„Das sind doch alles Pfadfinder …“

Das Problem mit den rechten Bünden ist vielfältig. Sie gemahnen uns der schrecklichen Verbrechen in der Vergangenheit und unserer Verantwortung als Deutsche und als Pfadfinder in diesem Land.

von Backe

Die Idee der Pfadfinderei ist älter als die Hitlerjugend und auf Grund sehr gefälliger, leicht umzuformender Strukturen und der großen Beliebtheit dieser Bewegung, war sie die beste Wahl für die Nationalsozialisten. Unvergessen sind gerade für uns jedoch auch die vielen Pfadfinder, die darin verstrickt waren. Teils waren sie guter Hoffnung in die HJ eingetreten, sie noch von innen heraus ändern zu können, teils waren sie im Widerstand aktiv. Viele ließen ihr Leben in jener Zeit oder haben die gesamte bündische Widerstandsbewegung nachhaltig bewegt wie Eberhard Koebel (tusk).

Die Unterschiede sind marginal

Angesichts dieser Tatsachen schmerzt es umso mehr, wenn man von Menschen auf der Straße mit der HJ und dem Nazi-Regime in Verbindung gebracht wird. Oft fehlt dann auch einfach die nötige Zeit um aufzuklären, wenn man morgens auf Fahrt an einer Ampel einen provozierenden Zuruf bekommt. Und wie glaubwürdig ist man dabei?

Nun gibt es Leute, die wollen gar nicht eines Besseren belehrt werden, sondern würden selbst dann noch an ihrer Meinung festhalten, wenn sie ein bleierner Rettungsring auf einem weiten Meer wäre. Und dann gibt es diese Menschen, die aus der Vergangenheit nichts gelernt haben und dieselben alten Thesen und Parolen neu verpackt in geschickter Form in junge unwissende Köpfe schmuggeln. In diesen Bünden wird Gemeinschaft gelebt, wie bei uns. Sie haben eigene Traditionen die vorgelebt werden, wie bei uns. Es gibt Gruppenführer und Organisationsstrukturen, wie bei uns. Es gibt Trachten, Lager, Fahrten, Musik und Lieder, wie bei uns. Die erschreckende Erkenntnis heutzutage ist: Sie sind wie wir.

Sie sind wie wir.

Die Unterschiede sind marginal und im täglichen Gebrauch fallen sie niemandem auf und das macht es so schwierig, sie von uns zu unterscheiden und sich von ihnen zu distanzieren. Wie will man Eltern, die auch bei uns kaum Einblick in die Gemeinschaft und das Brauchtum haben, begreiflich machen, zu was für Leuten ihr Kind da geht? Wie will man ihnen etwas vorwerfen, wenn sie doch in gutem Glauben sind und keinen Unterschied zu „uns“ feststellen konnten?

Die Zeichen sind klein und nicht klar zu trennen. So lehnt der erzkonservative Nerother Wandervogel die schleichende Verrohung unserer Sprache und die vielen Anglizismen ebenso ab wie der Freibund, der anscheinend nicht bloß konservativ ist: Zusammen mit dem Sturmvogel, den Fahrenden Gesellen, dem Deutschen Mädelwanderbund und der Deutschen Gildenschaft wurde der Freibund vom Jubiläumslager 2013 auf dem Hohen Meißner mit großer Mehrheit der teilnehmenden 33 Bünde ausgeschlossen; 1990 spaltete er sich von der rechtsradikalen, mittlerweile verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) ab.

In der Freiburger Erklärung des Freibundes, der heute beteuert, sich von rechten Ansichten und Rechtsextremismus befreit zu haben, ist oft die Rede von dem eigenen Volk und dass durch die Globalisierung eine Entfremdung der eigenen Kultur hin zu einer, dem eigenen Empfinden nach, ärmlichen „einheitlichen Weltkultur“ stattfände.

Dies zeigt die Perfidität heutiger rechter Propaganda in der Jugendarbeit. Statt einer weltoffenen Philosophie wird die Angst vor einem Identitätsverlust des „eigenen Volkes“ und so unterschwellig auch der Hass auf alles Fremde geschürt.

Man sei dem eigenen Land in Liebe und Verantwortung verpflichtet, heißt es weiter, und das ist ja prinzipiell nichts Verwerfliches. Man träumt von einem friedlichen europäischen Miteinander der Vaterländer. Auch diese Formulierung macht einen stutzig und lässt Zweifel am Gesinnungswandel des Freibundes aufkommen. Ihre Werte „Treue, Zuverlässigkeit, Mut, Kameradschaft und Aufrichtigkeit“ reihen sich nahtlos darin ein. Begriffe wie „Volk“, „Vaterland“ und „Kameradschaft“ sind Warnsignale. Sie wirken alt und sind in gewissen Jahren der deutschen Geschichte mehr als genug für Verbrechen benutzt worden.

