Das grüne Dogma

Zur Wertefrage gehört unbedingt Umweltschutz, genauso aber das Respektieren der Meinung von Minderheiten…

von Chrise

Der Parkplatz füllt sich, denn kaum jemand ist mit dem Zug angereist, obwohl Wolfsburg gut angebunden ist. Die größte Dreckschleuder, sie parkt direkt auf dem Schulhof, ist ein orangefarbener Bulli, unverkennbar schon aus der Ferne aus den Automassen herauszuhören, an ihrem unverwechselbaren röhrenden Sound.

Die Frage, ob ökologisch nachhaltiges Handeln ein gemeinsamer Wert von uns ist, scheint angebracht

Die Landesleitung hat sich das Thema Werte vorgenommen, ein Auslöser war unter anderem das Fehlverhalten einiger Sippen auf der Bundesfahrt in Finnland. Dass kaum noch jemand auf Fahrt ginge, eben weil es auch nicht vorgelebt werde, ist keine neue Debatte. Wer immer wieder die gute alte Zeit heraufbeschwört, der muss sich eingestehen, dass es vor 20 Jahren wohl auch nicht anders lief. Immer wieder gab es Aktionen, um das Auf-Fahrt-Gehen attraktiver zu machen, im Land wie in den Stämmen. Doch die Methode Fahrt war nicht der einzige Wert, den wir uns im BdP zum Thema machten. Als manifeste Werte nahm man sich auch immer wieder die Pfadfinderregeln vor, eine gute Sache für jede Sippe, die einzelne Regeln manchmal zu vergessen scheinen. Die Regeln sollen der Maßstab dessen sein, was uns wertvoll ist.

Bewusste, ökologische Ernährung zum Beispiel kann man als Anspruch daraus ableiten, dass wir die Natur schützen wollen, indem wir z. B. keine Äpfel aus Italien kaufen, sondern welche aus Deutschland. Bewusstes Einkaufen und Abwägen zwischen Kosten und ökologischer Verantwortung, das ist bei uns noch nicht selbstverständlich, aber doch weiter verbreitet als noch vor Jahren. Anderswo haben wir dieses Bewusstsein anscheinend gar nicht entwickelt. Nur bei der Ernährung ökologische Aspekte eine Rolle spielen zu lassen, ist ziemlich einseitig. Die Frage aber, ob ökologisch nachhaltiges Handeln überhaupt ein gemeinsamer Wert von uns ist, scheint durchaus angebracht. Dass etwa 90 Prozent der LV-Delegierten mit dem PKW anreisen, ist dann zu verstehen, wenn man statt zwei Stunden Autofahrt vier Stunden Regionalbahn in Kauf nehmen müsste. Zumindest waren bei der LV auch die meisten Autos voll. Bewusster könnte man mit Wahl der Verkehrsmittel trotzdem umgehen. Der Landesverband geht selbst mit schlechtem Beispiel voran, indem er als Transportfahrzeug einen Wagen unterhält, der unter ökologischen Gesichtspunkten bei Weitem nicht auf dem Stand der heutigen Zeit ist. Wir brauchen wohl oder übel einen Transporter. Wäre es dann aber nicht konsequent, nicht nur Biomilch zu trinken (deren Produktion nebenbei bemerkt nicht weniger klimarelevante Gase erzeugt als Milch aus konventioneller Tierhaltung), sondern auch hier in den Umweltschutz zu investieren?

Einige scheinen den BdP mit einer Umweltschutzorganisation zu verwechseln

Auf den meisten BdP-Veranstaltungen kommen gefühlte 80 Prozent der Teilnehmer mit der Bahn. Das ist äußerst vorbildlich, aber noch nicht genug, könnte man einwenden. Wenn aber Heime für Seminare, Landesleitungssitzungen oder andere Veranstaltungen gesucht werden, ist Zentralität und Verkehrsanbindung sicher ein Argument, aber die gute Erreichbarkeit über die Schiene dann doch nicht oberste Priorität. Das ist völlig klar, denn es ist ja nicht unser erklärtes und einziges Ziel, ökologisch nachhaltig zu handeln. Dann sollten wir uns am besten gar nicht mehr treffen, sondern in energieeffizienten Häusern sitzen, auf Heizung und Elektrogeräte verzichten und per Flaschenpost kommunizieren. Einige verwechseln den BdP anscheinend mit einer Umweltschutzorganisation, aber wir haben noch jede Menge anderer Ziele und Werte.

Niemand hat das Recht, eine Gruppe Ranger und Rover dafür zu verteufeln, dass sie die Anreise zur Großfahrt mit einem Flugzeug antritt. Wenn das Ziel der Gruppe war, eine schöne Fahrt in Spanien zu verbringen, um dabei zusammen ein Land kennenzulernen, zusammen zu wandern und zu singen, mussten ökologische Ziele in diesem Fall eben zurückstecken. Da es sich um Pfadfinder handelt, sollte man aber zumindest erwarten, dass die Gruppe vorher prüft, ob eine umweltfreundlichere Alternative als das Flugzeug nicht doch machbar ist, denkt man. Ist das aber wirklich so? Empfinden alle PfadfinderInnen Umweltschutz als einen unserer zentralen Werte?

