„Es muss eine Demokratisierung aller Lebensbereiche geben!“

Ein Gespräch mit dem Bundestagsabgeordneten Sven-Christian Kindler über Pfadfinder, junge Menschen und Politik.

laru: Was bedeutet für Dich „Pfadfinder sein“?

Sven: BiPi hat gesagt, dass wir PfadfinderInnen die Welt ein Stück besser hinterlassen sollen, als wir sie vorgefunden haben. Das ist der zentrale Grundsatz, nach dem PfadfinderInnen leben sollten: im Einklang mit der Natur und solidarisch in der Gemeinschaft zu leben und zu handeln. Was für mich das Pfadfindersein auszeichnet ist das, was wir auf Fahrt erleben: Herausforderungen und Probleme annehmen, mit ihnen gemeinsam als Gruppe produktiv umgehen – und trotzdem Spaß haben.

Sven-Christian Kindler, Fahrtenname eskaja, ist 26 Jahre alt und Mitglied im BdP-Stamm Nujakin in Hannover, wo er unter anderem als Meutenführer und bis 2008 als Kassenwart aktiv war. Von 2007 bis 2009 war Sven Sprecher der Grünen Jugend Niedersachsen.2009 zog Sven als jüngster Abgeordneter der Partei BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN und als zweitjüngster Abgeordneter der aktuellen Legislaturperiode in den Deutschen Bundestag ein. Sven ist Mitglied im Haushaltausschuss, wo er sich vor allem für eine solidarische, ökologische und demokratische Zukunft stark machen will. Das Telefongespräch mit Sven führte Pino am 18. Januar 2011.

Bist Du noch aktiv als Pfadfinder?

Wir haben im Stamm Wintersonnenwende gefeiert, bei der wir mit allen über das Feuer springen und uns für ein Jahr weiter Freundschaft schwören, dass wir z. B. weiter auf Fahrt miteinander gehen. Bei der Wintersonnenwende verleihen wir auch die Halstücher, erinnern uns an die Pfadfinderregeln, sitzen gemeinsam in der Jurte, trinken Tschai, spielen Gitarre und singen. Ich treffe mich häufiger mit Freunden von den Pfadfindern, quasi als R/R-Runde, und wir machen Liederabende oder gehen gemeinsam in die Sauna im Stammesheim. Pfingsten will ich aufs Landespfingstlager fahren und freue mich schon drauf. Leider habe ich nur noch sehr wenig Zeit, um auf Fahrt zu gehen, an Lagern oder Aktionen teilzunehmen, denn ich habe als Bundestagsabgeordneter im Durchschnitt eine 70-Stunden-Woche.

Spielen die Pfadfinderregeln in deinem Leben auch dann eine Rolle, wenn Du nicht mit den Pfadfindern unterwegs bist?

Klar, weil ich mich mit den Pfadfinderregeln identifizieren kann! Den internationalen Gedanken finde ich sehr wichtig: was ich zur Freundschaft aller PfadfinderInnen und zur Freundschaft aller Menschen auf der Welt beitragen kann, auch die Natur zu schützen, kritisch zu sein oder Verantwortung zu übernehmen.

Du bist erst sehr spät, mit 17 Jahren, zum BdP gekommen…

Genau, ich bin aber generell erst spät zu den Pfadfindern gekommen. Einer meiner Freunde hat mich mit 14 zum VDP – dem Verband Deutscher Pfadfinder –, einem kleineren Bund, mitgenommen. Mit diesem Stamm sind wir dann drei Jahre später dem BdP beigetreten, weil der BdP größer war – auch wenn der BdP nicht so bündisch ist, wie der VDP, der eine sehr bündische Tradition hat.

Wärst Du lieber in einem bündischeren Bund?

Nein, ich mag den BdP und bin da inzwischen auch lockerer geworden. Ich habe früher Lederhosen und Affen getragen, trage immer noch einen Affen, habe aber inzwischen auch einen Tramper. Es ist schon so, dass wir in unserem Stamm eine andere Auffassung von Kleiderordnung haben und z. B. keine Affenschaukeln oder politische Buttons an der Kluft tragen. Aber es geht als Pfadfinder ja auch darum kritisch zu diskutieren. Und es muss jeder Stamm und jeder Pfadfinder für sich entscheiden, wie er sich kleidet, welche Traditionen man pflegt.

Wichtig ist vor allem, dass man sich mit den Traditionen und Unterschieden auseinandersetzt…

Ich finde das Bündische erhaltenswert, in einigen Fällen muss man aber auch kritisch diskutieren. Gerade Liedgut kann aus einer bestimmten Tradition kommen, die man vielleicht für nicht besonders positiv hält, die zum Teil militaristisch oder frauenfeindlich ist. Auch die Kluft ist wichtig, gerade als Symbol der Gemeinschaft, damit niemand ausgeschlossen wird. Auf der anderen Seite ist natürlich die Frage, wieviel Gemeinsamkeit bei der Kluft vorherrschen muss. Das muss jeder mit sich selber klären, da sollte man auch niemandem reinreden. Es muss einen respektvollen Umgang miteinander geben, man muss die verschiedenen Pfadfindertraditionen und -lebensweisen akzeptieren und sich dabei in einem kritischen Diskurs austauschen.

