…und alle rufen laut Drushba!

Kasachstan wir kommen. In diesem Sommer sind acht Ranger und Rover aus unserem Bund nach Pawlodar aufgebrochen um in einem Workcamp mitzuarbeiten. In der kasachischen Steppe wird so ein Projekt zum Abenteuer.

von Julian und Jan

Kasachischer Blues

Im Nachtzug ins etwa achthundert Kilometer westlich von Astana gelegene Pawlodar sprechen uns zwei kasachische Jungs auf unsere Gitarren an. Einer der beiden ertappt sich als Musikstudent und Jannis und ich starten mit ihm eine kleine Jamsession. Während er uns mit seinen Blues- Künsten um einiges voraus ist, halten wir tapfer mit einem ›Jalava‹ dagegen. Später am Abend sitzen wir im Zwischenbereich der Waggons und unterhalten uns mit unseren beiden neuen Kumpels. Als ein älterer Mann von der Toilette kommt und merkt, dass wir Deutsche sind, fängt er an, uns ›Die Loreley‹ von Heine vorzutragen. Janosch setzt fort: ›Die Luft ist kühl und es dunkelt | Und ruhig fließt der Rhein | Der Gipfel des Berges funkelt | Im Abendsonnenschein‹. Und dann rufen alle laut ›Drushba!‹ Für diesen Abend sind wir beste Freunde.

Diese Stadt hier ist anders: Staubige Straßen und es riecht nach Benzin

Früh morgens kommen wir in Pawlodar an. Auf dem Bahnhof wimmelt es von Menschen. Aus dem Lautsprecher dröhnen Durchsagen. Die Sonne blendet. Irgendwo in dem Durcheinander treffen wir Katja. Katja begrüßt uns hektisch und sagt, dass wir uns beeilen müssen. Wir hetzen hinter ihr her: den Bahnsteig entlang, durch die Bahnhofshalle. Draußen wartet ein Minibus auf uns. Dann quält sich der Bus durch den Berufsverkehr der Stadt. Gestern waren wir noch in Astana. Jene Stadt protzt mit ihren repräsentativen verglasten Prachtbauten, in denen sich die Stadt widerspiegelt. Aber diese Stadt hier ist anders: Staubige Straßen, es riecht nach Benzin, aschgraue, triste Plattenbauten aus sowjetischen Zeiten links und rechts. Händler vom Lande, die aus ihren alten Autos Melonen, Tomaten und Gurken feilbieten.

Das Rehabilitationszentrum ›Samal‹ in der Stadt Pawlodar wurde in freier Trägerschaft Anfang der neunziger Jahre als Alternative zu staatlichen Institutionen gegründet. In der Sowjetunion sowie auch in den Zeiten danach bis heute wurden und werden behinderte Menschen in Heimen nur verwahrt, jedoch versucht man nicht, ihre Beschwerden zu lindern und sie auszubilden, um ein sinnvolles Leben gestalten zu können. Die Tätigkeiten von ›Samal‹ zielen darauf ab, behinderte Kinder und Jugendliche so zu trainieren, dass sie ein freies und weitestgehend selbstbestimmtes Leben führen können.

Seit Mitte der neunziger Jahre engagiert sich der BdP zusammen mit der Organisation der Pfadfinderbewegung Kasachstans für ›Samal‹ mit Spenden oder Arbeitseinsätzen und besucht es regelmäßig.

Workcamp auf Kasachisch ist nicht Workcamp auf Deutsch

Gemeinsam mit kasachischen Pfadfindern haben wir vor, einen Spielplatz zu bauen und das Außengelände von ›Samal‹ neu zu gestalten. Als wir am Morgen ankommen, ist das Zentrum leer. Nur ein paar Angestellte sind dort, um uns zu begrüßen und uns ein Frühstück anzubieten. Katja stellt uns vor, was wir in der kommenden Woche tun sollen. Es ist nicht gleich klar, ob schon alles vorbereitet ist oder noch geplant werden muss. Denn plötzlich werden wir gefragt, ob wir andere haben. Aber wir sind davon ausgegangen, dass schon alles besorgt ist. Wie sollen überhaupt die Arbeiten umgesetzt werden, so ohne Werkzeug und Fachkräfte?

Wir müssen hinnehmen, dass uns die Antworten auf unsere Fragen nicht gleich dargeboten, sondern sich erst im Laufe des Workcamps erschließen werden. Unser erster Auftrag lautet, die Außenanlagen von Schutt und Unkraut zu befreien. Das ist einfach. Auch wenn das chinesische Arbeitsgerät sich schnell als untauglich für den harten Steppenboden erweist, schaffen wir es gemeinsam mit viel Freude und Spaß, ein sauberes und ordentliches Außengelände zu zaubern.

Einige Tage später liefert eine Zimmerei Sandkisten, Sonnenschirme und Bänke. Nun verstehen wir endlich, dass unsere deutsch-kasachisches Gemeinschaftsprojekt aus Aufräumen und Malerei besteht. Für unseren angehenden Zimmermann Niklas wie auch für den Rest der Gruppe ist das natürlich enttäuschend, haben wir uns doch unter einem Workcamp ›Spielplatzbau‹ mehr handwerkliche Tätigkeiten vorgestellt. Aber trotzdem macht es Spaß, zusammen mit kasachischen Pfadis zu arbeiten. Und wir lernen unseren Teil dazu: Workcamp auf Kasachisch ist nicht gleich Workcamp auf Deutsch.

Abende, an denen man bis spät in die Nacht diskutiert

Abends sitzen wir im Speisesaal zusammen, spielen und singen gemeinsam auf Russisch, Kasachisch und Deutsch. Oder wir feiern Geburtstag mit Skautskij tort, einen Kuchen aus Butterkekskrümeln, Rosinen, Milch und viel Zucker. Und dann gibt es diese Abende, an denen man bis spät in die Nacht diskutiert: über Pfadfinderkultur in Deutschland und Kasachstan, über Musik und auch über Schule und Universität. Das ist ein sehr fruchtbarer Austausch und hier schließen wir dann auch Freundschaften.

Und dann am Ende kommen die Kinder und Jugendlichen von ›Samal‹ doch noch. Sie kehren von ihrem Sommerlager zurück. Wir deutsche und kasachische Pfadfinder besuchen die Kinder und Jugendlichen mit ein paar fröhlichen Liedern, als sie aus dem Bus aussteigen. Es ist schön zu sehen, wie glücklich sie sind: vom Sommerlager und über den neuen Spielplatz. Am nächsten Morgen bereits spielen die Kinder in den neuen Sandkisten.

Etwa vierzehn Tage später sitzen wir alle tief in der Nacht zusammen am Feuer. Es ist der letzte Abend, den unsere Gruppe gemeinsam verbringt. Morgen wird ein Teil unserer Gruppe gehen, zurück nach Deutschland. Aber wir alle verabreden uns, wiederzusehen: Nächstes Jahr vielleicht schon, ein gemeinsames Workcamp Deutschland. Wir möchten eine Banja in Immenhausen bauen. Und ein letztes Mal erklingt unserer gemeinsames Lied auf Russisch und Deutsch: Raduga – das Regenbogenlied.

Im Internet:

Advertisements
Vorheriger Beitrag
Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: