Krieg, Schnaps & Widerstand

Ende Juli in Südschweden. Ein normaler Fahrtenabend mit Gitarre und Feuer und einem Gedankenaustausch über unsere Lieder und einigem Zweifel an ihnen.

sinngemäß aufgezeichnet von Chrise

Milena blättert den gaul durch und schüttelt den Kopf. „Da ist so viel drin, was echt schrecklich ist! Wenn ich dieses Burschen Burschen höre, wird mir echt schlecht! Ein Sauflied, ok, haben wir viele. Aber da wird ja fast immer diese letzte Zeile umgedichtet in ‚Küss die schöne Krügerin – bis Sie schreit!‘ Diese letzten drei Worte werden dann auch noch geschrien, das finde ich dabei am schlimmsten.“ Zustimmung aus der Runde. Sonja sagt, dass ihr das noch nie so aufgefallen sei, aber es stimme schon, indem man völlig unreflektiert irgendwelches Zeug singe, werden vielleicht unterbewusst Handlungen toleriert oder sogar bewundert, die an sich völlig indiskutabel seien, z. B. diese Form von sexualisierter Gewalt, ein gewaltsamer Kuss gegen den Willen der Krügerin, die am Ende sogar schreien muss.

Ich werfe ein, dass dabei natürlich die Frage sei, ob es sich dabei um einen Hilfeschrei handelt. „Wobei ich das hier gar nicht verharmlosen will“ sage ich. „Das mit dem Schrei kommt im Lied ja auch eigentlich gar nicht vor, wenn man bei Jurtenabenden bewusst drauf achten würde, das nicht mehr so zu singen, wäre es nach kurzer Zeit weg. Und wenn Sipplinge das begeistert doch so singen, sollte man einfach mal darüber sprechen!“

„Ja genau! Auf einem Kurs haben wir mal so eine schwarze Liste gemacht, mit Liedern, die nicht gesungen werden sollten. Im Nachhinein denke ich, dass es eigentlich schlauer gewesen wäre, lieber den fragwürdigen Hintergrund oder Inhalt mancher Lieder zu thematisieren.“

Krieg ist Krieg

„Viele unserer Lieder handeln von Fahrten, auch wenn manches davon ganz schön kitschig ist, ist das auf jeden Fall immer noch besser als der mindestens genau so große Teil, der von Saufgelagen oder gewaltsamen Auseinandersetzungen handelt, Kriegslieder eben. Dass es sich dabei oft um die kleinen Widerstandsgruppen handelt, Partisanen und Co, macht die Sache nicht besser, Krieg ist Krieg.“

„Und das ist ja das Schlimme. Man singt Lieder, von denen man den Hintergrund nicht kennt, weil man das schon immer so gemacht hat.“

„Im gaul haben wir uns ja aber gerade darum bemüht, die Quellen und den Hintergrund zu recherchieren. Wenn ein Lied einen Urheber hat, beim dem unklar ist, ob seine Weste ganz weiß ist, steht es da auch drin. Wir haben uns von Anfang an nicht der Illusion hingegeben, dass im Bund populäre Lieder nicht mehr gesungen werden, nur weil wir sie nicht abdrucken. Dann lieber mit Kommentar. Raubritter verherrlicht beispielsweise auch äußerst fragwürdige Inhalte, diese Typen waren ja nicht gerade zimperlich, wird trotzdem überall mit Begeisterung gesungen.“

Hängt nicht auch viel von unserer Identität an diesen Liedern?

„Im Prinzip sehe ich das auch so, aber hängt nicht auch viel von unserer Identität an diesen Liedern? Ich meine, was soll man denn überhaupt noch singen?“

„Jedenfalls keine Kriegs- oder Vergewaltigungslieder!“

„Da stimme ich dir zu, aber ab wann ist ein Lied ein Kriegslied? Wenn kriegerische Handlungen besungen werden, oder wenn es ein Lied mit anderem Thema ist, das aber mal von Soldaten oder Partisanen gesungen wurde?“

„Ja, wo zieht man die Grenze? Keiner singt konventionelle Soldatenlieder, das ist klar, aber sind diese ganzen Lieder über Partisanenkampf und die rote Armee denn viel besser?“

Es geht vor allem ums Grölen

„Ich glaube nicht wirklich, da schwingt vor allem auch eine ganze Menge Politisches mit. Nimm doch mal Amurpartisanen, ein russisches Volkslied das auch im gaul steht. Da geht es um den Kampf der Roten gegen die Weiße Armee, bzw. die entscheidende Rolle von Partisanenverbänden vor allem in fernöstlichen Russland, am Fluss Amur. In dem Lied ist die Fahne ‚rot vom Blut‘, es gibt den ‚Sturm auf Spassk‘, die Gegner werden ‚zum Teufel‘ gejagt und so weiter. Ein kommunistisches Kriegslied. Aber ich glaube dass das kaum jemand der es singt begreift, es geht vor allem ums Grölen. Wir Pfadfinder verstehen uns ja eigentlich als eine Friedensbewegung, klar könnte man einwenden, dass das ja womöglich Kämpfe waren, die dem Frieden dienen, aber das ist immer schwer zu bewerten, so aus heutiger Sicht. Immer, wenn jemand ein unterdrückendes Regime stürzt, ist er schnell ein Held, die genauen Umstände interessieren dabei oft gar nicht.“

„Dann nimm mal das Lied Edelweißpiraten! Die haben gegen das NS-Regime gekämpft und dabei auch ziemlich krasse Aktionen gemacht, mit Bomben usw. Das Lied würde doch deswegen auch niemand in Frage stellen!“

„Klar, weil es gegen die Nazis geht. Das Lied verzerrt die Tatsachen aber auch ziemlich. Da ist ja vom zerbrochenen Gewehr die Rede, dabei waren die Edelweißpiraten zwar gegen Hitler, aber nicht gerade Pazifisten, die haben hauptsächlich bewaffnete Aktionen gemacht.“

„Es ist halt superschwierig zu sagen, was jetzt ok ist zu singen und was nicht. Aber dass man einfach blind Texte singt, ohne sich Gedanken darüber zu machen, widerspricht eigentlich jeglichen pfadfinderischen Wertvorstellungen. Wenn man so etwas singt und dann mit der Gruppe darüber redet, könnte man echt noch was davon mitnehmen.“

„Das gilt übrigens auch für die ganzen Fahrtenlieder! Die ganze Zeit Lieder zu singen, die von Fahrten handeln, aber nie auf Fahrt zu gehen ist zwar nicht so schlimm, aber auch irgendwie merkwürdig, was?“

„Wenn man unterwegs ist und das lebt, was man singt, klingen die auch ganz anders!“

Wir lachen zusammen und fangen wieder an zu singen. Zwischen den Liedern reden wir noch viel an diesem Abend, mancher Text erscheint uns diskutabel. Vielleicht, kommt noch der Vorschlag, könne man Zuhause mal was zu dem Thema machen. Gute Idee, wird notiert. Eignet sich für jeden Kurs, für jede Sippe, für jede Workshopzeit.

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