Kameraden hat man meiner Meinung nach an der Front und jeder von ihnen ist austauschbar. Freunde sind etwas anderes. Wenn ich einen Freund verliere, dann kann diesen Menschen, dieses Individuum niemand ersetzen. Ein Kamerad, der weicht leicht von meiner Seite und ein neuer tritt an seine Stelle.

In den Liederbüchern tauchen immer wieder Gedichte, Texte und Lieder von SS-Offizieren auf

Die Lieder der rechten Bünde sind zum Teil auch unsere Lieder, gerne wird an den Lagerfeuern am Abend in der Jurte gesungen und musiziert. Wie bei uns. Doch in den Liederbüchern und in den Publikationen tauchen immer wieder Gedichte, Texte und Lieder von SS-Offizieren oder HJ-Lieder auf. Wie selbstverständlich wird all das eingebunden in das tägliche Leben und so fällt es gar nicht auf.

Und mit diesem alten, braun angehauchten Jargon schleichen sich diese Bünde in die Köpfe unschuldiger Kinder und Jugendlicher und züchten lange nach dem Dritten Reich eine neue Generation angstverblendeter Faschisten heran.

Scheinbar aus purem Hohn führt der Freibund in seiner Erklärung die Meißner-Formel an und stellt sich somit unter ein Dach mit allen PfadfinderInnen und Wandervögeln in Deutschland.

Der Blog rechte-jugendbuende.de zählt u.a.:

  • die „Deutsche Gildenschaft“ (DG)
  • der „Freibund“
  • die „Fahrenden Gesellen – Bund für deutsches Leben und Wandern“ (FG)
  • der „Sturmvogel – Deutscher Jugendbund“
  • Deutscher Mädelwanderbund

zu den rechten Bünden.

Gründe dafür und aktuelle Informationen erhält man im Internet auf www.rechte-jugendbuende.de

Immer wieder kommt es zu Konfrontationen mit diesen Bünden bzw. Einzelnen ihrer Gruppen, da sie gern und durchaus erfolgreich an Veranstaltungen wie Singewettstreiten und Jugendfesten teilnehmen. Vielerorts wird ihnen auch auf Druck der anderen Teilnehmer auf die Veranstalter die Teilnahme versagt, doch Beispiele wie die Burg Ludwigstein, die diese Gruppen erst in einem Gespräch „prüft“, an Aktionen teilnehmen lässt und ihnen viel Verantwortung, wie z. B. beim aktuellen Bauprojekt der Burg überlässt, zeigen, wie gespalten die Meinungen über rechte Gruppen in der überbündischen Szene sind.

Der BdP hat sich gemeinsam mit dem DPV und vielen weiteren Bünden von diesen rechten Bünden distanziert und lehnt gemeinsame Veranstaltungen ab. In der Erklärung vom 2. März dieses Jahres heißt es:

„[…] Wir stehen für eine weltoffene Gesellschaft, in der Menschen ohne Ansehen ihres Geschlechtes, ihrer ethnischen Herkunft, ihrer kulturellen Identität und ihrer Religion gleiche Rechte und Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe genießen. In unseren konfessionell und parteipolitisch unabhängigen Bünden haben unterschiedliche politische Auffassungen ihren Platz, was selbstverständlich die Achtung der politischen Meinung auch des Andersdenkenden einschließt. Allerdings gibt es weltanschauliche Grundhaltungen, die sich nicht mit den von uns vertretenen Werten, die wir den uns anvertrauten Kindern und Jugendlichen vorleben, vereinbaren lassen. Dazu zählen wir menschenfeindliche Einstellungen, wie sie sich in Fremdenfeindlichkeit, Geschichtsrevisionismus und völkisch-nationalistischem Gedankengut äußern. Von diesen distanzieren wir uns hiermit in aller Deutlichkeit. Unsere ideelle Basis bilden die Werte der Pfadfinderregeln bzw. -gesetze sowie der Meißnerformel von 1913. Deshalb können wir es vor eigener Verantwortung und in innerer Wahrhaftigkeit nicht wort- und tatenlos hinnehmen, wenn Gruppierungen, die der Jugendbewegung zugehören wollen, solche Positionen vertreten. Wir möchten unsere Mitglieder einem derartigen Einfluss nicht aussetzen und werden mit diesen Gruppierungen keine gemeinsamen Veranstaltungen durchführen. […]“

Doch etwas nur abzulehnen, löst das Problem nicht.

Die Existenz dieser Bünde und dass sie Mitglieder haben, ist schlimm genug. Dennoch sollte man den Dialog mit ihnen nicht scheuen, wenn man ihnen begegnet. Gerade uns Pfadfindern obliegt es, diese Entwicklungen zu beobachten. Eine Distanzierung ist wichtig, um ein Zeichen zu setzen. Nicht nur für uns, sondern auch für die Öffentlichkeit. Doch etwas nur abzulehnen, löst das Problem nicht.

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