Der richtige Standpunkt

Die Diskussion um den Umgang mit vermeintlich rechten Bünden hat Fahrt aufgenommen. Die Stimmen mehren sich, die vor einer pauschalen Verurteilung warnen und die Aufgabe des Landesvorstandes, Position zu beziehen, wird offen in Frage gestellt. Wo ist eigentlich das Problem?

von Chrise

Kürzlich erhielt ich eine Einladung. Der BdP-Landesverband Schleswig-Holstein/Hamburg lädt im Hamburger Ortsteil Ottensen zum „Ottensënger Fest“, einer Alternativveranstaltung zum Hamburger Singewettstreit. Einen Singewettstreit soll es geben, Diskussionsforen und natürlich eine Nachfeier. Auch die passive Teilnahme „völkisch-nationalistischer und neurechter Jugendbünde“ am Hamburger Singewettstreit sei nicht tolerierbar. Zwar habe es als Reaktion auf einen offenen Brief, den im letzten Jahr der Großteil der Landesvorsitzenden des BdP an den Vorbereitungskreis des Hamburger Singewettstreits geschrieben hatten, noch keine akzeptable Lösung gegeben, in Richtung 2012 gebe es aber positive Entwicklungen.

Beim „Ottensënger Fest“ will man Zeichen setzen

Beim „Ottensënger Fest“ will man Zeichen setzen, da ist die Einladung ganz unmissverständlich: „Nach § 6 Abs. 1 Versammlungsgesetz schließen die Veranstaltenden Mitglieder der folgenden Gruppierungen von der Veranstaltung aus: Freibund, Sturmvogel, Deutscher Mädelwanderbund, Die Fahrenden Gesellen und Deutsche Gildenschaft. Die Veranstaltenden behalten sich selbstverständlich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen.“ Wums. Das sind im Groben dieselben Gruppen, die in Jeskos Buch Wer trägt die schwarze Fahne dort? zu neurechten bündischen Gruppen am Schlechtesten wegkommen, die, die mit großer Mehrheit der Bünde von den zentralen Feierlichkeiten zum 100-Jährigen Jubiläum der Meißnerformel ausgeschlossen worden sind und ebenfalls diejenigen, bei denen der laru in seiner letzten Ausgabe Vorsicht geboten hat. Dann muss ja was dran sein, ist man versucht zu sagen und die Vorwürfe, die gegen die betroffenen Bünde erhoben werden, sind nun mal auch nicht von der Hand zu weisen. Krasser Nationalismus, Doppelmitgliedschaften oder andere Verbindungen zur NPD und so weiter. Da muss man genau gucken, die Sache ist komplizierter als man denkt.

Keiner möchte einen Landesvorstand mit Maulkorb

War unser Landesvorstand zu voreilig, als er letztes Jahr den offenen Brief unterzeichnet hat, der dazu aufforderte, Rechte Bünde vom Hamburger Singewettstreit auszuschließen? Manche sehen das so. Ein Stamm vertritt gar einen Antrag auf der diesjährigen Landesversammlung, wonach der Landesvorstand gesellschaftliche Positionen künftig nicht ohne Votum der Landesversammlung vertreten dürfe. Die Gemüter haben sich am Thema erhitzt. Die fraglichen Bünde mag man beurteilen wie man will, einen Vorstand mit Maulkorb möchte allerdings auch keiner von uns. Es gehört ganz entschieden zu den Aufgaben eines Landesvorstandes, Position zu beziehen. Ein Vorstand, der sich nichts mehr trauen kann und sich deswegen zurückhält, wenn es brisant wird? „Ich will kritisch sein, und Verantwortung übernehmen“, aber bitte nicht im Vorstand. Jemanden für die Aufgabe zu begeistern, dürfte dann noch schwerer werden, wer möchte denn bloß das Tagesgeschäft verwalten und alles was darüber hinausgeht, umständlich von allen Stämmen billigen lassen?
Dass Stamm und Vorstand in Briefen kommuniziert haben und es inzwischen einen Antrag zu dem Thema gibt, anstatt zum Telefonhörer zu greifen und zu sagen „Hey, wir können das nicht ganz nachvollziehen, erklär doch mal warum ihr das unterschrieben habt“, zeigt, wie wichtig und emotional aufgeladen die ganze Sache ist.

Können wir beschwören, dass es im BdP keine gibt?

