Romantisches Vagabundenleben & wirkliche Armut

Ein Reisebericht aus Kambodscha. Es hatte für mich immer einen gewissen Reiz mit wenig oder gar keinem Geld unterwegs zu sein, quasi als Vagabund mittellos die Welt zu durchstreifen. Dieses temporäre „arm sein“ hat etwas romantisches, etwas anreizendes. Auf meiner letzten, knapp einjährigen Reise, überwiegend im mittleren und fernen Osten, begriff ich jedoch was es wirklich bedeutet kein Geld zu haben…

von Marcus

Die Rechnung ist einfach: 1€ am Tag= 1 sattes Kind

In der Hauptstadt Phnom Penh stieß ich im Frühjahr zufällig auf ein kleines Waisenhaus für Kinder mit HIV und AIDS. Die dort lebenden Kinder gehen zur Schule und können mit dem HI -Virus eine halbwegs normale Kindheit haben, einen Beruf lernen und alt werden. Im Moment hängt jedoch alles von ein paar Euros ab, denn einige Monate zuvor war ein großer Dauerspender aus Japan abgesprungen und nun fehlt das Geld. Die beiden ehrenamtlichen Leiter Sary und Len sind mittlerweile so verzweifelt, dass jeden Tag einer von beiden mit ein paar Kindern zum Nationalmuseum fährt, um dort Touristen um Almosen zu bitten – gegen die professionellen Bettelkinder mit ihrem fließenden Englisch kommt das unerfahrene Waisenhaus allerdings nicht an. Dabei braucht es nur ca. 20 Dollar am Tag, um die 17 Kinder zu ernähren, ihnen also drei Mahlzeiten zu besorgen, Miete und medizinische Betreuung werden von einem andern Dauerspender finanziert. Die Rechnung ist einfach: 1 Euro am Tag = 1 sattes Kind.

Oft reicht es nicht und dann heißt es fasten

Die Realität sieht leider anders aus. Oft reicht es nicht und dann heißt es fasten, denn vom Staat gibt es keine Unterstützung und die beiden ehrenamtlichen Leiter müssen nachts für ihre eigenen Familien arbeiten, können sich kaum selbst finanzieren. Am Ende habe ich mit 2 bis 3 anderen Reisenden knapp 10 Tage in dem Waisenhaus gelebt, jeden Tag Spenden gesammelt und Touristen überredet unser Heim zu besuchen und Geschenke mitzubringen. Westlich aussehenden Personen wird natürlich viel mehr Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit geschenkt und wir konnten bei weitem besser kommunizieren. Das Ergebnis unser Bemühungen waren einen Haufen Besucher, die uns säckeweise Reis schenkten und knapp 500 Dollar Spenden, eine unglaubliche Summe. Nicht nur den Kindern standen Tränen in den Augen, als wir uns nach und nach verabschiedeten. Das Essen und das Geld war erst einmal ein gutes Polster für die kommende Zeit, doch das Problem war und ist bei weitem nicht gelöst. Zumal die Regenzeit begonnen hat, mit der die Touristen ausbleiben und somit auch das Geld. Das Waisenhaus steht vor einer scheinbar unüberwindbaren Aufgabe.

Der nächste Schritt ist dann schon der letzte!

Was denn am Ende genau passiert wenn das Geld ausbleibt, fragte ich. Direktor Sary druckste etwas und erklärte mir dann, dass als erster Schritt, wie schon oft geschehen, das Essen ausbleibt. Der nächste Schritt ist dann schon der Letzte! Das Waisenhaus wird geschlossen, die Kinder müssen auf die Straße. Mit ihrem HIV/AIDS-Stigma sind sie kaum überlebensfähig, im Betteln nicht erprobt wird es kaum funktionieren, wenn sie es auf eigene Faust versuchen, die regelmäßig notwenige medizinische Versorgung würde wahrscheinlich ausbleiben. Als letzte Chance besteht noch die Möglichkeit der Prostitution aber man muss sich nichts vormachen: die Kinder werden im Laufe der nächsten Monate oder, im unwahrscheinlichen Glücksfall, Jahre sterben. Verrecken ist vielleicht ein eher angebrachter Ausdruck, denn AIDS ist wirklich eine verheerende Krankheit!

„10 Dollar? Wow! Thank you very much!“

Klar, jeder weiß, dass die Welt schlecht ist, dass es Straßenkinder gibt und viele Menschen hungern müssen, in vielen Gegenden der Welt sieht es wahrscheinlich wesentlich schlimmer aus. Die Medien berichten dauernd über Katastrophen und wie die meisten von uns Spende auch ich diverse Geldbeträge an große Organisationen, in der leisen Hoffnung, die Situation für irgendjemand irgendwo ein wenig zu verbessern. Doch dieses Mal war es anders. Als ich auf der Straße stand und Touristen überredete, wusste ich genau, wo jede Münze und jeder Schein landen wird. „10 Dollar? Wow! Thank you very much!“ Und wieder fast für einen Tag ausgesorgt.

Aufgesetzte Armut ist romantisch und spannend für uns.

Das erste Mal in meinem Leben fühlte ich mich wirklich mit der Armut konfrontiert, also so wirklich richtig, nicht nur aufgesetzt, wie es auf einer Fahrt ist, wenn man eine Zeit lang als Vagant lebt, aber im Prinzip die ganze Zeit eine Notbremse hat, nämlich das bürgerliche Leben, in das man jeder Zeit wieder zurückkehren kann. Aufgesetzte Armut ist romantisch und spannend für uns, da wir jeder Zeit die Geldkarte zücken oder die Eltern anrufen können. Echte Armut bedeutet Chancenlosigkeit, Angst und Verzweiflung, ein Leben, das eigentlich zu hart ist, um zu bestehen.

Der Monat hat 30 Tage, der Landesverband 35 Stämme. Jeder Stamm und natürlich auch jede Einzelperson ist herzlich eingeladen seinen Reichtum mit der Dritten Welt zu teilen. Es ist nur ein kleiner Schritt im Kampf gegen die globale Armut und Ungerechtigkeit – aber irgendwo muss man ja anfangen.

Advertisements
Vorheriger Beitrag
Nächster Beitrag
Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: