„Eine abschreckende Idee…“

Gedanken zum Thema „Schulpfadfinder“.

von Michi und Julia

Seit einigen Jahren gibt es bei uns in Niedersachsen immer häufiger Ganztagsschulen und auch das Abitur mit 12 Jahren hat Einzug in unser Schulsystem genommen. 

Während auf den Gymnasien Nachmittagsunterricht alleine durch G8 (Abitur mit 8 Jahren Gymnasium) notwendig ist, um den Stoff überhaupt zu packen, werden auf den Haupt- und Realschulen an den Nachmittagen zahlreiche Wahlplicht-AGs angeboten. In beiden Fällen heißt Ganztagsschule vielerorts leider nicht, dass die Schülerinnen und Schüler nach Hause kommen und fertig sind mit Lernen, sondern meistens, dass danach noch Hausaufgaben und das Lernen für die nächste Arbeit anstehen. Zumindest bei uns vor Ort gibt es selten die Möglichkeit sich bei den Hausaufgaben unterstützen zu lassen. Und wenn, dann oftmals nach den AGs, was wiederum zusätzliche Stunden in der Schule bedeutet. Andererseits bieten solche AGs gerade Kindern aus einkommensschwachen
Familien Musikunterricht, Sportveranstaltungen oder andere Freizeitaktivitäten, die sonst oftmals sehr kostspielig sind.

Pflichtprogramm oder Chance?

Zurück zu unserem Stamm: Als bei uns im Ort die Ganztagsschule eingeführt wurde, sind wir von der Schule gefragt worden, ob wir nicht auch eine solche AG anbieten wollen. Für den Stamm würde das bedeuten, ein oder zweimal die Woche einen volljährigen Gruppenleiter zu stellen, der das Pflichtprogramm „Pfadfinder“ durchzieht. Aus anderer Sicht könnte man natürlich auch sagen, „uns Pfadfindern wurde angeboten, unsere Arbeit in Form einer AG vorzustellen und den Jugendlichen näher zu bringen.“ Wir haben im Stammesrat darüber gesprochen und die Vor- und Nachteile für den Stamm miteinander abgewogen.

Unsere Vorteile:

· Wir machen als Pfadfinder auf uns aufmerksam und dadurch Werbung.
· Wir finden eventuell Mitglieder, die erst zu ihrem „Glück gezwungen“ werden müssen, also solche, die erst durch eine AG sehen, wie „Pfadfinder“ ist.
· Schon vorhandene Mitglieder können ihre Sippenstunde in der Schulzeit machen und haben nicht den Druck der Schule im Rücken, da sie die AG sowieso machen müssen.

Unsere Nachteile:

· Sippenstunden werden zum Zwang und dadurch hat man weniger motivierte Teilnehmer.
· Die Gruppenleiter müssen volljährig sein, was nicht unserem Leitsatz „Jugend leitet Jugend“ entspricht.
· Die Sippenstunden müssen wegen der Schulpflicht verlässlich stattfinden.
· Sippen- und Stammesfahrten würden wegfallen, obwohl die Methode Fahrt ein zentraler Punkt unserer Arbeit sein sollte.
· Gruppengefühl, ihre Dynamik und der Zusammenhalt wären anders, da es sich für die Teilnehmer nicht um eine freiwillige Veranstaltung handelt.
· Die AGs sind meistens nur für ein Jahr zu belegen, die Teilnehmer gehen nicht den üblichen Weg „Wölfling – Sippling – RR“, der prägend für die Pfadfinderentwicklung ist.
· Vielleicht wäre die Durchmischung von „alten“ und „neuen“ Mitgliedern problematisch, wenn die „Alten“ beispielsweise ein Halstuch tragen, welches die „Neuen“ während ihrer einjährigen Zeit als Schulpfadfinder nicht bekommen würden.
· Pfadfinderei könnte schnell in einen falschen geschichtlichen wie politischen Hintergrund geraten, da sie aufgezwungen wird.

 

Der prägende Mittelpunkt unserer Arbeit

Außerdem haben wir uns gefragt, ob unsere „Schulpfadfinder“ dann auch eine Kluft tragen sollen, den Jahresbeitrag zahlen und als volle Stammesmitglieder angesehen werden würden. Damals hatten wir keine volljährigen Gruppenleiter, die es zeitlich geschafft hätten, eine solche AG anzubieten und deshalb ist die Frage schnell geklärt worden. Aber auch aus heutiger Sicht, wo es vielleicht Gruppenleiter gäbe, lehnen wir eine solche AG mit „Schulpfadfindern“ ab.

Uns würde der Tiefsinn fehlen, den wir in der Pfadfinderei sehen. Der Gedanke des zwanglosen Miteinanders und das langjährige Zusammenwachsen ist der prägende Mittelpunkt unserer Arbeit. Jedes unserer Mitglieder soll gerne und freiwillig zu uns in die Gruppenstunden kommen und nicht im Hinterkopf haben, später auf dem Zeugnis eine Teilnahmebestätigung dafür zu bekommen. Wir wollen nicht als „Hilfslehrer“ da stehen und vielleicht unmotivierten Teilnehmern Pfadfinderei aufzwingen. Wir als Gruppenleiter würden uns dabei nicht wohl fühlen, da wir uns dann nicht mehr mit unserer Arbeit identifizieren könnten. Und auch wenn unser Stamm mit sinkenden Mitgliederzahlen leben muss, da viele unserer Sipplinge irgendwann – sei es gezwungen vom Elternhaus oder aus eigenen Stücken – aufgrund von wachsenden schulischen Drucks mit der Pfadfinderarbeit aufhören, ist uns das lieber, als eine Reihe von Schulpfadfinder vor uns sitzen zu haben, die den Sinn von Pfadfinderei gar nicht erfassen können.

Als eine schöne Alternative würden wir sehen, wenn soziales Engagement in Form von nachgewiesenem Gruppenleitersein in den Schulen anerkannt werden würde und dadurch eine AG weniger gemacht werden müsste. „Schulpfadfinder“ sind für unseren Stamm jedenfalls eindeutig eine abschreckende Idee!

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