„Mir ist wichtig, dass das, was wir tun, Leben positiv verändert…“

Ein Interview mit dem „Vater der JuLeiCa“ über den Wert der Kinder- und Jugendarbeit

laru: Was ist für Dich der oberste „Wert“ der Kinder- und Jugendarbeit?

Hans: Das Entscheidende ist für mich das, was die Jugendverbände in besonderer Weise tun: dass sie Kinder und Jugendliche für das Leben qualifizieren, dass sie ihnen die Chance geben, sich selbst bestmöglich zu entwickeln. Die Jugendverbände müssen von den Interessen der Kinder und Jugendlichen ausgehen und sich daran messen, ob das, was sie tun, Kindern und Jugendlichen auf ihrem weiteren Lebensweg hilft oder schadet. Das ist für mich der zentrale Basiswert. Der entfaltet sich dann  z. B. in Richtung Partizipation, Kooperationsfähigkeit, Selbstbewusstsein zu entwickeln usw..

Hans Schwab (63), ist Geschäftsführer des Landesjugendringes Niedersachsen und gilt als Vater der JuLeiCa. Das Interview mit Hans führte Pino am 27. August 2010 am Telefon.

Gibt es einen Wert, den Du speziell mit Pfadfindern
in Verbindung bringst?

Pfadfinder gehören sicher zu den Verbänden, die aus meiner Sicht das qualifizierteste Image haben, Jugendliche als einen wichtigen Bestandteil unserer Gesellschaft und unserer Welt zu begreifen, und darauf hinzuwirken, dass alles besser wird. Sie haben den Anspruch nicht nur selbst- bzw. ichbezogen unterwegs zu sein, sondern als Gruppe, auch mit dem Anspruch die Welt zu verbessern.

Findest Du denn, dass Pfadfinderverbände, mit ihrer über 100jährigen Tradition noch in die heutige Zeit passen?

Da bin ich sicher! Die entscheidende Frage ist für mich, wie sich die Pfadfinderinnen und Pfadfinder mit dem Zeitgeist auseinandersetzen und in wieweit sie auch
bereit sind, sich den Erfordernissen unserer heutigen Zeit gewissermaßen anzupassen, sie die Pfadfinderei als etwas begreifen, das zukunftsorientiert entwickelt werden muss. Dass sie Pfadfinderinnen und Pfadfinder heißen und eine lange Tradition haben, ist dabei allerdings auch zweitrangig. Es kommt vielmehr darauf an, wie offen und undogmatisch und wie zukunftsorientiert sie sind und denken – und nicht nur unkritisch verhaftet in der Vergangenheit. Es ist keine Frage, dass es gute und schützenswerte alte Werte gibt, aber sie müssen auch den Zeitgeist erkennen, um die Zukunft im Blick zu haben.

Wie beurteilst Du eigentlich die Situation der Jugendverbände in Niedersachsen?

Insgesamt sind sie recht gut aufgestellt. Natürlich sind wir in massiven gesellschaftlichen Veränderungen in der globalisierten Welt und die Prozesse aus denen sich jetzt Handeln entwickeln muss, sind extrem. Der entscheidende Punkt für die Zukunft wird sein, dass man den beschleunigten Prozessen gerecht wird und für sich selbst darüber nachdenkt, was das für die eigenen Strukturen, für unser Handeln, für unsere Kommunikation und unser Netzwerk bedeutet. An der Stelle ist es wichtig nicht nur zu sagen ‚das war immer so‘ und ‚immer gut‘, sondern bereit zu sein, z. B. die neuen Technologien zu nutzen, um die Kommunikation und Kooperation weiter zu entfalten und zu verbessern. Da liegt die Chance, insbesondere für die Jugendarbeit, das braucht unsere zukünftige Gesellschaft, es ist für sie zwingend.

Du arbeitest seit 33 Jahren beim Landesjugendring. Wie hat sich Jugendarbeit in dieser Zeit verändert,
wie sind die Jugendverbänden mit der zum Teil rasanten gesellschaftlichen Entwicklung umgegangen?

Da liegt die besondere Qualität der Jugendverbände. Es gab immer wichtige und gute Inhalte, ob es seinerzeit um die Abrüstung ging oder um Arbeit und Ausbildung. Es gab immer Zeiten, in denen bestimmte Inhalte ganz wichtig waren, vor allem für Kinder und Jugendliche, und auch für die Jugendverbände, um die Kinder und Jugendlichen zu bewegen. Aber die Dichte und Vielzahl der Notwendigkeiten, sich auf vielen Feldern inhaltlich auch zu bewegen, sich damit zu beschäftigen, war noch nie so groß wie heute. Früher hatte ein Verband seinen Schwerpunkt und war mit diesem mehr oder weniger allein unterwegs. Das wird mehr zu einer Einheit, weil wir vielmehr gezwungen sind, Dinge gemeinsam zu machen.

