber nachdenken, eine solche Größe hat, dass sie einem regelrecht Angst machen kann.

Jeder von uns will, dass die Kinder daran Spaß haben, etwas mit den Pfadfindern zu unternehmen. Sie sollen von uns etwas lernen, so dass sie auf das Gelernte und auf sich stolz sind. Und zu guter Letzt sollen sie wieder sicher nach Hause gebracht werden.

Es ist nicht nur die Verantwortung, die wir für die Kinder haben, sondern auch für den Umgang miteinander, für das, was die Kinder in uns sehen und was wir für sie sind – eine zweite Familie, Geschwister die wir selbst sonst nicht haben, aber vor allem viele neue Freunde.

Das erste Mal richtige Verantwortung: der Leitwolf.

Als Wölfling geht man regelmäßig zu seinen Gruppenstunden, hat mit der Verantwortung noch nicht viel am Hut, ein wenig vielleicht für sich selbst und dass die Meutenführung nicht zu viel geärgert wird. Aber letztendlich muss man einfach nur Kind sein und sich bespaßen lassen. Ersten Kontakt mit der Verantwortung bekommt ein Wölfling auf dem ersten Lager, wo es darum geht, auf all seine Sachen aufzupassen, damit man am nächsten Tag ja nicht zum Trödelkönig gekürt wird. Wird ein Wölfling in der eigenen Meute zum Leitwolf gewählt, erfährt er zum ersten Mal bei den Pfadfindern, was es heißt, richtige Verantwortung zu übernehmen. Die Meutenführung soll unterstützt werden, und als Gewählter hat dieser das Vertrauen bekommen, dies gewissenhaft zu machen.

Irgendwann wird man Sippling und die Verantwortung wächst. Klar gibt es da immer noch die Sippenführung, die die größte Verantwortung trägt, doch ist man nun nicht mehr der kleine süße Wölfling, der sich mit seinem zartschmelzenden Blick aus jener brennzlichen Situation retten kann. Von nun an muss jeder Sippling nicht nur für sein Tun Verantwortung übernehmen, sondern auch für die Wölflinge, denn er ist als Älterer ein Vorbild für die Wölflinge.

Gruppenleiter sind auch nur Menschen.

Und dann kommt das Roverdasein –  die letzte Stufe in der Pfadfinderentwicklung. Als Gruppenleiter oder einfach nur freier Rover kann man etwas bewirken, weitergeben und vermitteln. Die „Kleinen“ sehen zu einem herauf, bewundern einen und sehen in uns ein Vorbild. In jedem Augenblick, wenn auch unbemerkt, wird zu einem herauf geschaut, stets nach dem Motto: „Wenn ich groß bin, will ich auch mal Rover werden…“. Und etwas werden zu wollen, zeugt von einer überzeugenden Präsentation und Vermittlung dieser Sache. Wenn die Kleinen nicht zu uns hinaufschauen können und nicht sehen, wie toll es ist, was wir machen und mit welcher Freude und Liebe wir dabei sind, so können sie dies selbst oft auch nicht übernehmen und hören früher oder später mit der Pfadfinderei auf. Es ist unsere Verantwortung, die Werte und Freuden, mit denen wir bei den Pfadfindern leben, gewissenhaft weiterzugeben und zu vermitteln, bewusst oder unbewusst.

Bei uns im Stamm werde ich liebevoll „Mami“ genannt, abends beim Lagerfeuer kommen die Kleinsten angekuschelt und suchen ein wenig heimische Nähe. Nach außen hin ist das unheimlich süß, doch gerade dort wird einem Gruppenleiter bewusst, wie wichtig wir den Kindern sind und dass sie zu uns hinauf sehen und uns als Vorbild wahrnehmen.

Wenn die „Großen“ Holz hacken oder schnitzen, schauen die „Kleinen“ ganz aufmerksam zu und fragen ihnen Löcher in den Bauch. Dann ist es also an der Zeit, all das Wissen zu vermitteln, was wir damals selbst gewissenhaft erfahren haben. Auf der einen Seite mit viel Liebe und Mühe, aber auf der anderen Seite auch mit einer wohlbedachten Distanz, um eine gewisse Grenze nicht zu überschreiten. Denn eine Verantwortung liegt nicht in unseren Händen – die Erziehung. Wir können den Kindern viel beibringen, zeigen und auf Dinge aufmerksam machen, aber wir können sie nicht erziehen, denn wir sind eben nicht die „Mami“. Wir als Gruppenleiter sind Menschen, die jüngere Mitmenschen auf einem bestimmten, zeitlich wohl begrenzten Lebensabschnitt begegnen, begleiten und vielleicht sogar verändern können, nicht mehr und nicht weniger. Mehr Verantwortung können wir für uns und andere nicht tragen, auch wenn wir stets und mit bestem Gewissen unsere Regel: „Ich will kritisch sein und Verantwortung übernehmen!“ bei den Pfadfindern tagtäglich leben.

Gruppenleiter bedeutet 24 Stunden am Tag Verantwortung.

Je älter jeder von uns wird, welche Position wir ausführen und je mehr Erfahrung wir sammeln, umso größer wird auch unsere Verantwortung für uns selbst und für unsere Mitmenschen. Wir tragen tagtäglich die Verantwortung dafür, was wir sind, was wir weitergeben und was andere in uns sehen. Jeder kann aussuchen, welche Position und welche damit verbundene Verantwortung man übernehmen möchte, je nachdem, wie viel man leisten kann und will.
Gruppenleiter zu sein bedeutet also: Verantwortung für sich selbst und für andere rund um die Uhr.

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