Apropos kritischer Diskurs: sollte der BdP eigentlich „politischer“ sein?

Bei den Pfadfindern wird das Politische ein bisschen ausgeblendet, bzw. das klare Parteipolitische. Dennoch sind wir als BdP natürlich politisch, weil wir gewisse Werte vertreten wie Solidarität, Verantwortung, Freiheit oder Internationalismus. Aber es ist egal, ob jemand in einer anderen Partei ist und es werden keine parteipolitischen Debatten geführt, weil ganz andere, verbindende Werte von Bedeutung sind. Man kann nicht unpolitisch sein. Politisch sein heißt bestimmte Werte zu vertreten und die Gesellschaft verändern bzw. gestalten zu wollen – und als PfadfinderInnen wollen wir uns explizit einbringen.

Warum bist Du dann in die Grüne Jugend gegangen? Welche Unterschiede gibt es zum BdP?

Ich bin auch durch die Pfadfinder politisiert worden, weil ich durch die vielen Wanderungen die Natur lieben gelernt habe und mich gefragt habe, warum so viel wertvolle Natur zerstört wird. Dagegen wollte ich vorgehen. Andererseits hatten wir in der Meute auch arme Kinder und die krasse Ungleichheit, die Armut bei Kindern, hat mich betroffen gemacht. Ich wollte mich dann mehr auf einer größeren Ebene für die soziale Gerechtigkeit einsetzen. Das kann man natürlich auch im Kleinen machen, aber mir ging es darum, dass ich etwas verändere. Und das ist, glaube ich, bei der Grünen Jugend besser möglich als bei den Pfadfindern. Die Pfadfinder haben zwar eine Vorbildfunktion und viele Leute versuchen etwas in den Gruppen und Stämmen zu verändern, aber bei der Grünen Jugend geht es konkreter darum, auf politische und gesellschaftliche Prozesse Einfluss zu nehmen und diese zu verändern.

Was fällt Dir zu jungen Menschen in der Politik und im Bundestag ein?

Trotz aller anderslautenden Medienschlagzeilen sind junge Menschen politisch interessiert. Sie gehen auf Demonstrationen, engagieren sich für eine bessere Gesellschaft. Sie sind im Ehrenamt aktiv, z. B. bei den Pfadfindern, in Menschenrechtsgruppen, in Schülervertretungen oder in Ausbildungsvertretungen. Alles das ist auch Politik, weil es darum geht die Gesellschaft mitzugestalten. Es ist wichtig, dass sich junge Menschen vor Ort für die Gestaltung der Gesellschaft einsetzen, für Tempo-30-Zonen, Naturschutzgebiete, Kinderspielplätze usw. Es muss nicht immer die „große Politik“ sein, denn Politik fängt im Kleinen an. Ich finde es aber wichtig, dass sich noch mehr junge Menschen einbringen, weil wir nur dieses eine Leben und diese eine Erde haben und wir vor großen Herausforderungen stehen: Klimawandel, weltweiter Hunger – etwa 1 Milliarde Menschen weltweit hungert –, eine verheerende Wirtschafts- und Finanzkrise im Kapitalismus. Das sind große gesellschaftliche Probleme, die man angehen muss. Wir müssen dafür streiten, dass wir eine soziale, ökologische und demokratische Gesellschaft erreichen. Deshalb ist es extrem wichtig, dass sich unsere Generation einbringt!

Das ist für junge Menschen aber nicht immer leicht.
Die bestehenden politischen Strukturen hemmen eher ihr Engagement …

Wobei man Politik nicht mit Parteipolitik verwechseln darf. Das ist ein großer Fehler, der häufig gemacht wird. Politik wird nicht nur im Parlament gemacht, sondern betrifft das Leben und Veränderungsprozesse in der Gesellschaft. Außerdem habe ich bei der Grünen Jugend sehr positive Erfahrung gemacht, z. B. dass ich mich schnell und kreativ einbringen konnte, wir spannende Debatten geführt haben, ich viel an Erkenntnissen und viele neue Freunde gewonnen habe. Trotzdem glaube ich, dass Parteien sich öffnen, sich verändern müssen. Sie müssen sich aber nicht nur für junge Menschen, sondern für alle Menschen verändern, weil man nun mal über Parteien viel mitbestimmen kann.