Waren Jugendverbände früher eigentlich „politischer“ als heute?

Vielleicht ‚anders politisch‘, weil sich auch die Frage von ‚politisch sein‘ im Erscheinungsbild verändert hat. Es gab bisher eine deutlichere Trennung zwischen ‚Freund‘ und ‚Feind‘, wie auch unter den politischen Parteien oder in der Gesellschaft insgesamt. Jetzt gibt es eine etwas weniger dogmatische Betrachtung, das gilt auch für die Jugendverbände. Früher war die Verbändelandschaft eher fraktioniert, manchmal findet man das auch heute noch. Aber eigentlich hat sich das Konsensprinzip durchgesetzt und es gibt eine ganz hohe Bereitschaft aufeinander zuzugehen und gemeinsam zu einem Ergebnis zu kommen, das dann letztendlich allen Kindern und Jugendlichen gerecht wird. Das ist sicher eine Qualität, die sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte entwickelt hat und beschreibt auch die Frage, wie politisch oder unpolitisch Jugendverbände heute sind: sie sind nicht weniger, sondern anders politisch, und ich finde eigentlich auch ‚besser‘ politisch.

Heißt „besser politisch“, dass sie Kinder und Jugendliche besser für das Leben qualifizieren?

Ja, das denke ich. Weil die alte Form von Politik, wie ich sie gerade beschrieben habe, vielleicht auch eher so eine Art ‚Papiertigerpolitik‘ war, d. h. am Ende hatte man ein Ergebnis und ein Papier, das ist irgendwo abgedruckt oder an die Wand genagelt worden. Was es dann wirklich bewirkt hat, im Innern des einzelnen Jugendlichen, das war eher eine zweitrangige Frage. Mir ist wichtig, dass das was wir tun Leben positiv verändert, und auch das Denken der Menschen verändert, ihr Bewusstsein und ihr Gefühl für Dinge. Und ich glaube, dass das, was heute passiert, viel stärker dahin wirkt, den einzelnen Jugendlichen als solchen letztendlich ernst zu nehmen und ihm ein – sagen wir mal – besseres Lebensgefühl vermittelt, ihm bessere Werte mit auf den Weg gibt, die dann schließlich wichtig sind für die Frage, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt. Früher war nicht alles besser, sondern im Gegenteil: die Chancen, Dinge besser zu machen, waren noch nie so gut wie heute.

Welche Bedeutung hatte die Kinder- und Jugendpolitik in den letzten Jahren in Niedersachsen?

Ich habe den Eindruck, dass wir in Nieder-sachsen zumindest ein ganz ordentliches Standing haben und mit unseren Aktivitäten und dem, was wir an inhaltlichen Fragen entfalten, zumindest belegt haben, dass Jugendverbände einen guten Job erfüllen. Das muss nicht euphorisch stimmen, weil es auch Trends gibt, die eher dagegen arbeiten, dass das in der Politik vernünftig gesehen wird. So ist etwa Politik insgesamt gesehen nicht mehr so jugendarbeitsnah, weil es z. B. immer weniger Menschen werden, die über die Jugendarbeit in die Politik gehen. Die Frage ist immer, wie man deutlich machen kann, auch der Politik die oft eher kurzfristig denkt, dass Jugendarbeit wichtig ist für die Entwicklung der Gesellschaft und welche Rolle sie im Kontext von Bildung spielt. Übrigens eines der für mich zentralen Stichworte: Jugendarbeit und die damit verbundene außerschulische Bildung hat einen ganz wichtigen Stellenwert, wenn es darum geht Bildung, deren Wichtigkeit von Gesellschaft und Politik anerkannt wird, positiv zu gestalten, zu fördern und so weiter zu
qualifizieren, dass unsere Gesellschaft lebensfähig bleibt. Es kommt darauf an, dies deutlich zu machen. Wenn man das ignoriert, macht man einen grundlegenden Fehler.

Was ist der Landesjugendring Niedersachsen?
Im Landesjugendring Niedersachsen e.V. (ljr) haben sich 19 landesweit aktive Jugend-organisationen zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen. Der BdP ist über die Niedersächsischen Arbeitsgemeinschaften von RDP und RdP im Landesjugendring vertreten.
Weitere Informationen findet ihr unter: www.ljr.de

Stichwort Bildung: Was wäre Dein Wunsch an die Landesregierung?

