Die Last der freien Tat

Warum für die Pfadis Schuften Scheiße ist.

von Moritz

Ich gebe zu: Ein bisschen seltsam ist der Titel schon und ich muss wohl erklären, wie er zustande gekommen ist. Der Grund liegt in dem Thema, das mir die Redaktion des laru angetragen hat und über das ich mich bereiterklärt habe zu schreiben, ohne wirklich zu wissen, wie ich das Ganze angehen soll. Das Thema lautete: „Was bedeutet es, Funktionsträger zu sein? Leg den Fokus auf die Vereinbarkeit mit dem Privatleben; aus Sicht der Funktionsträger.“

Der Stammesführer zwingt mich!

Funktionsträger bin ich. Privatleben habe ich auch. Der Artikel ist ein Kinderspiel, dachte ich. Doch schon bald kamen die Zweifel und ich fragte mich: Moment! Privatleben und Pfadfinder, sind das nicht ein und dasselbe? Mache ich das tatsächlich nicht, weil ich es will? Was sollte mich dazu zwingen, welche unheimliche Macht sollte mich zu etwas bringen, was ich doch eigentlich gar nicht möchte? Wie kommt es, dass man sich in Gruppenleiterrunden so häufig gegenseitig vorklagt, wie viel man zu tun habe: „…und dann auch noch das Planungstreffen am Wochenende, das Stammeslager in zwei Wochen und dann ist auch schon wieder LV“. Warum sind „Pfadfinder“ Arbeit? Und warum trifft man eine Unterscheidung zwischen Privatleben und Gruppenleitertätigkeit? All das schoss mir durch den Kopf und das, was da so wirrte, war alles andere als klar und druckreif.

Denn, so überlegte ich mir, eigentlich sind wir doch vollkommen frei von äußeren Zwängen und obwohl wir uns immer einreden, irgendwer hätte uns zu irgendetwas überredet und eigentlich seien der Stammesführer, Kursleiter, LB oder einfach die Umstände schuld, so zwingt uns hier doch keiner. Niemand droht uns Gewalt an, wenn wir uns nicht zur Planung eines Lagers bereiterklären, die LL kommt nicht vorbei und steinigt uns öffentlich, wenn wir den nächsten K-Kurs nicht mitteamen und die Redaktion des laru wird auch keinen bei Wasser und Brot in eine Zelle sperren, damit er endlich einen Artikel für das nächste Heft fertigstellt (hoffentlich!). Nein, wir sind frei bei dem was wir tun und wenn wir frei sind von äußeren Zwängen, sollten wir vielleicht bei uns selber anfangen zu suchen.

Modeerscheinung Stress

Wo also liegt unser Problem? Empfinden wir es vielleicht als schick, viel zu tun zu haben und damit vor unseren Bekannten zu klagen? Wie häufig trauen wir uns heutzutage denn wirklich zu sagen „Ja, ich hab wirklich nix zu tun und ich will auch gar nix machen“ ohne dafür leicht irritierte Blicke zu ernten. Das sagt man nicht in unserer Leistungsgesellschaft. Also schimpfen wir munter drauflos auf die ganzen sogenannten Verpflichtungen. Aber das ganze schadet doch eher als dass es nützt. Denn wenn wir uns immer wieder einreden, dass das, was wir doch einmal aus freiem Willen und mit viel Lust angetreten haben, doch nur eine Pflichtaufgabe ist, die wir anderen zuliebe machen, dann glauben wir uns am Ende noch selber.

Freiheit = Last

In der jüngeren Geschichte wurde Freiheit immer wieder als Last empfunden, die freie Wahl als Überforderung oder Freiheit als Schutzlosigkeit umgedeutet. Das Verhältnis zum Freiheitsbegriff war fast immer ambivalent. Ähnlich geht es uns wohl mit unserer eigenen Freiheit. Sie ist uns ein wenig unheimlich, die freie Tat eine Belastung. Eingebunden und gebraucht zu werden ist beruhigender.

Wir haben Zeit!

Man mag mir jetzt vorwerfen, ich habe ein wenig am Thema vorbeigeschrieben und etwas plagt mich auch das schlechte Gewissen. Darum kommt jetzt zur Beruhigung aller kritischen Geister wenigstens ein versöhnliches Ende.
Man kann natürlich nicht leugnen, dass sich unser Bund schon lange davon entfernt hat ein lockerer Zusammenschluss von Leuten zu sein, die sich gerne unverbindlich zusammensetzen und ein wenig diskutieren, wie z. B. im letzten laru. Ein organisatorischer Apparat wie der unsrige kann durchaus einen gewissen Druck erzeugen, diese oder jene Aufgabe zu übernehmen. Auch die relativen Mehrbelastungen, die sich für viele jüngeren Gruppenleiter durch das „Turbo – Abi“ und für die Studenten durch die Umformung der Universitäten ergeben, werden unumwunden zugegeben. Auch ich stöhne häufig und nerve regelmäßig mein Umfeld mit hektischer Betriebsamkeit, wenn mal wieder ein KfM oder ein Seminar ansteht. Aber lasst uns doch nicht die Verhältnismäßigkeit vollkommen aus den Augen verlieren. Wir haben genug Zeit und noch immer haben wir den Drang etwas zu schaffen, etwas zu kreieren, Einfluss zu nehmen, uns zu verwirklichen (oder etwa nicht?). Das ständige Reden darüber, man habe keine Zeit, ist ein Symptom unserer Epoche und daher wahrscheinlich nicht ganz wegzubekommen.
Aber ich glaube, ab und zu sollte man sich auf den Boden zurückzuholen und sich daran erinnern, dass wir das, was wir machen, auch wenn es mal kein Spaß ist, doch aus Überzeugung tun.

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