Die Anti-Atom-Bewegung erregt eine große Medienöffentlichkeit.
Vor Ort, in der Kommune, im direkten Lebensraum junger Menschen ist es aber schwieriger…

Junge Erwachsene haben jetzt zum Beispiel die Möglichkeit, für die Kommunalwahlen zu kandidieren. Es ist in vielen Fällen so, dass Parteien Schwierigkeiten haben genügend KandidatInnen zu finden. Aber es ist schon richtig: wir müssen über andere Formen von Demokratie, Partizipation und Beteiligung reden – auch und gerade für junge Menschen. Ich bin zum Beispiel persönlich dafür, dass man das Wahlalter auf „0“ senkt. Man geht dann zur Wahl, wenn man sich reif dafür fühlt. Wir brauchen auch viel mehr Demokratie schon im Kindergarten und in der Schule. Demokratie muss man lernen, das funktioniert aber nicht mit Frontalunterricht. Es muss eine Demokratisierung aller Lebensbereiche geben!

Sicherlich ist es schon ein Erfolg, dass Jugendliche in Niedersachsen bei Kommunalwahlen schon mit 16 wählen dürfen, aber grundsätzlich werden Kinder und Jugendliche politisch nicht für voll genommen…

Man verbietet ja auch nicht einem 75-Jährigen, der vielleicht ein bisschen geistig senil ist, wählen zu gehen, warum dann einem 12-jährigen? Ich hab viele engagierte 12-Jährige getroffen, die sich politisch eingebringen, warum sollen die nicht wählen können? Wo fängst man denn an, wenn nur die vermeintliche Vernunft als Entscheidungskriterium für das Wahlrecht gilt…?

Der Anteil Jugendlicher, die sich ehrenamtlich engagieren, ist fast so hoch wie der Bevölkerungsdurchschnitt.
Trotzdem werden vorwiegend Erwachsene oder Senioren für ihr ehrenamtliches Engagement geehrt…

Das Problem ist, dass „Jugend“ häufig nur problemorientiert wahrgenommen wird. Es war eigentlich immer in der Geschichte der Menschheit so, dass die jeweilige Generation von Jugendlichen die schlimmste war, dass die Erwachsenen ihre eigene Jugend vergessen. Einerseits kann man die Wertschätzung Jugendlicher und ihres Engagements über das Wahlrecht steigern, denn dann rücken sie auch in das Interesse der Parteien. Gleichzeitig muss es, wie schon gesagt, eine Demokratisierung aller Lebensbereiche von Kindern und Jugendlichen geben. Die jungen Menschen können aber nicht erwarten, dass ihnen das von den Erwachsenen geschenkt wird. Selbstermächtigung und -organisation von Jugendlichen sind ganz wichtig und sollten von Politik und Gesellschaft gefördert werden. Aber am Ende des Tages werden die jungen Menschen für ihre Rechte auch selbst eintreten müssen – auch wenn es nicht einfach ist.

Ehrenamtliches Engagement und Selbstermächtigung wird für junge Menschen durch G8,
Ganztagsschulen und der Bologna-Prozess aber immer schwieriger…

Wir erleben bei jungen Menschen eine Zunahme des Drucks, weil die Ökonomisierung von Schule und Studium nur noch auf Berufschancen und Verwertbarkeit der Menschen im Berufsleben abzielt. Ehrenamtliche Arbeit ist dadurch viel schwieriger geworden. Der Leistungsdruck fängt schon früh an, es geht um Konkurrenz, darum sich durchzubeißen. Und wenn man die wenige Freizeit, die man hat, mit Lernen verbringen muss oder sogar zusätzlich einen Job neben dem Studium hat, ist das eine fatale Entwicklung. Wobei Ganztagsschulen gerade für lernschwache Kinder oder Kinder aus bildungsferneren Schichten von Vorteil sein können. Und für die Pfadfinder gibt es ja die Möglichkeit mit Ganztagsschulen zu kooperieren.

Was wünschst Du Dir als Pfadi von der Politik?

Dass man nicht nur Sonntagsreden über das Ehrenamt hält und dass nicht Gelder zusammengestrichen werden, sondern im Gegenteil bessere Strukturen geschaffen werden. Außerdem wünsche ich mir, dass wir in der Umwelt- und Klimapolitik radikal umsteuern. Das ist auch eine soziale Frage, da es vor allem im globalen Süden Milliarden Menschen gibt, die darunter leiden. Das ist essentiell, wenn wir diese Erde besser hinterlassen wollen, als wir sie vorgefunden haben!

Weitere Informationen zu Sven findet ihr hier:
http://www.sven-kindler.de/

Literatur zum „Wahlrecht 0“:
Mike Weimann: Wahlrecht für Kinder.
Eine Streitschrift. 1. Auflage 2002.
Beltz Weinheim, Berlin, Basel.
9,90 €.
ISBN 3-407-56205-5
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