Ablauf und Erkenntnisse einer Wache

Die Wache, so heißt es, soll einen Wendepunkt im Leben eines Pfadfinders markieren, weg von der (geleiteten) Sippenarbeit, hin zur selbstständigeren Tätigkeit in der R/R-Runde. Als ich vor einigen Wochen die Gelegenheit hatte mitzuerleben, wie die Wachetradition in unserem Stamm neu belebt wurde, war ich ein bisschen erstaunt, wie gut sich die theoretischen Überlegungen einer Wache in die Praxis umsetzen ließen. Auch wenn diese alles andere als streng traditionell ablief…

von Christian

Er(n)ste Erkenntnisse…

Der Abend begann mit dem Aufbauen einer Jurte und einem gemeinsamen Abendessen. Anschließend fanden sich alle am Feuer in der Jurte ein und die Vorbereitungen für den eigentlichen Teil der Wache begannen. Die üblichen Abendrundentätigkeiten, wie Lieder singen, Kekse essen und Tschai trinken, wurden dabei immer wieder von Aufgaben und Spielen mit sehr nachdenklichem Inhalt unterbrochen. „Was war das schönste Erlebnis, dass du auf einem Lager hattest?“, „Was wolltest du einem der Anwesenden schon immer mal sagen?“, „Warum bist du immer noch bei den Pfadfindern und was bedeuten sie für dich?“, um nur einige zu nennen. Interessanterweise gab es dabei kaum Flapsigkeiten. Vielmehr kam es zu wertvollen Erkenntnissen wie: „Auch wenn ich in letzter Zeit nicht so oft zu den Pfadis kommen konnte, vermisse ich sie doch ziemlich und merke erst jetzt, wie viel da eigentlich dran hängt.“ Und wirklich bewegenden Aussagen: „Eigentlich warst du die ganzen Jahre so was wie ein großer Bruder für mich.“. Diese teilweise sehr persönlichen Mitteilungen haben auf jeden Fall dazu beigetragen, dass das Gruppengefühl der neu zu gründenden R/R-Runde gestärkt wurde.

Schließlich folgte eine kleine Ansprache der Stammesführerin, in der die Anwesenden noch einmal auf ihre neue Rolle im Stamm hingewiesen wurden. Dass in der Zukunft mehr Verantwortung, vor allem aber auch ein größere Selbstbestimmung in der Pfadfinderarbeit auf sie zukommen würde. Im Nachhinein würde ich denken, dass diese Rede zu diesem Zeitpunkt genau richtig gesetzt war. Bisher haben sich unsere R/R’s jedenfalls wie gefordert verhalten.

Jeder muss seinen eigenen Weg finden

Damit brach der zweite Teil Nacht an. Eine Lichterspur, die an einem großen Feuer endete. Während die potentiellen R/R’s von Licht zu Licht durch die Nacht wanderten, entfachten wir ein Feuer und warteten. Und warteten. Endlich näherte sich eine erste Gestalt dem Feuerkreis. Wie sich herausstellte, war der Teilnehmer, der als Erstes ankam als Drittes losgegangen, ohne jemanden auf seinem Weg zu überholen. Wo waren die Anderen geblieben? Als Pfadfinder auf einer Lichtspur in der Dunkelheit verloren gegangen? Schon etwas beunruhigend, andererseits waren es angehende Ranger und Rover, sie würden ihren Weg schon gehen. Also warteten wir. Und tatsächlich, während das Feuer im einsetzenden Nieselregen knisterte und in den angrenzenden Bauernhöfen die ersten Hähne den anbrechenden Tag begrüßten, fanden sich nach und nach alle Teilnehmer ein. Meist war ein Licht übersehen worden, die falsche Abzweigung gewählt oder auf eine Straßenlaterne in weiter Ferne zumarschiert, ehe der Irrtum bemerkt wurde. Aber letztlich hatten alle den richtigen Weg gefunden.

Nun folgte der klassische Teil der Wache. Die Teilnehmer zogen sich mit einem Partner und einem Licht in den Wald zurück, um sich Gedanken zu machen, warum ihr Gegenüber es verdient hatte in die R/R-Stufe zu kommen.
Nach etwa einer Stunde trafen wir uns ein letztes Mal am Feuer und die Teilnehmer lasen ihre Erkenntnisse der versammelten Runde vor oder übergaben sie der zugedachten Person.
Dabei war es keinem der Teilnehmer schwer gefallen, Rechtfertigungen für einen Stufenübergang zu finden.
Als ich mich um sechs Uhr morgens verabschiedete, kam auch die Erkenntnis, dass die Wache, trotz abgewandelten Konzeptes, doch die ganze Nacht gedauert hatte.

Nicht traditionell, aber trotzdem gut

Ich habe diese Wache aus einer etwas seltsamen Position erlebt. Definitiv kein Teilnehmer, auch kein wirklicher Leiter mehr, eher ein Beobachter, der zusieht, wie seine Nachfolger ihr Handwerk versehen.
Aus meiner Sicht hat die, zu diesem Zeitpunkt, frisch gebackene Stammesführerin ein kleines Meisterstück abgeliefert. Die klassische Wache, wie sie in vielen bündischen Schriften beschrieben ist, wurde nur als Anregung genommen, um einen eigenen, auf die Teilnehmer angepassten, Ablauf zu kreieren. Bei den Spielen und Fragen im ersten Teil des Abends ging Sie mit gutem Beispiel voran, offenbarte auch persönlichere Ideen und Vorstellungen und lenkte somit die Überlegungen und Antworten der anderen Teilnehmer in eine gute Richtung. Auf kleine Krisen und Unwägbarkeiten wurde souverän und abwartend reagiert. Das Grundvertrauen in die Fähigkeiten der potentiellen R/R’s war immer zu spüren, meiner Meinung nach, zu Recht.
Es ist schön zu sehen und gut zu wissen, dass die jahrelange Pfadfinderarbeit Früchte trägt, dass aus kleinen Wölflingen endlich interessierte R/R’s oder fähige Stammesführerinnen wurden, die eine solche Aktion schöner und besser durchführen, als man es selber gekonnt hätte.

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