Von wessen Werten reden wir eigentlich?

Ein Wölfling hat andere Wertvorstellungen als ein Teenager und Erwachsene ticken wieder anders. Die Landesleitung hat versucht, die Wertedebatte aus den unterschiedlichen Perspektiven unserer Mitglieder zu führen, denn wenn man Partizipation zum zentralen Wert erklärt, darf man gerade in dieser Diskussion nicht darauf verzichten.

von Annabelle

Als ich sechs Jahre alt war, wollte ich beim Essen immer neben meiner Mutter sitzen. Wenn meine Geschwister öfter als ich dort platznehmen durften, empfand ich das immer als große Ungerechtigkeit. Gleichbehandlung war damals das Wichtigste auf der Welt für mich.

Mit zwölf hatten sich meine persönlichen Werte etwas gewandelt. Freundschaft war wichtig, besonders, viele Freunde zu haben, am besten die ganze Schulklasse. Wenn mich jemand nicht auf seine Geburtstagsparty einlud, kam das einer Lebenskrise gleich.

Als ich sechzehn wurde, waren Freunde immer noch wichtig, aber mehr noch, was man mit ihnen tat: Spaß haben war die oberste Devise. Nicht selten wurden für diesen Spaß ganz bewusst Grenzen überschritten. Mist bauen, um witzig zu sein und Anerkennung in der Gruppe zu finden? Heute unvorstellbar, mit sechzehn ein ständiger Zustand und nicht selten auch ein Druck unter dem man steht, sich zu beweisen. Trotzdem waren mir solche Dinge zu jener Zeit wertvoll.

Heute ist es weniger die Gruppe, vor der ich mich beweisen muss, als ich selbst

Mein persönliches Wohlergehen und auf mich selbst zu achten sind mir ebenso wichtig, wie mein selbständiges und selbstbestimmtes Leben. Gute Freundschaften sind wichtiger geworden als viele, auch wenn ich mich immer noch darüber ärgere, wenn ich mitkriege, dass mich jemand nicht mag.

Auf dem Landesleitungswochenende im August haben wir uns mit unseren persönlichen Werten in verschiedenen Lebensabschnitten auseinandergesetzt. Dabei habe ich gemerkt, warum es so wichtig ist, dass wir uns im Landesverband mit diesem Thema beschäftigen. Über Werte im BdP zu sprechen, bedeutet nämlich nicht nur, zu überlegen, wie man das, was Führungskräfte dafür halten, was den BdP ausmacht, in die Stammesprogramme kriegt.

Unsere pädagogische Konzeption wurde von Erwachsenen geschrieben und auf Grund ihrer Wertvorstellungen bestimmt

Unsere pädagogische Konzeption, in der Ziele, Methoden und Inhalte beschrieben werden, klingt äußerst eindrucksvoll. Prominente Gesellschaftskritiker, die den allgemeinen Werteverfall beklagen, müssten beim Lesen dieses Konzeptes sofort dafür plädieren, sämtliche Jugendliche der Obhut des BdP anzuvertrauen, dies müsste auf lange Sicht schlagartig alle gesellschaftlichen Probleme lösen. Doch ebenso wenig, wie alle Gruppenstunden auf die postulierten Ziele unseres Bundes überprüft werden, ist die Pädagogische Konzeption ein Spiegel der Werte unserer Mitglieder. Sie wurde von Erwachsenen geschrieben und auf Grund ihrer Wertvorstellungen bestimmt.

Es gibt Werte, die mit unseren Traditionen zusammenhängen und die wir erst mit der Zeit zu schätzen lernen. Das, was unsere Regeln aussagen, Dinge wie Partizipation, Selbstbestimmung und Demokratie, aber auch die Fahrt und das Leben in der Gruppe sind Werte, die uns auszumachen scheinen, die bewahrt werden müssen, um die Idee vom Pfadfinden weiterleben zu lassen. Wichtig ist dabei, nicht aus den Augen zu verlieren, dass wir die so oft gelobte Partizipation eben gerade auch in der Wertediskussion brauchen. In unserem Bund soll ein siebenjähriger Wölfling ebenso eine Stimme haben wie ein 25-Jähriger, denn gewiss hat er andere Wertvorstellungen.

Als Landes- oder Bundesdelegierte sprechen wir für Erwachsene ebenso wie für Grundschulkinder

Wenn wir als Landesleitung und Stammesführer über Wertvorstellungen diskutieren oder als Landes- oder Bundesdelegierte den Stamm oder Landesverband vertreten, sprechen wir für eine große Zahl von Mitgliedern – für Erwachsene ebenso wie für Grundschulkinder. Das Schöne dabei ist, zu sehen, dass wir auch viele gemeinsame Werte haben: Gleichberechtigung ist mir heute ebenso wichtig wie mit sieben, nur eben auf einer anderen Ebene.

Wenn wir die Wertedebatte führen, sollten wir uns weniger auf das Versteifen, was wir für das Richtige halten und mehr auf Mitbestimmung setzen. Dass unsere Zielgruppe so groß ist, macht unsere Arbeit als Programmverantwortliche anspruchsvoller, bietet aber gleichzeitig tolle Möglichkeiten generationenübergreifender Diskussionen. Diese aktiv in den Gruppen zu führen, ist wichtiger, als wild über die Gründe für abstrakten „Werteverfall“ zu spekulieren. Die Programmevaluation des Bundes ist eine gute Ergänzung dazu, aber bei Weitem nicht ausreichend, um zu sagen zu können, was den BdP ausmacht und wo es hingehen kann.

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