Im „Kiepenkerl“, der Landesverbandszeitschrift aus Nordrhein-Westfalen, erschien letztes Jahr ein ähnlicher Artikel über Rechte Bünde wie im letzten laru. Ein sehr langer Leserbrief griff den Kiepenkerl-Artikel scharf an und bemängelte eine oberflächliche Betrachtungsweise. Dieser Leserbrief wirft ein paar interessante Thesen auf. Wenn durch die Verhaltensweisen Einzelner auf die politische Ausrichtung eines Bundes geschlossen wird, könne das nicht ganz der Realität entsprechen. Klar könnte man sagen, dass es nicht gerade für einen Bund spricht, vereinzelt rechtsextreme Mitglieder zu haben. Können wir beschwören, dass es im BdP keine gibt? In einem politisch gemäßigten Spektrum ist der linke Rand im BdP, das kann man auch ohne statistische Erhebung wohl ziemlich sicher sagen, wesentlich stärker vertreten als der rechte. Wenn die Grenzen dessen, was ‚gemäßigt‘ ist, auf der linken Seite überschritten werden, ist man anscheinend nachsichtiger. Auch wenn der Vergleich ein wenig hinkt: Wenn linke Demos dazu missbraucht werden, Krawall zu machen und Pflastersteine auf Polizisten zu schmeißen, ist das auch nicht besser als Naziparolen zu grölen, merkwürdigerweise ist es aber akzeptierter.

Ganz so einfach auf einzelne Mitglieder reduzieren kann man die Anschuldigungen gegenüber den betreffenden Bünden aber auch wieder nicht, dafür wiegen einige Beobachtungen, die wir zugegebenermaßen zumeist nicht selbst gemacht, sondern nur davon gelesen oder gehört haben, doch zu schwer. Wenn offizielle Publikationen dieser Bünde antisemitische Texte veröffentlichen und Vorstandsmitglieder den Holocaust in Frage stellen, gibt das zu denken. Vielleicht greift es aber dennoch zu kurz, sechs Bünde auf eine schwarze Liste zu setzen, um dann die Gefahr erkannt und gebannt zu haben.
Die „Deutsche Gildenschaft“ etwa ist offen für alle Bündischen (und nicht nur für diese). Wäre ich als BdPler auch Gildenschaftler, würde man mich wohl rein lassen beim alternativen Sängerfest?

Man tut gut daran, sich seine eigene Meinung zu bilden

Es ist kompliziert. Weder die eine, noch die andere Seite mag mit ihren Argumenten auf der sicheren Seite sein. Dann noch die Frage, was eigentlich rechtsextrem ist und was eine freie Meinung, die man akzeptieren muss. Wenn jemand die Ansicht vertritt, dass Frauen mit langen Zöpfen und in Röcken an den Herd gehören, ist diese Meinung ja nicht verboten, auch wenn bei uns eine andere Ansicht vorherrschend ist. Das Gleiche gilt, wenn jemand sagt, es gebe zu viele Ausländer in Deutschland und einen ‚deutschen Geist‘. Aber natürlich steht jedem frei zu sagen: „Ich habe keine Lust, mit jemandem der so denkt, zusammen an einer Veranstaltung teilzunehmen“. Man tut gut daran, sich seine eigene Meinung bilden und die Diskussion zu suchen. Wenn man zwei altbewährte Regeln beachtet, ist man eigentlich auf der sicheren Seite: „Ich will Schwierigkeiten nicht ausweichen“ und „Ich will kritisch sein und Verantwortung übernehmen“. Sich also ruhig mal mit einem Mitglied eines vermeintlich rechten Bundes auf eine Diskussion einlassen, aber dabei die kritische Brille aufbehalten (auch den eigenen Vorurteilen gegenüber) um sich dann ein eigenes Urteil zu bilden. Dies kann ich allerdings nur als Erwachsener für mich selbst entscheiden. Als Landesvorsitzender, Stammesführer oder Gruppenleiter trage ich auch Verantwortung für andere. Für Kinder, die vielleicht noch nicht gelernt haben, ganz so kritisch mit fremden Ansichten und Verhaltensweisen umzugehen.

Als Landesvorsitzender, Stammesführer oder Gruppenleiter trage ich auch Verantwortung für andere

Dann versteht man auch den offenen Brief an den Vorbereitungskreis des Hamburger Singewettstreits: Ein großes bündisches Fest, auf das man gern weiter fahren würde, aus legitimen Gründen aber nicht dazu bereit ist, die Verantwortung für Wölflinge und Sipplinge in einem durchaus fragwürdigen Umfeld zu übernehmen: Das wäre ein zu großer Missbrauch des Vertrauens, das die Eltern uns entgegenbringen, wenn sie uns ihre Kinder anvertrauen. So gehört es zu den wichtigsten Aufgaben eines Landesvorstandes, die Stämme vor bedenklichen Entwicklungen zu warnen und z. B. zu empfehlen, nicht mit der Gruppe zum Hamburger Singewettstreit zu fahren oder etwa am überbündischen Bauhüttenprojekt der Burg Ludwigstein teilzunehmen. Ein Stammesführer muss dann mit seinen Gruppenleitern entscheiden, wofür er Verantwortung übernehmen möchte und kann, und im Zweifel lieber vorsichtig sein. Eben aus der eigenen Rolle heraus handeln und nicht danach, was man selbst gerne möchte.

Toll ist an dem Thema, dass mal wieder richtig viel diskutiert wird. Dass man sich intensiv mit einem kontroversen Thema auseinandersetzt und dabei etwas lernt und wächst. Nicht alles so hinnehmen und kritisch bleiben. Das gilt übrigens immer. Auch jetzt.

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