Dass Politik erkennt, welche Basiskompetenzen den Kindern und Jugendlichen über unser Bildungstun mitgegeben werden, die von Schule so nicht vermittelt werden können, was wiederum die Politik zu der Schlussfolgerung führen muss, dass Jugendarbeit, um sie im Feld Bildung voranzubringen, weiter qualifiziert und ausgebaut, sie gegebenenfalls förderpolitisch besser gestellt werden muss. Aber dieser Wunsch geht nicht nur an unsere, sondern auch an andere Landesregierungen, denn es ist ein bundesrepublikanisches Problem. Deshalb geht es uns als ljr auch darum, Vorkommnisse in anderen Bundesländern, wie z. B.
die massiven Kürzungen in der Sächsischen Jugendarbeit, ernst zu nehmen und zu begleiten, unseren Einfluss gelten zu machen.

Wie sind eure Erfahrungen mit der Landesregierung, gibt es Unterschiede
aufgrund der jüngsten personellen Veränderungen?

Da muss man erstmal abwarten, wie sich das entwickelt. Insgesamt bin ich da eigentlich optimistisch und es gibt einige positive Anzeichen, dass die Linie, die wir zuletzt hatten im Verhältnis mit der Landesregierung auch so fortgesetzt werden kann. Zudem hat sich
David McAllister, unser neuer Ministerpräsident, ausdrücklich dazu bekannt, im Grundsatz die Linie seines Vorgängers Christian Wulff fortzusetzen. Es gibt also insgesamt einen Blick für unser Arbeitsfeld und die Bereitschaft, uns ernst zu nehmen.

Überall ‚muss‘ gespart werden – gibt es nach der Haushaltsklausur im August 2010 Signale,
dass die Landesregierung 2011 in der Jugendarbeit kürzen wird?

Es gibt im Moment keinerlei Anzeichen, weder für Kürzungen in unserem Bereich noch für die Entwicklung von Kürzungsvorschlägen, was der erste Schritt wäre. Wir stehen also zumindest im ersten Schritt nicht zur Disposition. Um dies auch perspektivisch zu sichern, kommt es aber darauf an, dass, wenn bestimmte Stichworte fallen wie Jugendarbeit, Jugendverbandsarbeit, Jugendförderungsgesetz, damit positive Assoziationen verknüpft sind und nicht das Gegenteil.

Was können die Verbände dazu beitragen, dass es nicht zu Kürzungen kommt?

Das fängt an bei der Jugendarbeit vor Ort, dadurch, wie sie in Erscheinung tritt und wie sie deutlich macht, was sie an positiven Dingen leistet. Dann geht es natürlich weiter mit allem, was sich irgendwie für Politik fühlbar macht, einem Landesverband etwa, der eine öffentlichkeitswirksame Aktion macht. Eine positive Aktion zu transportieren beeinflusst maßgeblich das, was an Glaubwürdigkeit notwendig ist, um den Landesjugendring in seiner Arbeit, in seinen Kontakten zur Landespolitik zu unterstützen. Es geht also darum, das, was zur Politik transportiert werden soll, im wirklichen Leben zu belegen.

Obwohl viele Gruppen positiv von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden,
haben sie besonders unter der ‚klammen‘ Haushaltlage der Kommunen zu leiden…

Die fachliche Begleitung, Unterstützung und Förderung der freien Träger, also der Jugendgruppen, spielt in den Kommunen kaum noch eine Rolle. Eine Lücke, die tendenziell immer größer wird, und die zur Folge hat, dass so etwas wie Förderung nicht mehr so ernst genommen wird. Bezogen auf die Finanzierung der Jugendarbeit auf der örtliche Ebene glaube ich, dass es uns gelingen muss, als Träger der außerschulischen Bildung stärker in ein Gesamtsystem hineingedacht zu werden. Wenn in die Köpfe eindringt, dass Jugend-
arbeit in einem Bildungssystem mit Schule, wie es sich gerade entwickelt, eine wichtige Rolle als Bildungspartner wahrnehmen kann, sehe ich eine Chance, die Jugendarbeit auf der örtlichen Ebene zu stärken. Ob die Verbände unter den aktuellen Rahmenbedingungen damit nicht überfordert sind, ist eine andere Frage. Und das wird nicht von heute auf morgen gehen, aber als mittel- und langfristige Tendenz kann ich mir da was vorstellen.

Ist das eine Aufforderung zur Kooperation mit Schulen?

Vom Grundsatz her ja, man muss nur immer gucken, was das dann im Einzelfall bedeutet. Das hängt auch sehr stark von der Schule und den Verbandsstrukturen ab und dem Konzept, das dort verfolgt wird. Wenn man es hinkriegt, dass einigermaßen eine Kooperation auf Augenhöhe möglich ist, was schwierig ist – wenn dann eher in neuen Konzepten von Ganztagsschulen –, dann hat es eine Chance.

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