Die Wertfrage ist schwierig. Wir sind ein vielseitiger Bund und haben die pädagogische Idee, durch unsere Arbeit daran mitzuwirken, Jugendliche zu verantwortungsbewussten Mitgliedern unserer Gesellschaft zu erziehen. Und dass gesellschaftliche Verantwortung heute auch Umweltschutz beinhaltet, wird kein Vertreter, egal welcher politischer Couleur, heutzutage noch ernsthaft abstreiten wollen. Wo aber fängt man an, wo hört man auf? Die Wertfrage betrifft nicht nur ökologisches Handeln, sondern diverse weltanschauliche Standpunkte. Was wir Führungskräfte im BdP den Kindern und Jugendlichen in unseren Gruppen vorleben wollen, ist eine Gratwanderung. Sie hat etwas mit Stil zu tun und mit der eigenen Persönlichkeit. Wenn ein Sippenführer seine Gruppe leitet, wird er ihr auch etwas von seinen persönlichen Werten mitgeben wollen – mitunter auch deshalb, weil er sie vielleicht als Werte empfindet, die PfadfinderInnen im Allgemeinen haben sollten.

Nehmen wir unsere Stile und Formen: Beim Tragen einer Kluft, dem Zelten in Kohten oder dem gemeinsamen Singen von Liedern (was ja bei uns ein doch recht etabliertes Programm darstellt) verstehen wir meistens keinen Spaß. Daran ist bitte nicht zu rütteln, schließlich ist es das, was uns vor der Beliebigkeit bewahrt. Insofern sind wir ein bisschen konservativ (was fälschlicherweise oft negativ verstanden wird, obwohl konservieren = bewahren ja durchaus auch positiv sein kann). Es soll sogar Stämme geben, in denen immer noch von einigen Gestrigen offenstehende Hemdtaschen der Sipplinge beschädigt werden, oder zur Strafe unaufgeräumter Zelte das intime Privateigentum der Übeltäter aus dem Rucksack auf den Lagerplatz entleert wird, alles in Berufung auf die Traditionen des Stammes. Spätestens hier sollte man ins Grübeln darüber kommen, inwieweit in einem Jugendverband mit erzieherischen Zielen solche Methoden im 21. Jahrhundert noch angemessen sind.

Oft wird politische Bildung mit dem Aufdrängen einer Meinung verwechselt

Ein anderes Beispiel betrifft politisches Engagement. Obwohl die Ablehnung von Kernenergie im BdP weitverbreitet zu sein scheint, sollte man als Gruppenleiter überlegen, ob man mit seiner Sippe an einer Castor-Demo teilnehmen sollte. In unserer Pädagogischen Konzeption ist Politische Bildung als zentraler Inhalt festgehalten. Dabei geht es aber darum, den Teilnehmenden zu befähigen, sich selbst ein Urteil über etwas bilden zu können, also kritisch mit einer Sache auseinanderzusetzen. Wenn mir der Kampf gegen Atomenergie also so wichtig ist, dass ich noch andere davon begeistern möchte, sollte ich mich mit meiner Gruppe mit dem Thema auseinandersetzen und es von verschiedenen Seiten beleuchten – dann kann man gemeinsam überlegen, ob man sich zusammen für etwas engagieren möchte.

(Politische) Werte, die weit unter Pfadfinderinnen und Pfadfindern verbreitet sind, werden nicht automatisch von allen im BdP geteilt. Unsere Mitglieder vertreten das gesamte politische Spektrum der demokratischen Parteien in Land und Bund, was beruhigend ist. Bei uns gibt es Kernkraftgegner und -befürworter, überzeugte Soldaten und Kriegsdienstverweigerer. Dass gerade in unserem Bund auch die Meinungen von Minderheiten gehört und respektiert werden, ist dabei eine wertvolle, aber leider nicht selbstverständliche Sache. Wir müssen nicht sämtliche Werte und Ziele teilen, weil wir eine gemeinsame Grundlage haben, auf der wir uns verständigen und auf der wir bauen können. Unsere Regeln bieten uns ein Fundament, das gesellschaftliche Grundwerte zu den Säulen unserer Arbeit macht: Hilfsbereitschaft und Rücksicht, Respekt, Ehrlichkeit, Freundschaft, Kritikfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein, Naturverbundenheit und -schutz, Selbstbeherrschung, Einsatz für den Frieden und die Gemeinschaft/ Gesellschaft, Herausforderungen annehmen. Eines ist sicher: Wir haben nicht auf Sand gebaut.

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